US Airways: Chancen auf eine Fusion mit American steigen (Ausgabe 2012-27)

Offenbar will US Airways schon im Juli «Antitrust Filings» für eine Fusion mit AA einreichen.

Doug Parker, CEO von US Airways (US), erklärte vor Kurzem, dass es «grosse Fortschritte hinsichtlich einer Fusion mit American Airlines» (AA) gebe. Ihm zufolge reicht die Restrukturierung unter Chapter 11 bei AA nicht aus, um Marktanteils-Verluste im Domestic-Markt wettzumachen, weshalb eine Fusion für beide Airlines sinnvoll sei. 

Parker zufolge könnte der aktuell drittgrösste US-Carrier – hinter United und Delta – seine ursprünglich angedeutete «Stand-alone»-Strategie revidieren, weil das kombinierte Netzwerk von US und AA «die aktuell beste Alternative für AA» sei – wobei Parker damit natürlich öffentlichen Druck aufbaut, um die Fusion durch-zuboxen. Ihm zufolge stehen bereits zahlreiche Analysten und Shareholder beider Airlines hinter dem Fusionsplan. Die Aktien von US Airways haben seit Jahresbeginn um über 50% zugelegt.

AA war in der grossen Konsolidierungsrunde unter US-Airlines im letzten Jahrzehnt aussen vor. AA schrumpfte nicht, wurde aber durch die neuen Airline-Gebilde überholt: Nach dem Zusammengehen von Delta und Northwest, von United und Continental sowie weiteren kleineren Konsolidierungen fiel AA im Westen der USA marktanteilsmässig auf den 4. Rang zurück, im Osten auf den
5. Rang und im früher dominierten Midwest-Markt auf den 4. Rang. US Airways ihrerseits liegt im Westen auf Rang 6, im Midwest auf Rang 5 und im Osten auf Rang 3. Laut Parker würde eine Kombination US/AA im Osten und im Midwest marktanteilsmässig eine Spitzenposition innehaben und im Westen den 3. Platz (hinter Southwest und United).

Diese Marktmacht würde die Ertragsseite so verbessern, dass auch strukturelle Nachteile beseitigt würden. Laut Parker hat US Airways einen tieferen «Passenger Revenue per available seat mile» als AA, dafür einen deutlich besseren «Cost per available seat mile». Werden diese Werte gemeinsam optimiert, wird der Gesamtertrag klar verbessert.

US Airways plant nun, noch im Juli die erforderlichen Antitrust-Papiere einzureichen, welche den Weg für eine Fusion mit AA ebnen würden. Dies, um eine allfällige Unsicherheit über die Machbarkeit der Fusion präventiv aus dem Weg zu räumen. 

Die Eingabe soll laut Parker wenn möglich nicht unilateral, sondern mit der Unterstützung der wichtigsten Shareholder von AMR erfolgen. Mit anderen Worten: US Airways verfolgt einen Konsensentscheid, statt auf einen «unfriendly takeover» zu setzen.

Zu den zahllosen offenen Fragen, etwa zum Headquarter-Standort, den IT-Systemen, der Flottenangleichung etc., gibt es noch keine Antworten. Es ist aber klar, dass die Marke der ver-einten Airline American sein würde.

American Airlines muss aber zuerst die Hausaufgaben unter «Chapter 11» erledigen. Letzte Woche kam die Airline den Piloten mit höheren Gehältern und Beurlaubungsstopps entgegen, um sich im Gegenzug das Recht zu -sichern, andere Airlines und Piloten für gewisse Domestic-Strecken ein-zu-setzen. Die hohen Arbeitskosten der ei-genen Piloten können auch gedämpft werden, indem diesen weniger Gewinn-beteiligung ausgeschüttet wird.

Wie ist die Position von American?

AMR, der Mutterkonzern von American Airlines (AA), und die AA-Mitarbeiter weltweit, also auch in der Schweiz, geben keine offiziellen Stellungnahmen zum möglichen Deal zwischen AA und US Airways ab. Es ist aber bekannt, dass die Consultingfirma McKinsey im Auftrag von AMR auch diverse Fusions-möglichkeiten als strategische Option analysieren soll.

Im Prinzip möchte AA bis Ende Jahr den Gläubigerschutz nach Chapter 11 wieder verlassen, nach rund einem Jahr. Zur Erinnerung: AA ging nicht wegen drohendem Konkurs unter Gläubigerschutz, sondern aufgrund struktureller Zwänge: Unter Chapter 11 lässt sich eine nicht mehr zeitgemässe und kompetitive Kostenstruktur viel einfacher ändern. So wurden Gewerkschaftsverträge neu verhandelt – unter richterlicher Aufsicht – und auch Verträge mit Lieferanten neu aufgesetzt. 

Damit ist sichergestellt, dass AA per Ende 2013 über eine der jüngsten Flotten weltweit verfügen wird, mit einem Flottendurchschnittsalter von 5,5 Jahren. Rund 1000 Flugzeuge sind bestellt; mit den aktuellen Cash-Reserven von USD 5,5 Mia. lässt sich dies finanzieren.

Dennoch stellt sich die Frage, ob AA wirklich als «Stand-alone» bleiben will. Als Nummer 3 im US-Markt gibt es keine zwingende Notwendigkeit für eine Fusion mit US Airways. AA scheint aber auch die Vorteile zu erkennen, wenn man diversen Äusserungen von CEO Thomas Horton in US-Medien Glauben schenkt. An der Spitze zu sein (nach einer abgeschlossenen Fusion), hätte Skaleneffekte – «size does matter», wie es in den USA so schön heisst – zur Folge. Fast noch wichtiger: Die Oneworld-Allianz rund um AA würde stark profitieren, wenn US Airways – bisher ein Star-Alliance-Mitglied, dort aber im Schatten von United/Continental – übertritt und ihr Netzwerk im Osten der USA zur Verfügung stellt. 

Jean-Claude Raemy