Happy End für die Sea Cloud Spirit

Sea Cloud Cruises hat auf kurzen Shakedown-Cruises ihren neuen Grosssegler präsentiert – TRAVEL INSIDE war mit an Bord.
Der neue Dreimaster Sea Cloud Spirit von Sea Cloud Cruises. ©BE

Es ist ein prächtiges Bild, das die vollgetakelte Sea Cloud Spirit vor Mallorca abgibt. Auf kurzen Foto-Safaris mit dem Zodiac rund um das Schiff entstehen ebenso eindrückliche Bilder. Die 28 weissen Segel an den drei hohen Masten mit einer Gesamtfläche von 4100 Quadratmetern bilden mit dem schneeweissen Schiff eine fast unwirkliche Einheit – ein Windjammer wie aus dem Märchenbuch.

Eine komplizierte Baugeschichte

Schon vor weit über zehn Jahren entschied sich die in Hamburg ansässige Sea Cloud Cruises für den Bau eines neuen Schiffes. Mit der einmaligen historischen Sea Cloud (Baujahr 1930, 64 Passagiere) und dem Neubau Sea Cloud II (Baujahr 2001, 94 Passagiere) bewegt sich die Reederei bis dahin in einem hochklassigen Segel-Cruise Nischenmarkt, für den man rasch mehr Potenzial erkannte.

Die spanische Naval Marin in Vigo wurde in der Folge mit dem Bau eines neuen Dreimast-Passagierseglers beauftragt, der ursprünglich 2009 unter dem Namen ‚Hussar‘ hätte ausgeliefert werden sollen. Doch der Konkurs der Werft machte dem Projekt einen dicken Strich durch die Rechnung und die Arbeiten am Segler wurden eingestellt.

Nach jahrelanger Ungewissheit, wie es mit dem bereits fertig erstellten Kasko weiter gehen soll, gelang es Sea Cloud Cruises schliesslich, mit der ebenfalls in Vigo gelegenen Werft Metalslips & Docks einen Neustart aufzugleisen. Das Konzept und Design wurden in Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro Partner Ship Design in Hamburg überarbeitet, 2020 sollte der in ‚Sea Cloud Spirit‘ umbenannte Neubau in See stechen. Dass die Corona-Pandemie nun nochmals für eine Verzögerung sorgte, fühlt sich beinahe wie ein zynisches Nachkicken an.

Ein ’schiffiges Schiff‘
Die Sea Cloud Spirit im Hafen von Palma de Mallorca. ©BE

«Die Sea Cloud Spirit ist der Sea-Cloud-Charakteristik und -Qualität verpflichtet, die unsere zwei bisherigen Schiffe auszeichnen», erläuterte Geschäftsführer Daniel Schäfer auf einer kurzen Shakedown-Cruise rund um Mallorca, zu denen Vertriebspartner und Medien geladen wurden. Die Bauphase bezeichnete er als «Abenteuer, bei dem man nicht auf eine bereits existierende Blaupause zurückgreifen könnte». So wurden zum Beispiel alle Kabinen einzeln eingebaut; die Möblierung ist nicht von der Stange.

Das Resultat darf sich ohne Zweifel sehen lassen: Auf dem 138 Meter langen und 17,2 Meter breiten Grosssegler bilden klassische, aber modern umgesetzte Windjammer-Strukturen und -Elemente in Verbindung mit neuen Attributen eleganter Kreuzfahrtschiffe eine Einheit. Viel Holz, Messing und natürlich Teak-Planken bestimmen den Look, im Innern kontrastiert die Farbe Weiss mit blauen Teppichen und Mahagoni-Tönen. Ein Fünf-Sterne-Ambiente im legeren Stil, so die Zielsetzung.

Maximal 136 Passagiere kann das Schiff in 69 Aussenkabinen und -Suiten aufnehmen – als Exklusivität für einen Grosssegler verfügen die 22 Junior- und drei Owner Suiten über Balkone. Die Kabinenausstattung ist luxuriös, das Ambiente warm und stimmungsvoll, auch an einer Kaffeemaschine mangelt es nicht.

Der Neubau verfügt über vier Passagierdecks. Unten befinden sich eine kleine, aber feine Wellness- und Spa-Infrastruktur mit Friseur, eine Boutique und eine seitlich herunterklappbare Badeplattform. Ein Deck höher liegt die Rezeption und das im Achterschiff gelegene Restaurant, das alle Gäste in einer Sitzung bedienen kann und einen 180-Grad Panoramablick bietet.

Tummelplatz tagsüber ist das Lido Deck mit der herrlich an frischer Luft unter einem Segeldach angelegten und grosszügigen Lido Bar, die neu auch als Bistro dient. Wetterfest im Innern gibt es eine Lounge mit Flügel, vorne eine kleine Bibliothek mit Blick voraus. Oben auf dem Sonnendeck, wo sich auch die Brücke und ein kleiner Fitnessbereich befinden, sorgen Liegen unter den gesetzten Segeln für genussvolle Momente.

Die Gerätschaften, Einrichtungen und das ganze Tauwerk prägen auf diesen beiden oberen Decks die unvergleichliche Segel-Atmosphäre. Das von Hand ausgeführte Setzen der Segel durch die Deck-Crew ist eine Wissenschaft für sich und für die Passagiere eine eindrückliche Show, gekrönt vom Hochklettern einer jungen ukrainischen Kadettin am Grossmast, um in luftigen 50 Metern Höhe das oberste Segel zu lösen.

Eine Gourmet-Küche

Insgesamt 85 Crew-Mitglieder kümmern sich unter dem deutschen Kapitän Gerald Schöber um den Betrieb des Schiffes und die Hotellerie an Bord. Mit den Fahrt-Eigenschaften des Schiffes ist der Kapitän sehr zufrieden: «Die Sea Cloud Spirit verfügt nicht nur über hervorragende Segeleigenschaften, sondern liegt auch sehr gut im Wasser».

Ordnung muss sein. ©BE

Wie überall auf Kreuzfahrtschiffen ist die Belegschaft international: Staff-Kapitän Vukota Stojanovic stammt aus Montenegro, Hotel Manager ist René Kronsteiner aus Österreich und auch Kreuzfahrtdirektorin Barbara Ostwalt stammt ebenfalls aus unserem östlichen Nachbarland. Die Crew setzt sich aus Deutschland, weiteren europäischen Ländern und den Philippinen zusammen – aber auch eine Schweizerin arbeitet derzeit auf der Sea Cloud Spirit.

Ramona Hollenstein stammt aus dem Kanton Appenzell, ist gelernte Bäckerin-Konditorin und hat bereits zum dritten Mal bei Sea Cloud als Patissière angeheuert. «Es war immer schon mein Traum, auf einem Schiff zu arbeiten – aber nur bei Sea Cloud mit der besonderen familiären Atmosphäre», ist für sie klar. Sie ist die einzige Frau in der Küche und für die köstlichen Nachspeisen verantwortlich. Vier Monate ohne Freitage dauert ihr Vertrag, dann kehrt sie wieder in ihre Stelle im Hof Weissbad zurück.

Während die (bedienten) Buffets im Lido Bistro während der Shakedown noch nicht ganz sämtliche Sterne-Erwartungen erfüllen konnten, stellte der deutsche Chef Thomas Koch die hochstehende Leistungsfähigkeit seiner Küche mit einem hervorragenden Gala-Menü beeindruckend unter Beweis: Das Tatar von der Black Tiger Garnele, grossartige Ricotta Ravioli an Nussbutterschaum und gehobeltem Manchego und das perfekt auf den Punkt gegarte Rinderfilet wussten zu begeistern. Und natürlich auch die fantasievolle Variation von exotischen Früchten «unserer» Schweizer Patissière.

17 Prozent Schweizer

Mit der neuen Sea Cloud Spirit erhöht die Reederei ihre Kapazitäten nun um rund 80 Prozent – eine Herausforderung für das Unternehmen. «Mit diesem Schiff, das zusätzliche Annehmlichkeiten wie Wellness und Balkon-Kabinen hat, öffnen wir uns weiter für den Kreuzfahrt-Markt», hält Geschäftsführer Daniel Schäfer dazu fest. Er ist überzeugt, dass Attribute wie ‚klein‘, ‚fein‘, ‚individuell‘, ‚regional‘, ‚authentisch‘ und ’nachhaltig‘ im Segment der Schiffsreisen an Bedeutung gewinnen.

Daniel Schäfer, Geschäftsführer Sea Cloud Cruises (l.) und Vertriebsdirektor Michael Baden. ©BE

Personell hat sich Sea Cloud zudem im letzten November mit dem ausgewiesenen Cruise-Profi Michael Baden als neuen Vertriebsdirektor verstärkt. Baden war zuvor in verschiedenen führenden Positionen für TUI Cruises tätig. Insgesamt 45 Profis sind am Reederei-Hauptsitz in Hamburg tätig, wo sämtlich Bereiche von Nautik und Hotellerie über Routenplanung und Produktentwicklung bis Marketing und Verkauf in Eigenregie abgewickelt werden.

«Mit der Sea Cloud Spirit bieten wir den Reisebüros – unserem Hauptvertriebskanal – eine neue, spannende Alternative», erklärt Baden. «Gleichzeitig bieten sich mit dem grösseren Schiff mehr Möglichkeiten für Gruppen und Kontingente». Aber auch im Charter- und Incentive-Markt, der rund die Hälfte zum Sea Cloud-Geschäft beitrug, eröffnen sich neue Chancen. Im FIT-Bereich kommt der Markt Schweiz übrigens auf einen überproportionalen hohen Anteil von 17 Prozent.

Was sich auch mit dem Neubau nicht ändert, ist die konzeptionelle Ausrichtung von Sea Cloud Cruises, die ein aussergewöhnliches Segelerlebnis mit speziellen Landerfahrungen zu verbinden weiss. «Mit der etwas grösseren Passagierzahl der Sea Cloud Spirit können wir mehr unterschiedliche Landerlebnisse und -Aktivitäten abseits des Mainstreams anbieten und werden zudem die Palette der verschiedenen Themenreisen weiter ausbauen», sagt Petra Quasdorf, die für die Produktgestaltung verantwortlich ist.

Hier ist Sea Cloud Cruises unterwegs

Am 14. September sticht nun die Sea Cloud Spirit ab Rom zu ihrer Jungfernfahrt in See. Nach Fahrten entlang der italienischen Küste kommt der neue Windjammer von November 2021 bis April 2022 in den Kanaren zum Einsatz. Ab Juni 2022 sind Reisen in der Nord- und Ostsee geplant, im Winter 2022/23 Fahrten in der Karibik und in Mittelamerika, wobei erstmals auch Reisen von Florida aus zu den Bahamas vorgesehen sind.

Bereits seit dem 6. August ist die Sea Cloud ab Piräus wieder im Einsatz, seit dem 30. August die Sea Cloud II ab Nizza. Beide Schiffe werden im Oktober gemeinsam eine Jubiläumsreise im Mittelmeer auflegen, um 90 Jahre Sea Cloud und 20 Jahre Sea Cloud II zu feiern. Nach einer Atlantiküberquerung sind beide Schiffe im Winter 2021/22 in der Karibik unterwegs und kehren im Sommer 2022 für ein vielseitiges Programm nach Europa zurück.

Natürlich segeln die Sea Cloud-Schiffe derzeit noch unter strengen Covid-Massnahmen, die u.a. Maske im Schiffsinnern, Abstandsregeln, bediente Buffets und vorläufig noch Landgänge in der Bubble umfassen. Als Voraussetzung für eine Mitreise wird eine Impfung vorausgesetzt, zusätzlich aber auch ein PCR-Test, und beim Einchecken erfolgt zusätzlich ein Antigen-Test und die Messung der Temperatur. Mit diesen umfassenden Massnahmen ist man bei Sea Cloud bemüht, jegliches Covid-Risiko auszuschliessen.

(Beat Eichenberger)