Preiskampf als Chance für Retailer (Ausgabe 2010-10)

Jean-Claude Raemy zum Preiskampf

Eine Kurzumfrage bei unabhängigen Retailern fördert zutage, dass man
beim Geschäft mehr oder minder auf Vorjahresniveau stehe. Will heissen:
Der gute Start anfangs Januar ist abgeflaut, das bisherige Buchungsplus
schmilzt dahin. Die Hoffnung, man könnte 2010 schon wieder die
Rekordergebnisse des Jahres 2008 erreichen, ist wohl unrealistisch.

Die neuen Sommerkataloge stiessen zwar auf reges Interesse. Doch
bislang zögern viele Kunden mit der Buchung. Das massive Angebot an
Frühbucherrabatten und Specials wurde nicht mehr als in anderen Jahren
genutzt. Auch die Preissensitivität hält sich in Grenzen. Es scheint
eine Polarisierung zu geben: Zuwächse bei preiswerten und teuren
Angeboten, während die «Mitte» schwächer wird.

Obwohl die Situation nicht alarmierend scheint, ist in der Reisebranche
Nervosität zu spüren. Die Veranstalter haben nicht nur die
Frühbucherangebote ausgebaut und teils deren Laufzeit verlängert,
inzwischen sind sie dazu übergegangen, Konkurrenzangebote zu matchen.
Praktisch alle Retailer berichten, dass in diesem Jahr die TOs
bereitwillig matchen. Diese Praktik verdeutlicht, wie gross der
Preisdruck geworden ist – und wie wenig Geduld die TOs in der aktuellen
Buchungssaison haben.

Jahrelang wurden die Kunden mit Last-Minute-Preisen zu kurzfristigem
Buchen animiert. Seit einigen Jahren nun wird versucht, mit
Frühbucherrabatten, 1. Preislisten und Zusatzangeboten das
Buchungsverhalten wieder zu korrigieren. Das gelingt offenbar nur sehr
bedingt.

Offiziell demonstrieren die TOs noch Zweckoptimismus. «Die Schweizer
sparen bei den Ferien nicht», so die Parole. Doch wird die Konkurrenz
genau beobachtet, und das Matching zeigt, dass die Nerven blank liegen.
Es könnte daraus eine an und für sich unnötige Rabattschlacht werden.

Genau dies könnte für die Reisebüros eine Chance darstellen. Im Chaos
von Tagespreisen, Rabatten und Optionen muss jemand den Überblick
behalten, oder zumindest eine Verantwortung im Dienste des Kunden
übernehmen. Reisebüros müssen wie ihre Kunden im Internet aufwendig
suchen. Doch sie können gute Prei-se für die Kunden finden
(«er-matchen») und am Ende gute Gebühren dafür kassieren. Wer ins
Reisebüro geht, hat keine Schnäppchenmentalität, sondern setzt auf
Qualität und Sicherheit.