Herr Naef, was entwickelt sich eigentlich schneller: die IT-Branche oder das Emirates-Wachstum?
Ich denke, bei Emirates geschieht mehr Wachstum, aber in der IT-Branche gibt es mehr Veränderungen. Man muss dazu sagen, dass in der Reisebranche die Airlines immer schon eine Vorreiterrolle in der IT hatten. Aber in den letzten Jahren haben sie die Entwicklung etwas verschlafen; viele sind finanziell unter Druck geraten und stellten die Investitionen ein. Erst jetzt macht sich wieder ein Umbau bemerkbar, mit den Themen Mobilität, Cloud Services etc.
Hat auch Emirates die Entwicklung verschlafen?
Als ich vor sechs Jahren zur Emirates Group stiess, war ich überrascht, wie schlecht die IT aufgestellt war. Wenn eine Firma so stark wächst, konzentriert man sich oft nur auf die Tagesprob-leme und vernachlässigt Strukturanpassungen. Es gab keine Architektur und Strategie, keine Skalierbarkeit. Wir haben dann ein komplettes Change-Projekt gestartet, die Organisation neu aufgestellt und Systeme standardisiert.
Wo stehen Sie IT-mässig heute?
Vieles ist besser, aber perfekt ist es noch nicht. Das hängt auch etwas mit der Personalsituation zusammen: Da wir die grösste und fortschrittlichste IT-Organisation in der Region sind, wollen alle meine Leute abwerben, und ich finde nur schwer neue. Bezüglich Ausbildungsstand und Leistungsniveau sind wir unter dem Level der IT-Abteilungen europäischer Airlines. Das kann ich aber durch wesentlich tiefere Kosten kompensieren: Statt einer Person für eine Aufgabe stelle ich dann halt zwei oder drei ein.
Was sind zurzeit die wichtigsten IT-Projekte bei der Emirates Group?
Ein grosses Thema ist der Bereich Mobilität. Vor zwei bis drei Jahren gab es noch keine iPads, keine Android-Phones; da ist in Kürze ein völlig neues Segment entstanden. Bei den Apps waren wir etwas im Rückstand, setzen jetzt aber voll auf den HTML5-Standard. Ausserdem entwickeln wir ein neues Reservationssystem, ein riesiges Projekt. Heute nutzen wir noch ein Derivat von Axsres, das auf einem veralteten, 50-jährigen System beruht.
Weiter sind wir zurzeit mit einem Rebranding der gesamten Emirates-Internetpräsenz beschäftigt. Ich darf noch keine Details verraten, nur so viel: Emirates soll zu einer Lifestyle-Marke werden. Wir sind wohl die erste echte globale Airline, die sich nicht primär mit einem einzelnen Land identifiziert. Damit wollen wir das attraktive Segment der «Weltenbürger» ansprechen.
Welche IT-Herausforderungen kommen nächstens auf die Branche zu?
Meiner Meinung nach wird es Zeit, den alten Zopf der GDS abzuschneiden. Die haben keine Berechtigung mehr, es gibt keinen geschäftlichen Nutzen für eine Airline. Man zahlt jedes Mal eine Gebühr pro Segment, und das in einer Branche, die extrem unter Kostendruck ist. Zudem verkauft man die Tickets so zu einem grossen Teil anonym. Airlines wollen auf Direct Connect setzen, wollen kontrollieren, an wen sie welchen Sitz zu welchem Preis verkaufen.
Stefan Jäggi
Zur Person
Der Schweizer Patrick Naef (46) ist seit 2006 CIO und Divisional Senior Vice -President IT der Emirates Group sowie Geschäftsführer von Mercator, der -IT-Tochter von Emirates. Er hat rund 2500 IT-Mitarbeiter unter sich und verwaltet ein Budget von rund CHF 260 Mio. plus CHF 55 Mio. für Investitionen. Zu den Kunden zählen 150 weitere Airlines. Von 1998 bis 2001 war Naef bei der Swissair tätig, zuletzt als CIO; Erfahrung hat er u.a. auch im Banken-, Versicherungs- und Industriesektor.
SJ



