Allegro moderato

INSIDER-KOLUMNE von Kurt Eberhard. Der als «Travel Personality of the Year 2016» gekürte Reiseprofi kommentiert im TRAVEL INSIDE aktuelle Themen.
Kurt Eberhard

«Das Belenus Quartett setzt zu Wolfgang Amadeus Mozart’s ‚Allegro non troppo‘ aus dem Streichquartett Nr. 16 in Es-Dur KV428 an. Das gewählte erste Musikstück ist passend zum Anlass ’nicht zu fröhlich‘ aber auch nicht so traurig, dass es dem stets mit beiden Beinen und mit einer gesunden Portion Optimismus im Leben stehenden Verstorbenen nicht gerecht würde. Mein Blick schweift über die Zuschauermenge und ich mache mir beim Lauschen der wunderbaren Musik so meine Gedanken.

In der Kirche St. Peter in Zürich scheinen sich an diesem Montagnachmittag 31.8. geschätzte zweihundertfünfzig Trauergäste zum Abschiedskonzert in Gedenken an Oskar Laubi versammelt zu haben. Die vorangegangene Würdigung durch seinen Schwager wirkte einfühlsam und zeichnete mit viel Nähe, Respekt und auch Bewunderung ‚Oski‘ so, wie auch ich ihn in Erinnerung hatte. Es sind auch einige Touristiker anwesend. Eigentlich aber zu wenige, wenn man bedenkt, wie der Verstorbene die Branche über Jahrzehnte mitgeprägt hat.

Das bringt mich zum nächsten Gedanken. Ist mit dem Tod des Reiseunternehmer-Pioniers (Reisebaumeister, später Travelhouse) auch gleich der Niedergang der Schweizer Reisebranche eingeläutet worden? Stehen wir am Ende gar vor einem neuen Zeitalter, wo Reisen gar keinen Stellenwert mehr haben wird? Sind diese düsteren Gedanken nur dem traurigen Anlass, dem ich beiwohne, geschuldet oder steht es um unsere Branche wirklich so katastrophal, wie man aus Gesprächen und Medien den Eindruck gewinnen könnte?

Die Krise bedroht einen Grossteil der Reiseunternehmen

Ohne jeden Zweifel, die aktuelle Krise bedroht einen Grossteil der Reiseunternehmen in ihrer Existenz. Entsprechend wurde auch bei den allermeisten schon einschneidende Sparmassnahmen eingeleitet, Stellen gestrichen und Kündigungen ausgesprochen. Gewisse grosse Unternehmen haben zwar z.T. finanzstarke Mutterhäuser im Rücken aber auch diese kommen nicht um Personalabbau etc. herum und die Besitzer werden nicht ad Infinitum zuschauen, wie flüssige Mittel verbrannt werden. Allerdings besteht bei diesen Grossunternehmen die nicht abwegige Hoffnung, dass sie durch das Aussitzen des Sturmes, einhergehend mit einer Marktbereinigung, am Schluss gestärkt aus der Krise hervorgehen könnten. Entsprechend dem Prinzip des letzten Stehenden nach dem Duell oder im Gemetzel.

Gibt es Licht am Ende des Tunnels oder kommt es noch dicker? In Dürrenmatts ‚Die Physiker‘ kommt der folgende Satz vor: ‚Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat‘. Im Moment sieht es düster aus aber die Lebenserfahrung hat mich gelehrt, dass es ‚Erstens anders kommt und zweitens, als man denkt.‘

Meine Gedanken mäandern weiter. In ein paar Tagen darf ich in meiner Funktion als TTS-Präsident die neuen Lehrlinge der TTS-Betriebe während ihres Einführungsprogramms begrüssen. Diese jungen Menschen stehen am Anfang ihrer Berufskarriere und wollen Reisekaufleute werden. Ihnen allen ist der jugendliche Optimismus eigen. Sie kennen vor allem das Hier und Jetzt und können noch nicht auf 40 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Was soll ich ihnen sagen? Ich kann ja nicht vor sie hinstehen und auf Endzeitstimmung machen. Ich werde sie also dazu aufrufen unternehmerisches Denken zu entwickeln und stehts das Beste und nicht einfach nur ein «Genügend» anzustreben. Und dann komme das schon gut!

Was veranlasst mich diesen Optimismus weiterzugeben?
  • Erstens: Wenn alles nur noch düster aussieht, wird es irgendwann wieder aufwärtsgehen.
  • Zweitens: Die Bemühungen der Branchen-Taskforce den Bundesrat zu schneller Hilfe zu veranlassen, wurden zwar nicht belohnt. Aber die Politik wird die Empfehlungen des durch das Seco beauftragten Beratungsunternehmens Hanser Consulting nicht einfach so ignorieren können und hoffentlich irgendwann ein Hilfspaket schnüren. Bleibt zu hoffen, dass es dann nicht für viele schon zu spät ist!
  • Drittens: Die eigenständigen Unternehmer versuchen mit unglaublicher Tatkraft das Überleben ihres eigenen Unternehmens zu sichern und stecken nicht einfach den Kopf in den Sand. Es geht bei nicht wenigen um die Rettung ihres Lebenswerkes. Sie nehmen das Heft in die Hand und zeigen in beeindruckendem Ausmass Handlungsbereitschaft und Verantwortung. Wo so viel Herzblut offensichtlich ist, ist eine Prise Optimismus nicht fehl am Platz.
  • Viertens: Den Verbänden, allen voran SRV und STAR, scheint der Führungsanspruch in der Branche abhandengekommen zu sein. Man kann ihnen zwar keine Tatenlosigkeit vorwerfen aber allenfalls Ideenlosigkeit. Allerdings, und das stimmt mich dann eben wieder optimistisch, als äusserst tatkräftig und ideenreich haben Gruppierungen wie ‚Aktion Mayday‘ und TPA das Vakuum ausgefüllt, machen Druck auf allen Ebenen und treiben die Verbände vor sich hin. Was von diesen Leuten, fast ausschliesslich in Fronarbeit (!) für die Branche alles gemacht wird, ist eigentlich unbezahlbar. Chapeau! Diese freigesetzte Energie wird irgendwann zu handfesten Resultaten führen.
  • Fünftens: Es mag ein wenig Zweckoptimismus darin liegen aber ich kann es nicht lassen. Unsere liberalen Gesellschaften sind nicht dazu geeignet, dauerhaft immobil zu bleiben. Die Leute wollen entdecken, Verwandte und Freunde besuchen etc., etc. Sobald die uneingeschränkte Möglichkeit zum Reisen wieder da ist, wird es einen riesigen Nachholbedarf geben. Wer dann bereit sein wird, wird auch die Ernte einfahren können.
  • Sechstens: Zu viele Volkswirtschaften sind auf den Beitrag der Tourismusindustrie zum Bruttosozialprodukt angewiesen. Sie werden es sich längerfristig nicht leisten können, die Grenzen dauerhaft dicht zu machen.
  • Siebtens: Man arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Die Motivation ist eine Milliardenmarkt. Das wird früher oder später zu Resultaten und zu einer Entspannung führen.

Das Konzert in der Kirche St. Peter nähert sich dem Ende. Als hätte man beim Zusammenstellen des Repertoires meine Gedanken vorweggenommen, wird zum Schluss Das Stück ‚Allegro moderato‘ aus dem Streichkonzert Nr. 13 in a-Moll D804 ‚Rosamunde‘ von Franz Schubert gespielt. ‚Mässige Fröhlichkeit‘ und etwas Optimismus scheinen also angebracht! Mein Blick schweift zum Bild von Oskar Laubi vorne in der Kirche auf der Stafette. Er würde mir bei dieser Einschätzung sicher zustimmen.»