Reiseleiter, Bootsbauer und Legende des Vitznauer Incoming-Tourismus

Tony Zimmermann zeigte mit seinem Reisebüro «Anker Travel» ausländischen Besuchern – darunter Audrey Hepburn – die Schönheiten der Innerschweiz.
© Florian Binder

Ein Anker an einem mehrstöckigen Wohnhaus in Vitznau am Vierwaldstättersee markiert die Wirkungsstätte des Tony Zimmermann: «REISEBÜRO TRAVEL-AGENCY» steht oberhalb der Glasfront des kleinen Ladens geschrieben, der nur einen Steinwurf vom Seeufer entfernt liegt. «Diesen Standort habe ich im Herbst 1969 bezogen. Seither gibt es das Reisebüro», sagt Zimmermann, der noch heute Mitglied von Schweiz Tourismus Zürich ist.

Immer noch aktiv

Zu den besten Zeiten waren hier bis zu vier Angestellte damit beschäftigt, ausländischen Reisegruppen einen unvergesslichen Aufenthalt in der Innerschweiz zu organisieren. Heute ist es etwas ruhiger geworden in den Räumlichkeiten von Anker Travel, der Geschäftsbetrieb wurde aufgrund des fortgeschrittenen Alters von Zimmermann stark reduziert – trotzdem ist der Gründer, wie er nicht ohne Stolz betont, immer noch an beinahe sieben Tagen die Woche vor Ort, um jeweils für einige Stunden hier zu arbeiten. «Gemeinsam mit einer Angestellten, die an zwei Halbtagen pro Woche kommt, arbeite ich immer noch hier. Mein Pensum teile ich mir selber ein», sagt er. Gerade erst gestern seien zwei Busse mit deutschen Besuchern angekommen: «Heute bringe ich hauptsächlich Kreuzfahrtgäste aus Deutschland für eine Nacht in der Region unter, bevor sie weiter nach Genua fahren.» Bis zum heutigen Tag übe er seinen Job mit Leidenschaft und Herzblut aus, «sonst würde ich es sicher nicht machen», kommentiert er. Bis dato habe er im Gesamten «ein paar hunderttausend» Kunden gehabt, schätzt er. Sein Erfolgsrezept: Man brauche Köpfchen, Verkaufstalent – und Mut: «Ich habe viele Sachen ausprobiert, erfunden und Ideen gehabt, die mich von der Konkurrenz abgehoben haben.»

Am Anfang war die Albatros 

Der Beginn seiner Tourismus-Karriere liegt eigentlich im Jahr 1964: Damals übernimmt der junge Mann von seinen drei, ihm zu zögerlich agierenden Brüdern den seit 1956 gemeinsam aufgebauten Schiffsbetrieb «Gebrüder Zimmermann», welcher mit einem Tessiner Holzboot namens Albatros seinen Anfang genommen hatte. Von da an habe er selbständig wirken können, blickt Zimmermann zurück. Der frisch gebackene Reiseleiter, eigentlich gelernter Elektro-Mechaniker und aus bescheidenen Verhältnissen stammend, setzte von Anfang an auf Bootsausflüge: «Mein Ziel war immer, Leute hier her zu bringen und mit ihnen auf dem See umherzugondeln», erzählt er beim Gespräch vor Ort. Bei der Kundenakquise kam ihm zugute, dass er noch kurz vor der Selbstständigkeit einen Sprachaufenthalt und eine Weiterbildung zum Reiseleiter in England absolviert hatte und dadurch Englisch sprechende Gäste empfangen konnte. «Im Januar 1970 fing ich mit 17 amerikanische Gruppen an; bis Ende September hatte ich bereits 240 solcher Gruppen mit je 45 bis 50 Personen verzeichnet.»

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Umgänglicher Reiseleiter

Danach seien seine Kunden vor allem aus England und Deutschland gekommen, erinnert sich Zimmermann. «Es kamen vielen Deutsche, da deutsche Jugend- und Sportvereine in Vitznau untergebracht wurden. Mit ihnen machte ich Exkursionen in der Region des Vierwaldstättersees und brachte ihnen so die Zentralschweiz näher. Schon kurze Zeit später kamen bereits jede Woche Gäste aus England und mit dem Schiff brachte ich diese zum Beispiel für einen Tag von Gersau und Vitznau nach Luzern oder zum Urnersee und erklärte ihnen die Umgebung auf englisch.» Dies habe sich zur Basis seines Geschäfts entwickelt, welches von Anfang an gut gelaufen sei. Die Rolle des Reiseleiters passt gut zu Zimmermann. Wer im Tourismus arbeite, sollte umgänglich sein, ist er überzeugt: «Ich vermittle und helfe gern. Man muss den Umgang mit den Leuten schätzen.»

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Nicht mehr rentabel

Dank des eigenen Bootbetriebs konnte der Anker-Travel-Gründer zu Beginn seiner Karriere auf eine Flotte von bis zu sechs Exkursionsbooten mit je 40 bis 80 Plätzen zurückgreifen, von welchen der Grossteil selbst gebaut gewesen sei (das erste hiess übrigens Aurora). Noch heute besitzt er ein Schnellboot aus diesen Tagen: «Ich baute das erste Schnellboot aus Stahl, als diese Typen noch mehrheitlich aus Polyester hergestellt wurden. Unsere Konstruktion war nicht nur länger, sondern auch 300 Kilogramm leichter als vergleichbare Polyester-Boote. Es hat 270 PS und fährt 78 km/h schnell.» Doch auch bei Kapitän Zimmermann lief nicht alles immer reibungslos: Der von ihm ausgebaute Schiffsbetrieb musste 1995 schliesslich an ein deutsches Unternehmen verkauft werden. «Ich musste einsehen, dass Bootsausflüge nicht mehr rentieren.»

Einstieg ins Incoming-Business

Noch während seiner Zeit als Reiseleiter begann sich Zimmermann auf die Unterbringung von ausländischer Reisegruppen in Hotels in der Region zu konzentrieren. «Eines Tages fragte mich ein Hotelier, ob ich ihm bei der Gästeunterbringung behilflich sein könne, da er keine Kapazität mehr habe. Und da ich genügend Leute aus der Umgebung kannte, übernahm ich den Auftrag und erkannte schnell, dass eine Nachfrage danach besteht. Ich nahm also Kontakt zu meinen ausländischen Geschäftspartner auf und meinte: ‚Wenn ihr Hotels braucht, kommt zu mir, ich übernehme das für euch.‘ So bin ich ins Incoming-Geschäft eingestiegen. Zum Teil hatte ich 50’000 bis 60’000 Übernachtungen pro Jahr», erinnert sich Zimmermann an die glorreichen Tagen seiner Incoming-Laufbahn. Heutzutage kämen mehrheitlich Japaner und Chinesen in die Schweiz, beobachtet Zimmermann, die Zahl der Deutschen, Amerikaner und Holländer sei zurückgegangen. Die Gäste aus dem Fernen Osten seien sparsamer: «Früher verkaufte ich Halbpension, heute bloss noch Zimmer mit Frühstück. Die asiatischen Touristen bleiben meistens nur eine Nacht und ziehen bereits am nächsten Morgen weiter», sagt er.

Audrey Hepburn und das Wasserskifahren

Von den zahlreichen Kundenbegegnungen, die er im Laufe seiner Karriere gehabt hat, ist ihm vor allem eine mit einem amerikanischen Filmstar lebendig in Erinnerung geblieben: «Eines Tages sollte ich Audrey Hepburn das Wasserskifahren beibringen, die mir deshalb vom Hotelbesitzer des Bürgerstocks anvertraut wurde», verrät er. «Sie kam im Morgenmantel zu mir ins Boot gestiegen, zog den Mantel aus und stand plötzlich im Bikini vor mir. Ich dachte: Wenn das nur gut geht … Wir fuhren hinaus, und ich erklärte ihr, wie sie sich festhalten und gleichzeitig auf den Ski stehen sollte. Das tat sie zwar, stürzte aber bei einem Versuch schon bald ins Wasser … Als ich sie dann wieder zu mir aufs Boot zog, hatte sie auf einmal keine Badehose mehr an. Als ich das sah, ignorierte ich es höflich», schmunzelt Zimmermann, als er die Geschichte erzählt.

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Im Rückblick sei er mit seiner Karriere und seinem Lebenslauf zufrieden: «Es ist mir immer alles sehr gut gelungen. Ich bin glücklich, viele Leute zufriedengestellt und ihnen etwas gezeigt zu haben. Darüber habe ich unter dem Namen <Anker Tony> ein Buch mit allen Vorkommnisse geschrieben.»

Florian Binder

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