Als Reto Amin im Januar zu seinen Erwartungen fürs Jahr 2011 befragt wurde, zeigte er sich sehr zuversichtlich. «Wir werden im Vergleich zu 2010 sicherlich kein schlechteres Ergebnis erzielen», sagte der Geschäftsführer des Ägypten-Spezialisten Amin Travel damals. Inzwischen ist in Ägypten viel passiert und bei Amin auch. Zahlreiche Kunden haben ihre Reise annulliert, die Neubuchungen blieben aus, und eine Gruppenreise mit rund 40 Pax musste ebenfalls storniert werden.
Wie viel Umsatzeinbusse Amin wegen der Ägypten-Krise im laufenden Jahr machen wird, kann er noch nicht abschätzen. «Die für uns zweitwichtigste Saison ist ausgefallen, das wird stark ins Gewicht fallen», sagt Amin. Viele Leute warten noch ab, bevor sie wieder buchen einzig einige Repeater lassen sich nicht beirren. Immerhin haben diverse Kunden angetönt, dass sie ihre annullierte Frühlingsreise im Herbst nachholen wollen.
Mit dem Geschäftsjahr 2010 zeigt sich Reto Amin hingegen sehr zufrieden: «Nach einem schwachen 2009 verlief das vergangene Jahr unerwartet gut, mit einer Umsatzsteigerung zwischen 10 und 20%.» Amin spürt einen gewissen Nachholbedarf nach der Wirtschaftskrise: «Vor den Unruhen wurden tendenziell wieder grössere Dossiers gebucht. Die Leute sind wieder bereit, mehr zu zahlen und dafür einen Mehrwert zu erhalten.»
Generell stellt Amin fest, dass viele Leute gerade was Ägypten anbelangt die Nase voll haben vom Massentourismus. «Die Segeljachten etwa, die nur sechs bis acht Kabinen bieten, liegen voll im Trend.» Die kleinen Schiffe können an exklusiven Stellen anlegen, von wo aus dann beispielsweise Bauern besucht oder Barbecues veranstaltet werden können.
Den kundenbedürfnissen entsprechend hat Amin zudem das Programm «Ägypten hautnah» neu ins Angebot aufgenommen. «Es handelt sich um eine sehr exklusive Reise, bei der man spezielle Orte erleben kann, wo sonst kaum ein Tourist ist», erklärt Amin. Dazu gehören ein Spaziergang durch das islamische Kairo mit seinen Märkten und Moscheen oder Übernachtungen in Bauerndörfern. In Luxor übernachtet man zudem in speziellen, traditionellen Hotels am Westufer des Nils, während sich die meisten grossen Touristenhotels am Ostufer befinden. «Auch diese Programme mit ihren speziellen Elementen können bereits wieder durchgeführt werden», erklärt Amin.
Nebst einigen neuen Hotels hat Amin auch die Palette an Wüstenreisen erweitert ein Angebot, das sich üblicherweise ebenfalls einer grossen Nachfrage erfreue. Bestehen bleiben die geführten Gruppenreisen mit oder ohne Badeferien-Verlängerung, die von Reto Amin selbst oder von seinem Vater, dem Firmengründer Ahmed Amin, geführt werden.
Letzterer hat sich ansonsten weitgehend vom operativen Geschäft zurückgezogen. Im Januar 2010 hatte der Firmengründer die Geschäftsführung an seinen Sohn Reto übergeben. Ein Jahr später ist der Generationenwechsel nun vollzogen: Seit Mitte Januar ist Amin Senior nicht mehr im Büro anzutreffen. Nun unterstützt Vater Ahmed Amin die Firma noch von zuhause aus, hilft im Marketing und in der Produktion und begleitet wie erwähnt die Gruppenreisen. Zudem ist er weiterhin häufig an Messen am Ägypten-Stand anzutreffen. Neun Jahre lang haben Vater und Sohn nun zusammengearbeitet «die wichtigen Entscheidungen werden wir immer noch gemeinsam fällen», sagt Reto Amin.
Stefan Jäggi



