Gift und Galle (Ausgabe 2008-16)

Angelo Heuberger über den Konflikt Swiss und Reisebranche

In der Schweiz eskaliert der Disput betreffend Preferred Fares mit
GDS-Gebühren zwischen Swiss und Reisebüros. Längst hat die
Emotionalität über die Sachlichkeit obsiegt. Die Parteien bewegen sich
gefährlich auf einen «Point of no Return» hin, wo es am Ende nur noch
Verlierer geben könnte. Und dies in einem Markt, wo die Margen hüben
wie drüben schwach sind, und wo gerade eine Konjunkturflaute im Anzug
ist. Eine sachliche Beurteilung der Situation ist anspruchsvoll, das
Thema extrem komplex und vor allem komplett intransparent.

Keine der Parteien möchte das Gesicht verlieren, und so bewegt sich an
den festgefahrenen Positionen nichts. Der SRV, auch mit starker
Unterstützung seitens STAR, erwartet einen Schritt von Swiss; Swiss
wiederum erwartet ein Einlenken der GDS sowie die Solidarität der
Reisebüros in ihrem Bestreben, die GDS in die Knie zu zwingen. Das
vermeintliche Dreiecksverhältnis ist in Tat und Wahrheit ein dreifaches
Bilateral-Verhältnis: Swiss/GDS, Swiss/Retailer und Retailer/GDS.

Lufthansa und mit ihr die Schweizer Tochter Swiss haben mit der
Ankündigung der sogenannten Vorzugspreise via GDS Mitte Januar das
Kriegsbeil ausgegraben. Während sich in Deutschland die Fronten
aufweichen, da rund 80% den neuen Agenturvertrag unterzeichnet haben,
scheinen die Schweizer Reisebüros bis zum Umfallen kämpfen zu wollen.
Die Solidarität zwischen den grossen Ketten und dem Mittelstand, sowohl
im Commercial als auch im Leisure Business, hält derzeit an. Das
überrascht und erstaunt sowohl Lufthansa als auch Swiss massiv. Beide
Airlines haben das Beispiel aus England im Kopf, wo durch Druck das
neue, sogenannte Opt-in Modell mit deutlich tieferen GDS-Kosten
eingeführt wurde.

Lufthansa scheint für die unterschiedlichen Marktverhältnisse in der
Schweiz kein Verständnis zu haben und diese auch nicht akzeptieren zu
wollen. Die beiden involvierten Swiss-Manager Harry Hohmeister und
Rudolf Schumacher stehen damit zwischen Hammer und Amboss. Sie haben es
bislang noch nicht geschafft, ihre eigentlichen Ziele zu verfolgen und
dafür auch Support zu erhalten. Das Ziel der Swiss lautet immer wieder:
Die GDS müssen sich bewegen und zur Kosteneinsparung in der
Vertriebskette wesentlich beitragen. Die GDS wiederum lehnen sich
zurück und haben bis dato keine Veranlassung zur Änderung ihrer
Strategie entdeckt. Dies könnte jedoch eines Tages zum Bumerang werden.
Offenbar gehört das GDS Amadeus zu den «bösen Buben» im Markt, was
jedoch niemand so offiziell verlauten lässt. Das GDS Galileo, so hört
man, sei prinzipiell bereit, über neue Eckwerte zu sprechen. Und auch
das GDS Sabre beobachtet die Szene mit wachsendem Interesse. Gemäss
Swiss sei bereits seit zwei Jahren erfolglos auf eine Vertragsänderung
hingearbeitet worden, – nun laufe der bestehende Vertrag mit Amadeus
Ende Juni aus. Eine Delegation aus Madrid wird noch im April erwartet.

Allzu gross ist der Spielraum der Swiss jedoch nicht, denn ein jetzt noch gültiger «Code
of Conduct for computerised reservation systems» regelt die
Rahmenbedingungen. Die vorliegende Regulation der EU entstand noch in
einer Zeit, wo die Airlines die CRS gründeten und danach auch ganz
besassen. Heute sind verschiedene Airlines minderheitlich beteiligt,
was ebenfalls Gegenstand von Diskussionen ist. Eine Änderung der
Regulation liegt zwar zur Abstimmung im Juni 2008 auf dem Tisch, dürfte
aber von der EU-Kommission kaum vor Ende des Jahres oder sogar erst im
2009 in Angriff genommen werden. Vorteile gäbe es dann für die
Airlines, welche bei Annahme des neuen Regelwerkes mit den GDS
unterschiedliche Content-Vereinbarungen treffen könnten. Dies würde
eine echte Konkurrenz innerhalb der GDS ermöglichen und für eine
wahrhafte Deregulierung sorgen. Wie weit dies auch im Sinne der
Retailer ist, bleibt im Dunst der lokalen, bilateralen Verträge
zwischen GDS und Reisebüro verborgen. Für die einen sind die bisher
gewährten Incentives substantiell, für die anderen nicht.

Der SRV-Präsident proklamiert nach wie vor, das Modell werde in der
Schweiz keine Chance haben. Er will den Druck aufrechterhalten.
Lufthansa und Swiss werden aber voraussichtlich ihre Preferred Fares in
beiden Ländern ungeachtet der Widerstände implementieren. Die
ursprünglich einmal von Swiss angedeutete separate Schweizer Lösung ist
wohl kaum realistisch und dürfte aufgrund der festgefahrenen Diskussion
ausser Traktanden fallen.

Die Kriegsrhetorik des SRV ist verständlich, will sich doch der Verband
bei seinen Mitgliedern profilieren. Aber sie birgt auch Gefahren, denn
die Solidarität unter den Marktteilnehmenden könnte ähnlich wie in
Deutschland am Ende auseinanderfallen. Die vergangene Woche
publizierten Massnahmen sind mehr als nur ein Säbelrasseln.
Insbesondere der Aufruf an die Mitglieder zum passiven Verkaufen greift
den National Carrier frontal an. Auch die Empfehlung einer
Nichtteilnahme an Events von Swiss kommt dort ganz schlecht an.
Offenbar auch bei einzelnen Mitgliedern, denn sowohl die Chefs der
grossen Unternehmen als auch deren Angestellte halten sich ganz
offensichtlich nicht daran.

Der SRV wäre gut beraten, den Gegendruck zwar aufrecht-, aber auch den
Dialog offenzuhalten und diesen zu gegebener Zeit noch mehr mit rein
sachlichen Argumenten zu führen.