Flexibel, technikaffin, neugierig – wie die Millennials die Branche fordern

    Mit der «neuen Generation» wartet das Kundensegment der Digital Natives auf die Veranstalter.
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    Durch soziale Medien mit der ganzen Welt vernetzt, im digitalen Zeitalter aufgewachsen und auf der Suche nach möglichst viel Authentizität – die junge Generation unterscheidet sich in manchen Belangen von früheren Jahrgängen. Auch beim Reisen: Quasi mit dem Smartphone in der Hand geboren, sind die Jungen heute selbstständiger und individueller unterwegs als jemals eine Generation vor ihnen.

    Das stellt die Reiseveranstalter vor Herausforderungen. Verpassen sie die Chance, die Millennials für sich zu gewinnen, findet die Zukunft ohne sie statt. Doch hat diese Generation überhaupt ein anderes Reiseverhalten und andere Bedürfnisse? «Für die Millennials stehen Land und Leute im Vordergrund», erklärt Antonella Chieffo, Regionalleiterin Basel/Aargau bei TUI Suisse. «Sie wollen authentische Kultur erleben und schätzen Erfahrungen mehr als Besitz.»

    So würden die Digital Natives Teilleistungen wie Flüge problemlos selber im Internet buchen und dabei eigenständig recherchieren. Der Austausch mit Freunden via Instagram, Pinterest oder Facebook stehe dabei im Fokus. «Uns kontaktieren sie dann noch für ein spezielles Hotel oder eine sehr individu

    elle Rundreise», so Chieffo.

    TROTZ ALLEN DIGITALEN Kommunikationswegen – die Mund-zu-Mund-Propaganda sei immer noch am erfolgreichsten, sagt Sandra Studer von Globetrotter. «Die Jungen kommen weiterhin zu uns. Ein Beweis, dass auch sie fundiertes Wissen und persönliche Beratung schätzen.» Dies sieht auch Daniel Reinhart, Director Retailing & Distribution bei Hotelplan Suisse so, denn viele Junge hätten bei der Planung und Durchführung ihrer Reisen genauso das Bedürfnis nach Sicherheit sowie Bequemlichkeit. «Darin unterscheiden sie sich gar nicht so stark von den Kunden über 25 Jahren.»

    Zudem wäre es falsch, jung per se mit günstig gleichzusetzen, findet Annette Kreczy, Head of Retail bei Kuoni. «Bei den jüngeren Generationen wird eine Orientierung hin zu Erlebnissen und weg von Statussymbolen wie einem eigenen Auto beobachtet», erklärt sie. Daher seien jüngere Kunden auch durchaus bereit, mehr Geld für Reisen auszugeben. Zudem würden die Jungen mehrmals im Jahr verreisen, dafür über einen kürzeren Zeitraum – sogar Kurztrips bei Fernreisen seien nicht mehr unüblich.

    DIE MILLENNIALS sind bei STA Travel sogar die wichtigste Zielgruppe, hält Caroline Bleikert, General Manager Schweiz, fest: «Wir präsentieren uns als idealer Reisepartner für junge Weltentdecker und unser Portfolio bedient die Wünsche und Interessen dieser Zielgruppe.» Hierzu gehören Around-the-World-Tickets, Freiwilligenarbeit im Ausland, bis hin zu Sprachreisen oder einem Auslandpraktikum.

    Die Kommunikation beschränke sich hauptsächlich auf die Millennials und man bewege sich deshalb im Umfeld von Universitäten und Schulen. «Wir tummeln uns auch rege auf allen sozialen Kanälen, pflegen unseren eigenen Blog und arbeiten regelmässig mit beliebten Bloggern zusammen», sagt Bleikert. Dank der Tatsache, dass in ganz Zentraleuropa weitere Shops eröffnet wurden, stelle sie zudem einen leichten Gegentrend zum verkündeten Tod der Reisebüros fest: Denn wer ein Around-the-World-Ticket mit sechs bis acht Reisezielen buchen wolle, stelle schnell fest, dass dies online nicht so einfach sei, und schätze ein persönliches Beratungsgespräch. «Dadurch, dass unsere Mitarbeiter selbst junge Weltenbummler sind, ist die Hemmschwelle sehr gering», so Bleikert.

    SPEZIELLE ANGEBOTE für Junge in Form einer Angebotslinie brauche es nicht zwingend, sind sich die TOs mehrheitlich einig. Denn: «Kataloge sind für diese Generation nicht mehr zeitgemäss, sie schauen die Angebote lieber online an», erklärt Chieffo. Im Sortiment habe TUI hingegen die Marke Go Explore von Gebeco, die «Young and wild»-Reisen anbiete. Einen ähnlichen Namen hat die Themenwelt «Jung & wild» von Hotelplan Suisse, die auf der Webpage als Inspiration dienen soll und primär typische Party-Destinationen zeigt.

    Dass unterschiedliche Bedürfnisse bei der Reiseplanung 1:1 demographischen Segmenten zugeordnet werden können, glaubt man bei Kuoni nicht: «Auch jüngere Kunden haben einmal das Bedürfnis nach Erholung und Entspannung, ebenso wie es ältere Kunden gibt, denen Nightlife wichtig ist», so Kreczy. Eine Ausnahme seien Gruppen- oder Studienreisen: Hierbei würden die Jungen in der Regel nicht mit älteren Menschen reisen. Kuoni empfehle dann Produkte von Partnern wie Studiosus Young Line oder Yolo von Chamäleon, die sich gezielt an jüngere Zielgruppen richten.

    Baumeler hatte mit Yomads ebenfalls ein eigenes Projekt für junge Gruppenreisen. «Der soziale Aspekt war wichtig, die Kunden wollten sich bewusst einer internationalen Gruppe anschliessen», erklärt Michael Mettler, damals Geschäftsführer bei Baumeler und nun in derselben Position bei Helbling Reisen tätig. Nach eineinhalb Jahren wurde Yomads an Hauser Expedition verkauft. «Man hätte mehr finanzielle Mittel aufwenden müssen, um einen neuen Brand in diesem Segment etablieren zu können», so Mettler. Die Nachfrage sei hingegen durchaus vorhanden gewesen.


    Brauchen Millennials noch Reisebüros?

    Der Anteil der unter 25-jährigen Kunden sei in den letzten Jahren stabil geblieben, teilt Sandra Studer von Globetrotter mit. Er mache rund zwölf Prozent aus. Das Unternehmen sei bereits früher als Spezialist für massgeschneiderte Reisen wahrgenommen worden – «und dieses Qualitätsimage geniessen wir noch immer», so Studer. Auch STA Travel hat noch immer ein «junges» Image und fokussiert auf die Millennials als wichtigste Zielgruppe. Zu diesem Kundenstamm kommen jene dazu, die bereits früher mit STA als Backpacker verreist sind und nun Individualreisen, Sabbaticals oder Freiwilligenprojekte buchen würden. «Früher besuchten uns mehr junge Kunden als heute, damals oft auf Empfehlung ihrer Eltern», sagt hingegen Yvonne Arias, Regionalleiterin Zürich Agglomeration bei TUI Suisse. Heute sei ein kleiner Teil der Kundschaft unter 25 Jahren. Anders tönt es bei Hotelplan Suisse: «Wir haben eher mehr junge Kunden in unseren Reisebüros als noch vor fünf Jahren», so Daniel Reinhart. Kuoni liegen aktuell keine Statistiken zu Millennials vor.

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