Reculer pour mieux sauter (Ausgabe 2008-49)

Peter Kuhn, Chefredaktor MIC, zum China-Tourismus

Die China National Tourist Administration hatte zum 10. China
International Travel Mart geladen, und es kamen Ende November über
tausend Einkäufer aus aller Welt nach Shanghai. Sie trafen sich mit
mehreren tausend Anbietern von touristischen Leistungen und
Leistungsträgern. Ob sich Deng Xiaoping, als er vor 30 Jahren die
Öffnung des Reichs der Mitte propagierte und den Tourismus in Gang
brachte, dies so vorgestellt haben mag? Wie dem auch sei: Die
Leistungen, die in den vergangenen Jahren in dieser Branche erbracht
wurden, sind schwindelerregend. Sie sind auch messbar, was die Chinesen
mit der Akribie von Menschen tun, die es von weit unten nach ganz weit
oben gebracht haben oder noch bringen wollen.

Kein Zweifel: Kein anderes Land hat es in derart kurzer Zeit
fertiggebracht, eine touristische Infrastruktur zu schaffen, die sich
mehr als nur sehen lassen kann. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt,
dass man zum Teil bei null beginnen konnte und keine Altlasten
mitschleppen musste. Angemerkt sei auch, dass die herrschende
Staatsform und Gesetzgebung vieles schneller möglich macht als
anderswo. Dies alles wäre aber ohne die an Fanatismus grenzende
Lernfähigkeit der Menschen nicht möglich gewesen. Darauf sind die
Chinesen zu Recht stolz.

Nun bietet der Rückgang des Tourismus in diesem Jahr, von dem niemand
so recht sprechen mag, Gelegenheit zu einer Art Marschhalt und
Besinnung auf neue Ziele oder allfällige Korrekturen. Dennoch liegt
vieles brach, gibt’s noch Verbesserungspotenzial. So gut sich die
Infrastruktur auf der Rennstrecke Beijing–Xi’an–Guilin–Shanghai
präsentiert, so viel ist abseits davon noch zu tun. Und sei es nur,
Promotionsmaterial in englischer Sprache bereitzustellen und diese
Sprache auch zu sprechen. Denn schon bald werden viele Besucher die
zahlreichen noch schlummernden Schätze der ältesten Hochkultur der Welt
sehen wollen.

Und sie werden Menschen begegnen wollen, die – ihnen ähnlich – eine
gewisse Unbeschwertheit ausstrahlen. So möchte man denn den Gastgebern
vor Ort zurufen: «Ihr habt es weit gebracht und werdet deshalb für voll
genommen.» Minderwertigkeitskomplexe sind fehl am Platz. Der Ablauf der
Olympischen Spiele steht dafür. Nun geht es darum, eine gewisse
Lockerheit im Umgang mit Rückschlägen und anderem Ungemach zu
entwickeln. Dann muss einem um das Nehmen der nächsten Hürden nicht
bange sein.