«Ich liebe den Genfersee»

2014 war bisher seine beste Saison. Eine sympathische Begegnung mit dem Tenniscrack aus Saint-Barthélemy.
Stanislas
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Leidenschaft und Siegeswille.

Stan Wawrinka, was hat Sie als Junge dazu bewogen, sich für den Tennissport zu entscheiden?

Meine Eltern wollten, dass ich eine Sportart ausübe. Weil der Tennisclub des Ortes gleich neben unserem Haus lag, habe ich Tennis ausgewählt.

Interessierten Sie sich nicht für Mannschaftssportarten?

Ehrlich gesagt, habe ich mir diese Frage damals nicht gestellt. Tennis war aufgrund der Lokalität naheliegend, und mir hat der Sport gleich von Anfang an gefallen. Ich habe nie nach etwas anderem gesucht.

Ist es falsch zu behaupten, dass Tennisspieler Individualisten sind?

Sie müssen es oftmals sein. Tennis kann manchmal ein etwas egoistischer Sport sein, aber jede Regel kennt Ausnahmen. In Interclubs spielt man in einer Mannschaft. Das ist auch im Doppel und am Davis Cup der Fall. Wie jeder weiss, habe ich diesen Teamgeist immer sehr geschätzt.

Sie standen lange im Schatten von Roger Federer. War es schwer, diesen Status zu überwinden?

Nicht wirklich. Was aber im Gegenzug schwierig sein kann, ist immer mit ihm verglichen zu werden. Roger ist der beste Spieler aller Zeiten und niemand kann mit einer solchen Persönlichkeit verglichen werden.

Was kann man von einem solchen Spieler lernen?

Sehr viele Dinge. Als ich auf dem Tennisplatz ankam, war Roger bereits seit einer Weile dort und konnte viel Erfahrung sammeln. Seine Dienstbereitschaft, Freundlichkeit und Offenheit haben mir sehr geholfen, als ich auf der ATP World Tour aufgenommen wurde. Tennis ist sein Leben, er gibt 100 Prozent und liebt das, was er tut.

Wie beurteilen Sie rückblickend diesen historischen Sieg in Lille?

Es war ein verrücktes Wochenende voller Emotionen. Ich bin mehr als begeistert, dass ich diesen Moment mit den anderen Teammitgliedern und unserem Mannschaftskapitän «Seve» teilen konnte. Seit langem haben wir von diesem Moment am Davis Cup geträumt.

Sie waren stärker denn je, einzeln sowie im Doppel. Woher kam diese Energie?

Es ist kein Geheimnis. Ich liebe den Davis Cup und die Atmosphäre in Lille war unglaublich. Viele Schweizer waren da und haben uns angefeuert. Das Wochenende war einfach nur perfekt.

Könnte man sagen, der Sieg am Australian Open 2014 hat Sie lockerer gemacht?

Ich würde es nicht so ausdrücken. Ich habe bereits vor dem Australian Open sehr gute Resultate erzielt. Aber am wichtigsten ist, dass dieser Titel für immer auf meiner Siegerliste aufgeführt sein wird. Ich werde immer der Etappensieger des Grand Slam bleiben. Niemand kann mir das wegnehmen.

Einige Sportjournalisten bezeichnen Sie als psychologisch fragil. Ist dies tatsächlich der Fall?

Ich denke nicht. Jeder weiss, dass die Leute manchmal Dinge über Menschen schreiben und ein Urteil fällen, ohne diese Person wirklich zu kennen. Das ist hier nicht anders.

Wie finden Sie wieder Ruhe, wenn Sie nicht gerade an einem Turnier teilnehmen?

Ich widme viel Zeit meiner Tochter und meinen Freunden. Dann geniesse ich es auch zu kochen, einem Eishockeyspiel beizuwohnen oder um den See zu spazieren. Eigentlich führe ich ein ganz normales Leben.

Sie reisen das ganze Jahr durch die halbe Welt. Gibt es da noch Platz für Ferien?

Wenn man beruflich so viel unterwegs ist, hat man oftmals einfach nur Lust, zuhause neue Energie zu tanken. Aber ich entdecke dennoch gerne neue Orte. Letzten Sommer zum Beispiel sind wir nach Sardinien verreist. Diese Insel hat mir sehr gut gefallen.

Welches sind Ihre Lieblingsdestinationen?

Auf der ATP-Tour gefällt mir Melbourne sehr gut. Es ist eine sehr sympathische Stadt und die Menschen sindunglaublich gastfreundlich. New York bleibt natürlich eine besondere Stadt.
Aber mein Herz schlägt auch für Rom und Barcelona.

Was ist Ihnen lieber: Strand oder Berge? Städte oder endlose Weiten?

Das ist schwer zu sagen, da ich alles liebe. Ich liebe den Genfersee, die Landschaft dort ist wunderschön. Es ist immer eine wahre Freude dorthin zurückzukehren. Ich fühle mich auch
in den Bergen wohl, besonders in der Region rund um Gstaad, wo ich öfters zu Beginn einer neuen Saison mein Training absolviere.

Was unternehmen Sie sonst noch so in Ihrer Freizeit, haben Sie noch weitere Hobbys?

Wie bereits gesagt, ist mir die Zeit mit meiner Tochter und mit meinen Freunden sehr wichtig, darauf möchte ich nicht verzichten. Wenn ich in Malley bin, lasse ich es mir aber nicht entgehen, das eine oder andere Spiel des HC Lausanne zu besuchen.

Was werden Sie in 20 Jahren sein?

Gute Frage! Wieso nicht Eigentümer eines Restaurants in der Romandie?

Könnte dies möglich sein, nachdem Sie mit dem Kapitel Tennis endgültig abgeschlossen haben?

Ich habe bisher noch nicht wirklich darüber nachgedacht, was ich nach meiner Sportkarriere machen werde. Das liegt noch weit entfernt. Ich spiele gerne Tennis und glaube nicht, dass ich von heute auf morgen damit aufhören werde.

Sie haben sich im April von Ihrer Frau Ilham getrennt. Wo liegen die Gründe?

Wir haben zehn schöne Jahre gehabt, mit Höhen und Tiefen. Aber manchmal ist das Leben schwieriger, als man sich erhofft. Mit unserer geliebten Tochter Alexia sind und bleiben wir aber eine Familie.


DER STAR AUS «STAN -BARTHÉLEMY»

Stanislas Wawrinka erblickte am 28. März 1985 in Lausanne das Licht der Welt. Sein Familienname ist zwar polnischen Ursprungs, sein Vater Wolfram ist aber in Deutschland geboren und hat später die Schweizerin Isabelle geheiratet. Die Bauernfamilie hat noch drei weitere Kinder: der ältere Bruder Jonathan sowie die beiden jüngeren Schwestern Djanaée und Naëlla. 2010 wurden Stan und seine Ehefrau Ilham, von der er sich vor kurzem zum zweiten Mal getrennt hat, Eltern der kleinen Alexia.

Meilensteine in seiner Karriere waren der Sieg im Doppel an den Olympischen Spielen in Peking, das Australian Open oder das Turnier von Monte-Carlo 2014 und natürlich der historische Sonntag am Davis Cup.

Stanislas

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