SQ greift Qantas frontal an (Ausgabe 2012-44)

Singapur und Dubai kämpfen um Dominanz im eurasischen Verkehr. Auf Qantas könnten dabei Probleme zukommen.

Die vor einigen Wochen angekündigte Partnerschaft zwischen Emirates und Qantas hat den Flugmarkt zwischen Europa und Asien/Ozeanien aufgemischt. Da Qantas im Rahmen des neuen Abkommens ankündigte, den Europa-Verkehr künftig via Dubai statt via Singapur zu führen, geriet die «Lion City» unter Druck.

Singapore Airlines (SQ) hat nun gekontert und für rund USD 8 Mia. zusätzliche Airbus A380 und A350 gekauft. Das Ziel ist klar: Der Flughafen Singapur-Changi soll weiterhin der wichtigste Player im eurasischen Verkehr sein. Sieht man sich den Winterflugplan von Singapore Airlines an, wird der Angriff auf Qantas deutlich. So fliegt SQ neu vier (statt drei) Mal täglich von Singapur nach Perth und erhöht die Kapazität auf der Strecke nach Melbourne: Zwei von drei täglichen Flügen werden mit einem A380 geflogen statt wie bisher nur einer. Auch die Frequenz auf der Strecke nach London wird von drei auf vier Flüge pro Tag erhöht. Auf der Route Singapur–Hong Kong–San Francisco wird vom 28. Dezember 2012 bis 24. März 2013 ein A380 statt einer B-777-300ER verkehren, also neu zwei A380-Flüge nach Hong Kong pro Tag und erstmals per A380 nach San Francisco.

SQ hatte gar keine andere Wahl. Einerseits hat Dubai das System von Singapur, sich als wichtigen Hub für Luftfahrt, Schifffahrt, Finanzwesen und Industrieproduktion zu positi-onieren, seit längerem kopiert und damit begonnen, Geschäft insbesondere aus Europa abzugraben. Weiter hat sich Qantas mit der Low-Cost-Tochter Jetstar Asia in Singapur etabliert und erhöht nun die eigenen Frequenzen, um von Singapur aus mit Jetstar billige Flüge in ganz Asien für die australischen Kunden zu bieten.

SQ hat auf den «Low-Cost-Druck» bereits reagiert und letztes Jahr die Low-Cost-Tochter Scoot gegründet. Diese soll von SQ bestellte 20 B-787 Dreamliner erhalten. Qantas dagegen hat 35 Dreamliner abbestellt und investiert derzeit nach dem Prinzip «capital light», bindet also möglichst wenig Kapital. Das birgt im Kampf um die Rückkehr zur Profitabilität Risiken. Qantas «schenkt» dem Partner Emirates bereits jene Europa-Kunden in Perth oder Adelaide, für die es geografisch wenig Sinn macht, via Sydney oder Melbourne nach Dubai und weiter nach Europa zu fliegen; Qantas bietet ja nur noch ab diesen beiden Städten Flüge bis ganz nach Europa an. Emirates dagegen hat nicht nur ihre Kapazitäten nach Melbourne erhöht (drei tägliche Flüge, davon einmal per A380), sondern fliegt seit heute auch nonstop von Dubai nach Adelaide und wird ab dem 1. Dezember drei Mal täglich nach Perth fliegen. Immerhin wird Qantas die Strecke Sydney–Singapur–Frankfurt bis im Oktober 2013 (statt nur bis März) durchführen.

Wer aber ab Adelaide oder anderen australischen Städten nach Asien will, wird sicher via Singapur fliegen und nicht über Dubai. Ob bei Premium-Kunden das Gespann Qantas/Jetstar beliebter ist als das Gespann SQ/Silk Air, wird sich weisen müssen.

Den australischen Markt dominiert Qantas auch längst nicht mehr so klar wie früher. Singapore Airlines wächst dank der Partnerschaft mit Virgin Australia schon länger im australischen Heimmarkt von Qantas. Immerhin kann Qantas mit Sydney-Dallas wieder die längste Flugstrecke der Welt vorweisen nachdem SQ die Strecke Singapur–New York aufgibt.

Qantas muss dennoch aufpassen, im Kampf um die Vorherrschaft im eurasischen Flugverkehr nicht auf der Strecke zu bleiben.

Jean-Claude Raemy