«Virgin Atlantic nimmt drei tägliche Flüge LondonManchester auf.» Im ersten Moment tönt die kürzlich publizierte Meldung unspektakulär. Doch wenn man sich das bisherige Streckennetz von Virgin Atlantic Airways anschaut, stellt man fest: Es ist das erste Mal, dass die Airline von Sir Richard Branson ein Kurzstrecken-ziel in den Flugplan aufnimmt. Die klassische Langstrecken-airline fliegt in die USA, nach Indien, Afrika, Asien, Australien, Dubai und in die Karibik; Europa war bisher aber ein weisser Fleck auf der Landkarte.
Der Einstieg von Virgin Atlantic im Kurz- und Mittelstreckenbereich kommt jedoch nicht unangekündigt. Schon im Juli zeigte die Airline Absichten, ab 2013 die Strecke London HeathrowMoskau in ihr Streckennetz aufzunehmen. Der Verkehr zwischen den beiden Städten habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht da will Virgin Atlantic auch mitmischen,
zumal nach der Übernahme von British Midland (BMI) durch British Airways (respektive durch die International Airlines Group IAG, der BA angehört) ein Platz auf dieser Route frei geworden ist.
Schon damals betonte CEO Steve Ridgway, dass es sich dabei erst um den Anfang einer Strategie handle, das Langstreckennetz ab Heathrow neu mit einem ganzen Kurzstreckennetz zu füttern. Mit der Aufnahme von drei täglichen Flügen zwischen Heathrow und Manchester lässt er seinen Worten nun also Taten folgen. Die Virgin-Flugzeuge, allesamt Boeing 747, Airbus A340 oder A330, sind dafür aber etwas überdimensioniert. Die Airline wird deshalb vorerst drei Airbus A319 leasen.
Bei Virgin Atlantic macht man kein Geheimnis draus, mit dieser Aktion British Airways frontal angreifen zu wollen. Es gebe auf dieser Strecke einfach zu wenig Konkurrenz BA fliegt als einzige Airline, und dies bis zu 20-mal am Tag. Die BMI-Übernahme spielt hier übrigens wieder eine Rolle: BA hatte in Heathrow schon zuvor einen Marktanteil von 42%, mit BMI kamen nochmals 9% dazu. Aus diesem Grund beschwerte sich Virgin Atlantic bei der EU und bewarb sich sogar selber um BMI, unterlag in diesem Rennen aber. Nun will man die Marktanteile also auf andere Weise hereinholen.
Übrigens hat Virgin Atlantic auch bereits angekündigt, sie wolle sämtliche der 14 Slots in Heathrow kaufen, die British Airways im Zuge der BMI-Übernahme aus wettbewerbstechnischen Gründen abgeben muss. Diese Slots will Virgin dann für ihr neues Inlandflugnetz verwenden und damit wiederum BA konkurrieren.
Daneben hat Virgin Atlantic mit den zurzeit üblichen Airline-Problemen zu kämpfen. Trotz 2% mehr Passagieren rutschte die Airline im Geschäftsjahr 2011/12 in die roten Zahlen und musste kürzlich einen Verlust vor Steuern von GBP 80,2 (CHF 122 Mio) bekannt geben. Es ist erst das fünfte Mal in den letzten 24 Jahren, dass man im Minus abschloss.
An den Wachstumsplänen hält Virgin Atlantic aber fest: Bestellt sind unter anderem sechs Airbus A380 und 15 Boeing 787 Dreamliners. Und auch punkto Kurzstreckennetz wird sich die Airline einige Gedanken zur Flotte machen müssen.



