Real gewordenes Unternehmerrisiko (Ausgabe 2010-21)

Sara Marty über den Lernprozess der Mikro-TO

Und plötzlich ging in der Luft nichts mehr – zu Lande und zu Wasser
verlangten Hoteliers, Incoming-Agenturen und Kreuzfahrtgesellschaften
ihr Geld aber trotzdem, ganz egal ob die gebuchten Kunden erschienen
waren oder nicht. Es ist ihr gutes Recht; hätten sie ihren Teil der
Leistung ja erbringen können.

Während die einen Retailer mit der Erkenntnis davonkamen, dass ihr
lukratives Nebenbusiness als Mikro-Veranstalter gewisse Risiken mit
sich bringt, haben sich andere im Vulkanchaos ein blaues Auge geholt.
Lernprozess kann man es auch nennen. Obwohl Mikro-Touroperating so alt
ist wie das Reisebüro selbst, steckt das professionelle Mikro-TO vieler
Retailer noch in den Kinderschuhen. Da gehört es halt dazu, dass man
auch mal auf die Nase fällt. Um danach wieder aufzustehen und besser
als zuvor weiterzumachen.

Pflicht eines jeden Mikro-TOs muss es sein, bis ins Detail informiert
zu sein, wann er Veranstalter und in welchen Fällen er in welchem
Umfang haftbar ist. Dieses Wissen ist von enormem Vorteil, einerseits
in Verhandlungen mit Partnern und Leistungsträgern, andererseits aber
auch bei der Information von Kunden. Letztere müssen gemäss
Pauschalreisegesetz u.a. korrekt informiert sein, wer der
Reiseveranstalter ist. Das gestaltet sich allerdings schwierig, wenn
sich der Retailer selbst nicht im Klaren darüber ist. Für so manchen
Retailer, der vermehrt auf die Karte (Mikro-)TO setzen will, lohnt es
sich, die eigenen Reise- und Vertragsbedingungen mit Argusaugen
durchzugehen und wo nötig anzupassen. Genauso wichtig wie eine
rechtliche Absicherung ist aber auch die korrekte Einschätzung des
tragbaren Risikos.

Kaum ein Retailer betreibt Mikro-Touroperating ohne Zwang. Zu hohe
Preise für Produkte, die im Internet deutlich günstiger zu haben sind,
oder mangelnde Verfügbarkeit werden als Gründe angeführt. So wird die
Not zur Tugend gemacht und dem Kunden werden eigene Pakete geschnürt –
zu deutlich besseren Margen. Doch darf der Mikro-TO dabei nicht
vergessen, dass der Kunde seine Ansprüche bei Annullierung,
Nichterfüllung oder mangelhafter Erfüllung des Vertrages an ihn richten
wird. Ein Konzern wie Kuoni mag es sich ja leisten können,
Millionenbeträge als «Kulanz-Abschreiber» in den Sand zu setzen. Für
einen Mikro-TO kann ein Ereignis wie das Vulkanchaos im April die
Existenz bedrohen. Da lohnt es sich allemal, ein wenig Zeit in die
eigene Absicherung als Veranstalter zu investieren.