Bosnien und Herzegowina: Unbekanntes Eldorado für robuste Naturentdecker

Der Balkanstaat bietet viel Natur, imposante Wasserfälle und mit etwas Glück eine Bärenfamilie.
©TI/SW
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Die Fahrt führt durch üppig bewachsene Landschaften, über scheinbar endlose Hochebenen, entlang frisch sprudelnder Flüsse und imposant hochragender Schluchten. Immer wieder bleiben die leicht verwirrten Gedanken an einem Songtext hängen. Matthias Reim: «Verdammt – ich lieb’ dich – ich lieb’ dich nicht.» Bosnien und Herzegowina, kurz BiH, hinterlässt zumindest vordergründig einen zwiespältigen Eindruck. Da ist das hochkomplexe politische Grundsystem mit zwei weitgehend eigenständigen Gebieten. Die wuchernde Bürokratie frisst 70% des Staatshaushaltes. Schattenwirtschaft ist allgegenwärtig. Dringend notwendige Reformen und Entwicklungen werden sukzessive stranguliert. Und dass ein EU-Beitritt offensichtlich in weite Ferne gerückt ist, schränkt das Innovations- und Reformpotenzial weiter ein. Über 50% der in Bosnien geborenen Personen leben im Ausland. Auswanderung ist auch heute noch das zentrale Thema. BiH: «Ich lieb’ dich nicht.»

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ABER DA IST AUCH DIESES LAND mit «grossen Herzen, grünen Weiten, grandiosen Spektakeln». Beispiel: der Nationalpark Sutjeska mit dem wildwuchernden Perućica-Urwald. Hier schafften Titos Partisanen den Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg, hier wurde als Andenken ein monumentales Denkmal erstellt und hier wurde als politisches Signal auf einer Fläche von 175 km2 der grösste Nationalpark des Landes eingerichtet. Teilweise noch unerforscht, ist der von Menschen unbeeinflusste Wald nur in professioneller Begleitung zu erkunden. Nevena Novović und Dorde Vuković sind unsere Ranger, führen uns durch das nebelverhangene Dickicht, erklären fachgerecht die unberührte Flora und Fauna, motivieren uns immerfort, umgestürzte Baumstämme zu überqueren und die kräfteraubenden, steilen Berghänge zu erklimmen. Kurz vor dem Ziel – eine rustikale Berghütte auf 1700 Metern Höhe – die leise erhoffte und dann doch völlig unerwartete, unvergessliche Begegnung: riesengrosse Bärentatzen im Schnee. «Erst wenige Stunden alt», wie Dorde Vuković strahlend präzisiert. Ein letztes Foto, ein vorsichtiger Blick in den Urwald. Keine Bärenmutter mit ihren Jungen in Sicht. Weiter geht’s, bis zur ersehnten Unterkunft, mit wärmendem Holzfeuer und aufmunterndem Quitten-Schnaps. BiH: «Ich lieb’ dich!»

IN BOSNIEN UND HERZEGOWINA bieten drei Nationalparks und verschiedene Naturparks Hikern, Bikern und Wassersportlern eine grosse Auswahl an Abenteuern. Empfehlung: der Blidinje- Naturpark. Auf einer imposanten Hochebene, inmitten einer wunderschönen Landschaft gelegen, ist das Hotel «Räubernest» idealer Ausgangspunkt für eine Tageswanderung zum Naturphänomen Hajdučka vrata (Räubertor), einem beeindruckenden Steinbogen in den Dinarischen Alpen. Wasser ist zentrales Element im Balkanstaat: Zahlreiche kleine und grosse, begradigte und wilde Wasserläufe prägen das Land. Ein Muss ist der Besuch der Kravica-Wasserfälle in der Nähe von Capljina. Auf einer Breite von 120 Metern stürzen sich die Wassermassen 26 Meter in die Tiefe.

BLEIBT ABSCHLIESSEND der Hinweis auf zwei sehenswerte Städte. Einerseits ist da Sarajevo: Wo der Okzident auf den Orient trifft. Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Die bosnische Hauptstadt gehört zu den seltenen Städten, in denen Moscheen, orthodoxe und katholische Kirchen sowie jüdische Tempel auf engstem Raum in friedlicher Koexistenz leben.
Andererseits Mostar. Hauptstadt der Herzegowina. Die Nähe zum Adriatischen Meer lässt mediterranes Lebensgefühl aufkommen. Das Wahrzeichen: UNESCO-Weltkulturerbe «Die Alte Brücke», in der Nacht romantisch beleuchtet, genauso wie die ganze Altstadt. Ein dringender Hinweis: durch die historischen Gassen nur frühmorgens oder in den Abendstunden flanieren. Ab 10 Uhr fallen die Kreuzfahrttouristen aus dem nahegelegenen Dubrovnik ein.
Bosnien und Herzegowina – kein Zweifel, für aufgeschlossene Neuentdecker eine Reise wert. Die Gastfreundschaft, die Naturschönheiten, die gastronomischen Köstlichkeiten … BiH: «Verdammt – ich lieb’ dich. Aber trage Sorge zu deiner Zukunft.»

Silvio Weilenmann, Sarajevo

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