SAS-Strategie «Core» bedingt Hardcore-Umstrukturierung (Ausgabe 2009-15)

Radikale Gesundschrumpfung in Skandinavien. Schafft SAS den Turnaround?

Scandinavian Airlines (SAS) lancierte im Februar mit «Core SAS» ein
neues Strategieprogramm, mit welchem die Fluggesellschaft ihre
langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität steigern will. Die
Ankündigung der neuen Strategie folgte direkt auf die Präsentation der
Geschäftszahlen 2008, welche schlecht waren: Bei einem Umsatz von
umgerechnet CHF 7,5 Mia. resultierte ein Nettoverlust von CHF 851 Mio.

Die Implementierung von «Core SAS» hat nun begonnen. Die Strategie
stützt sich auf fünf Pfeiler: 1. Fokussierung auf den nordischen
Heimmarkt, insbesondere beim Marken-/ Firmenportfolio, 2. Fokussierung
auf Geschäftsreisende und Qualitätsoffensive «Service &
Simplicity», 3. Kostenreduktionen von umgerechnet CHF 567 Mio. mittels
Sparprogramm 2009–2011 und Neuverhandlungen mit Gewerkschaften, 4.
Straffung der Organisation und 5. Stärkung der Kapitalstruktur.

Zum genannten Sparprogramm gehört ein Arbeitsplatzabbau: Die zurzeit
rund 23100 Arbeitsplätze will SAS auf 14500 reduzieren. Dies erfolgt
einerseits durch den Verkauf von Unternehmensanteilen, welche 5600
Arbeitsplätze beinhalten. Dazu gehören die (bereits erfolgten) Verkäufe
von Spanair und Air Baltic sowie die geplanten Verkäufe der Anteile an
BMI, Air Greenland, Spirit, Estonian Airways und Skyways. Nicht
verkauft, aber «outsourced» werden die grössten Teile der
Tochtergesellschaften SAS Ground Services, SAS Technical Services und
SAS Cargo sowie die Call Center.

Die restlichen 3500 Arbeitsplätze werden aufgrund von
Flottenreduktionen oder Straffung der Organisation in diversen Märkten
redundant. Vor zwei Wochen wurden in Schweden 800 Arbeitsplätze
gestrichen – 300 in der Administration, 500 bei den Stationsbetrieben.
Letzteres wird durch den Strategiepunkt 4 ermöglicht: Die bislang
selbständig operierenden Unternehmensteile SAS Sverige, SAS Danmark,
SAS Norge und SAS International werden zu einer Gesellschaft
verschmolzen, in welche auch die verbleibenden Operationen der SAS
Ground Services übertragen werden.

Statt nationaler Einheit wird es drei «Produktionszentren» in
Stockholm, Kopenhagen und Oslo geben. Ein Hintergedanke ist dabei, dass
man damit die Verhandlungen mit den Gewerkschaften vereinfachen kann –
in den drei Ländern musste SAS bisher mit total 39 «Fachvereinigungen»
verhandeln.

Ein weiterer wesentlicher Kosteneinsparungspunkt sind die Flotten- und
Streckenreduktionen. SAS erzielt 92% des Umsatzes mit 61% der Strecken.
Im Shorthaulbereich wurden bereits zwei Flugzeuge entfernt, weitere
zwölf sollen folgen, sodass die Flotte dann 130 Maschinen (–10%)
umfasst. Im Langstreckenbereich wird von elf auf neun Flugzeuge
reduziert. Das hat auch die Schliessung unprofitabler Strecken zur
Folge. Dazu gehört ab dem 29. April die Verbindung Stockholm–Peking.
Der tägliche Flug zwischen Kopenhagen und Seattle – seit 43 Jahren im
Angebot! – wird im April auf fünf, im Mai auf sechs wöchentliche
Frequenzen reduziert und ab dem Winterflugplan 2009/2010 ganz
eingestellt.

Ferner wurde am 3. März auch die Strecke Kopenhagen–Delhi definitiv
eingestellt. Zu guter Letzt wird die Winterflugplan-Verbindung
Stockholm–Bangkok eingestellt sowie die tägliche Verbindung
Kopenhagen–Bangkok auf sechs wöchentliche Flüge reduziert. Damit wird
das ohnehin nicht gigantische internationale Netzwerk von SAS weiter
reduziert – Businessreisende aus dem Norden können aber von den
Verbindungen mit Star-Alliance-Partnern profitieren.

Viel zu reden gab auch die Kapitalerhöhung: SAS gibt Aktien im Wert von
umgerechnet CHF 850 Mio. aus und erhöht damit die Eigenkapitalbasis von
20 auf 30% oder SEK 15 Mia. (CHF 2,13 Mia.). Die Mehrheit der aktuellen
Anteilseigner, darunter auch die Staaten Schweden (21,4%), Norwegen und
Dänemark (je 14,3%), soll dafür sein.
Jean-Claude Raemy

«Kapitalerhöhung war die einzige Lösung»
Die norwegische SAS, «SAS Norge», konnte 2008 einen Gewinn von
umgerechnet CHF 20 Mio. bei gut zehn Mio. Passagieren vorweisen. «Dass
der SAS-Mutterkonzern demgegenüber einen Verlust einfuhr, begründet
Arnt Olav Haugland (Regionalchef Südwest, SAS Norge) einerseits mit dem
Spanair-Debakel («SAS musste bei Spanair NOK 2 Mia., das sind CHF 352
Mio., abschreiben»), andererseits mit Imageverlust infolge von Unfällen
sowie mit endlosen gewerkschaftlichen Diskussionen.

Haugland hielt jüngst in Bergen (Norwegen) ein engagiertes Referat, wo
er dem Imageverlust von SAS entgegenzuwirken versuchte: «Keine Angst
vor Low-Costern! Die Preise unseres grössten Konkurrenten Norwegian
beispielsweise liegen im Schnitt lediglich um NOK 100 (ca. CHF 18)
tiefer als unsere, dies bei deutlich schlechterem Service. Ausserdem
ist SAS die pünktlichste Gesellschaft Europas.»

Haugland steht zu 100% hinter der neuen Strategie: «Nachdem SAS seit
November Nachfragerückgänge verzeichnet – in Norwegen aktuell –11% für
Domestic bzw.
–15,4% für internationale Flüge –, gab es keine andere Lösung als die
Kapitalerhöhung.» Für Prognosen sei es aber zu früh: «Die ökonomische
Erholungszeit nach grossen Krisen dauert in der Airlinebranche immer
drei bis vier Jahre.»
Jean-Claude Raemy