Ist Geld verdienen anstössig? (Ausgabe 2011-35)

Jean-Claude Raemy zur anhaltenden Währungsdebatte

In der aktuellen TI-Ausgabe lässt Sara Stalder, die Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), mächtig Dampf ab. Ihr zufolge dauert es stets viel zu lange, bis die Reisebranche Währungsvorteile weitergibt – im Gegensatz zum Fall, dass es Währungsnachteile gibt. Zudem seien die Preise ohnehin viel zu teuer. Das höhere Schweizer Lohnniveau als «Entschuldigung» akzeptiert sie nicht.

Die Branche wird Stalders Argumente kontern. Die Sicherung von Preisen über eine ganze Saison erlaubt nur wenig Preisflexibilität. Die Löhne und Margen sind vergleichsweise tief. Das Abzocker-Image passt nicht so recht zur Outgoing-Reisebranche. Doch es wird die aktuelle Erwartung der Öffentlichkeit deutlich: Die Preise müssen auf das Niveau des umliegenden Auslands kommen, sonst wird kurzerhand in besagtem Ausland gebucht. Mit anderen Worten: Auf schwindende Margen folgt noch ein Auftragseinbruch. Das bringt die Veranstalter in die Klemme. Inzwischen wurde bereits angekündigt, dass die Reisepreise im Winter ziemlich flächendeckend um 15% und mehr sinken werden; teils wurden die Preise punktuell schon gesenkt, ebenso die Euro-Fixwechselkurse.

Die Folgen liegen auf der Hand. Für 2012 werden einige Unternehmen tiefer budgetieren müssen, weil die Umsätze einbrechen. Um trotzdem noch auf schwarze Zahlen zu kommen, muss weiter an den Kosten gefeilt werden. Das ist praktisch nur noch über Personalreduktionen und/oder Lohneinfrierung möglich. Die Vorzeichen auf eine Rezession – nicht nur in der Reisebranche – verdichten sich. 

Weitere Preisnachlässe und gleichzeitig Lohnerhöhungen zu verlangen, scheint in der Schweiz normal zu sein. Manche argumentieren, dass tiefe Margen nichts ausmachen, da ja noch Marge da sei. Dabei verwechseln sie allerdings Marge mit Gewinn. Von fetten Gewinnen kann in der Reisebranche derzeit nicht die Rede sein. Also ist das Einschlagen auf die vermeintlichen Abzocker aus der Reisebranche verfehlt. 

Frage: Ist Geld verdienen anstössig? In einem Marktumfeld mit gesunder Konkurrenz ist es natürlich, dass Preise gedrückt werden. Doch nun herrscht in der Schweiz erstmals flächendeckende «Schnäppchenstimmung», die zur Preiserosion beiträgt. Die gesetzlichen Vorschriften erlauben es den TOs jedoch nicht, mit gleichen Ellen zu messen wie Online-Reiseanbieter aus dem Ausland. 2012 wird ein sehr schwieriges Jahr.