Ausblick 2021: Es ist die schlechteste aller Zeiten, es ist die beste aller Zeiten

INSIDER KOLUMNE von Peter Baumgartner. Der ehemalige Spitzen-Airliner blickt im TRAVEL INSIDE weit voraus und gibt wertvolle Tipps.

«Wir leben in einer seltsamen Welt. Es mag gerade sehr verlockend sein, für die Zukunft schwarz zu malen. Ich möchte dies aber nicht tun. Ich glaube eher, wir müssen einen Gang hochschalten. Deshalb habe ich mir das Zitat aus Charles Dickens‘ ‚A Tale of Two Cities‘ ausgeliehen und es umgedreht.

Ich glaube fest daran: Sie mögen kaum zu erkennen sein, aber es gibt sie, die Chancen. Diese Chancen müssen wir jetzt ergreifen – auch wenn wir demütig und bescheiden in die Zukunft blicken. Lassen Sie mich das etwas ausführen.

Letztes Jahr habe ich von den anstehenden ‚années folles‘ und den ‚roaring twenties‘ gesprochen. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, wie wild nur schon das erste Jahr, 2020, sein würde. Das Corona-Virus hält den halben Globus ‚gefangen‘ und fordert auf der ganzen Welt seinen Tribut. Hunderttausende verlieren ihre Jobs, ein Bankrott folgt dem nächsten.

Gleichzeitig sehen wir, wie schnell und radikal wir uns alle auf neue Situationen einstellen können. Die Digitalisierung macht in wenigen Wochen riesige Sprünge, für die man sonst Jahre benötigt. An jeder Ecke entstehen innovative Ideen. Menschen verschieben ihr gesamtes Wertesystem, persönlich und beruflich. Unternehmen passen ihre Überzeugungen und ihren Unternehmenszweck an neue Perspektiven an.

2020 ist unbestreitbar ein Wendepunkt. Dieser wird unser aller Leben noch über Jahre hinweg prägen, bis hin zu dem, was als Post-Covid ‚New Normal‘ in die Geschichte eingehen wird.

Was bedeutet das also für 2021? Und warum ist es gerade jetzt an der Zeit, Chancen zu ergreifen?

Grosse Veränderungen stehen bevor

Der Schuss vor den Bug, der Covid-19 war und ist – für diejenigen, die Glück hatten und denen nichts Schlimmeres passiert ist – hat uns alle etwas verwundbarer gemacht. Mehr, als wir es je für möglich hielten. Ich bin sicher, dass viele von uns mit grösster Überzeugung, sogar mit den engsten Freunden, über die zu ergreifenden Massnahmen gestritten haben. Aufgrund dieser Meinungsverschiedenheiten sind vielleicht sogar Freundschaften zerbrochen, die einst unzerstörbar waren. In der Tat hat diese Krise Persönlichkeiten aufgedeckt und Emotionen geweckt, die wir früher gut im Griff hatten.

Seit Wochen stelle ich fest, dass sich Menschen in meinem näheren oder etwas entfernteren Umfeld die wirklich grossen Fragen stellen. Nicht wenige nehmen ihre berufliche Situation, ihren gesamten Lebensstil, ihre Beziehungen zu Mitmenschen sehr genau unter die Lupe. Ich gehe davon aus, dass viele ‚grosse Fragen‘ im neuen Jahr zu ‚grossen Entscheidungen‘ führen werden. Werden – mit einem kleinen Augenzwinkern – diese Neujahrsvorsätze endlich die sein, die wir ernst nehmen und auch wirklich durchziehen?

Grosse Entscheidungen zu grossen Fragen – das würde ich als überwiegend positiv empfinden. Der Wendepunkt, den die Pandemie darstellt, bietet uns die einmalige Chance, über bestimmte Dinge ganz grundsätzlich nachzudenken. Die Perspektive zu ändern, und zwar nachhaltig.

Ich behaupte natürlich nicht, der Superstratege mit «dem einen Plan» zu sein, der uns durch die Herausforderungen des kommenden Jahres navigieren lässt. Das wäre auch nicht klug, denn diese Krise hat Menschen und Unternehmen auf eine sehr individuelle und komplexe Weise getroffen. Aber ich möchte einige meiner Beobachtungen teilen, so wie ich es in den letzten Jahren getan habe. Vielleicht ist für Sie, ob in der Reisebranche oder anderswo zuhause, etwas dabei, das Sie mitnehmen können.

  • Akzeptieren Sie, dass sich gewisse Dinge verändert haben
    Wir kommen nicht umhin, die transformatorischen Auswirkungen der Situation anzuerkennen. Auch wenn wir von Corona müde sind. Auch wenn die Impfung früher kommt als erwartet, auch wenn sich die Märkte schneller erholen. Wir können nicht einfach dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Aus der Perspektive der Luftfahrt bin ich vielleicht optimistischer als viele meiner Branchenkollegen – Sie wissen: Ich glaube wirklich, dass unsere Branche für eine funktionierende Gesellschaft entscheidend ist (https://www.linkedin.com/pulse/covid-19-black-swan-airline-industry-faint-light-all-baumgartner-/). Ich sehe aber auch, wie die Zahl der Meetings, der Verwandtenbesuche oder das Pendeln abgenommen haben und wie ‚das Lokale‘, das Nachhaltige, an Bedeutung gewinnt.

    • Mein Tipp: Hoffen Sie nicht einfach auf eine schnelle Rückkehr zu einem Zustand wie früher. Ich glaube zwar, dass die Welt sehr wohl wieder reisen will, sowohl in der Freizeit als auch geschäftlich. Es wäre aber eine verpasste Chance, nicht pro-aktiv das Vertrauen der Verbraucher wieder aufzubauen, Service-Exzellenz neu zu erfinden und eine sinnvolle Produktdifferenzierung zu schaffen, die auf echten Verbraucherbedürfnissen basiert und in einer neu ausgerichteten ‚Purpose‘ verankert ist. Das sollte eine höhere Priorität haben als grosse und laute Werbekampagnen. Die Welt hat sich verändert, also finden wir uns damit ab.
  • Erfüllen Sie die (neuen) Erwartungen
    2021 wird das Jahr sein, in dem wir alle die kleinen Dinge noch mehr zu schätzen wissen: spontane Besuche, persönliche Kontakte, ein bisschen Unbeschwertheit und Spontaneität. Vor allem, weil wir wohl noch eine Weile mit einem Haufen unbequemer Vorschriften leben müssen.  Aber wir können trotzdem positive Erlebnisse schaffen. Für Kunden. Für Mitarbeitende. Für uns selbst. Die kleinen Gesten zählen. Empathische Kommunikation hat das längst verstanden, zum Beispiel in diesem Spot für die „kleine Alltagsfreude”  (https://www.youtube.com/watch?v=pNGI1r77GCA&feature=emb_logo) oder mit diesem „Fenster zur Normalität“ https://www.youtube.com/watch?v=RqRh_7l6JRM&feature=emb_logo.

    • Mein Tipp: Wenn im nächsten Jahr die Massnahmen und Reisebeschränkungen wieder lockerer werden, stehen die kleinen Freuden des normalen Lebens bei allen ganz oben auf der Agenda. Gerade Unternehmen der Reisebranche haben hier eine grosse Chance, denn viele Menschen lieben es, zu reisen und konnten dies lange Zeit nicht tun. Sie sollten sich genau überlegen, was Sie konkret anbieten können, um den Nerv der Zeit zu treffen und die Erwartungen eines stark veränderten Verbraucherbewusstseins zu erfüllen. Wir haben das Know-how und die Daten, das heisst, wir haben den nötigen Hebel in der Hand.
  • Seien Sie nah an Mitarbeitenden und Kunden, wenn Sie können
    Aus Studien wissen wir, dass Unternehmen, die in der Krise Solidarität mit ihren Mitarbeitenden zeigen, positiver wahrgenommen werden – auch von Kunden (Quelle: horizont.net Concept M). Bezogen auf meine Branche bedeutet „Solidarität zeigen“, Kommunikationskanäle offen zu halten, den Kunden Optionen und Planungssicherheit zu geben – und auf verständliche Weise, oft, aber immer sinnvoll, zu kommunizieren. Klarheit zu schaffen bezüglich Erstattungen, Kosten zu tragen, statt sie auf Kunden abzuwälzen, flexibel zu sein, wenn es sonst keiner ist. In den ersten Tagen und Wochen der Krise mag dies schwierig gewesen sein. Aber jetzt ist genug Zeit vergangen, und wir haben aus den Erfahrungen lernen können.

    • Mein Tipp: Bemühen Sie sich aufrichtig, das Kommunikationsverhalten – und die Massnahmen hinter der Kommunikation – sehr eng an Ihren Kunden und deren Bedürfnissen auszurichten. Sie werden bald einen grossen Unterschied bemerken.
  • Seien Sie offen für echten Wandel
    Lassen Sie uns den Wandel mit offenen Armen empfangen. Wir müssen uns anpassen, und zwar jetzt. Betrachten Sie neue Arbeitsmodelle als positiven Effekt, nicht als negativen. Verpflichten Sie sich zu Nachhaltigkeitszielen und setzen Sie diese um. Transformieren Sie Ihre Organisation, um agil zu werden – nicht nur das Organigramm. Arbeiten Sie entlang der Wertschöpfungsketten zusammen. Und: Digitalisieren Sie. Ich habe es schon im Januar gesagt (https://www.linkedin.com/pulse/how-startups-can-play-crucial-part-supporting-digital-baumgartner-/) , deshalb kann ich nur wiederholen: Wer 2021 seine Prozesse nicht digitalisiert, wird kaum weit kommen. 5G ist gleich um die Ecke. Heissen wir neue Technologien willkommen! Das gilt ganz besonders für die Reisebranche.

    • Mein Tipp: ‚Lift and shift‘ in einer gemeinsamen Anstrengung, um in der heutigen digitalen ‚API-Ökonomie‘ anzukommen, die Vorteile der vierten Industriellen Revolution zu nutzen und gleichzeitig mit dem gesamten Reise-Ökosystem kompatibel zu bleiben.
  • Hören Sie auf Ihre Kunden
    Ich habe es bereits erwähnt; unsere Branche ist von einer sehr volatilen Nachfrage abhängig und reagiert damit nicht nur auf wirtschaftliche, sondern auch auf gesellschaftliche Entwicklungen so stark und umfassend wie kaum ein anderer Sektor (https://www.linkedin.com/pulse/you-dont-self-regulate-others-make-rules-peter-baumgartner-/) . Und der Druck, zu breiteren Themen jenseits der unmittelbaren Agenda des eigenen Unternehmens klar Stellung zu beziehen, hat sicherlich überall zugenommen. Was vor ein paar Jahren mit Nachhaltigkeitsthemen begonnen haben mag, hat nun soziale Themen erreicht. Wir alle erinnern uns an die Geschichte von Nike mit Colin Kaepernick (https://www.youtube.com/watch?v=uwaVZauzNK8 ). Etwas überraschend ist, dass diese Art von „Stellung beziehen“ in letzter Zeit auch im eher traditionellen Schweizer Kontext Einzug gehalten hat (z.B. IKEA Schweiz verpflichtet sich zum Vaterschaftsurlaub (https://media.ikea.ch/pressrelease/ikea-schweiz-engagiert-sich-fur-vaterschaftsurlaub/4986/ ) . Unabhängig davon, wo man in diesen Fragen steht, ist dies eine bemerkens- und beachtenswerte Entwicklung.

    • Mein Tipp: Während ich radikale Ansätze, die auf eine Konfrontation abzielen, nicht unterstütze, appelliere ich an ein feines Gespür für die Dringlichkeit und die Themen, die die Massen bewegen. Viele von ihnen sind schliesslich die Communities, die wir bedienen – unsere Kunden.

Betrachten wir das Jahr 2021 als einen Aufbruch, einen Start, ein Erwachen!
Eine Chance in dieser Grössenordnung gibt es nicht oft: Unternehmen, Marken und vor allem Führungskräfte können und sollen 2021 innovative Gestalter, Ermöglicher, Sinnstifter, Impulsgeber sein. Sie sollten ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln, positive Erlebnisse schaffen und ganz konkrete, handfeste Unterstützung im Alltag bieten.

Wenn uns 2020 etwas gelehrt hat, dann ist es, dankbarer zu sein. Zufrieden zu sein mit dem Erreichten. Aber zuversichtlich zu sein, dass wir auch in Zukunft etwas Positives bewirken werden. Covid-19 hat uns aufgerüttelt, und zwar gewaltig, aber wir sollten niemals zulassen, dass wir dadurch unseren Optimismus verlieren. Seien Sie ehrgeizig! Die Vergangenheit ist die Vergangenheit, Ihre Einstellung kann nur die Zukunft beeinflussen. Ich selbst habe im Jahr 2020 einen grossen Schritt gemacht (https://www.linkedin.com/pulse/taking-plunge-peter-baumgartner-/) zuversichtlich, dass mein Tank voller Energie und meine positive Einstellung mich auf den richtigen Weg führen werden. Das bedeutet in keinster Art und Weise, dass ich keinen Respekt vor den Herausforderungen habe, die vor uns liegen.

Was wir mehr denn je brauchen, ist das Bestreben und der Wunsch, voranzukommen – auch in einer höchst unsicheren Welt. Für uns, unsere Familien und die Communities, denen wir als Einzelpersonen und Unternehmen dienen. Ja, wir schaffen das!

(Peter Baumgartner, Dezember 2020)