Opinion: Die Zukunft der Kreuzfahrt – womit ist zu rechnen?

Die Zäsur der Corona-Pandemie wird auch in der Cruise-Industrie ihre Spuren hinterlassen. So geht es vorläufig auf See weiter.   

Es ist inzwischen über ein Jahr her, da galten Kreuzfahrtschiffe plötzlich als «Brutstätten des Virus». Die dramatische Situation auf der Diamond Princess, die Irrfahrt der Zaandam und weiterer Schiffe auf der Suche nach einem rettenden Hafen schafften es umgehend in die Schlagzeilen. Danach war Ende Feuer – die Cruise-Reedereien stellten Corona-bedingt ihren Betrieb ein.

Nach einer ersten Schockstarre entwickelten die Gesellschaften zusammen mit Behörden, Instituten und Experten zügig neue Covid-Schutzkonzepte, die im letzten Sommer einen sachten Restart einzelner Schiffe in europäischen Gewässern zuliessen.

Die zweite Corona-Welle brachte aber im Winter die Aktivitäten wieder weitgehend zum Erliegen. Derzeit legen erst rund ein Dutzend Schiffe Fahrten in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum auf, die alle einen negativen PCR-Test verlangen und mit länderspezifischen Reise-Restriktionen verknüpft sind.

«Game-Changer» Covid-Impfung?

Doch inzwischen sind in vielen Ländern die Impfkampagnen angelaufen, die in der Industrie als «Game-Changer» bezeichnet werden. So haben sofort mehrere Reedereien sommerliche Fahrten in britischen Gewässern angekündigt, exklusiv für britische Gäste und grösstenteils nur mit Impfnachweis. Eine Impfung verlangen auch erste US-amerikanische Reedereien, die ihren Restart diesen Sommer ab karibischen (und inzwischen auch einzelnen europäischen) Häfen planen. Abfahrten ab US-Häfen verzögern sich weiterhin, doch dies könnte sich plötzlich ändern – der Druck auf die US-Behörden steigt derzeit massiv.

Die grossen europäischen Reedereien, die ab Vorsommer den Ausbau ihrer Programme im Mittelmeer und in Nordeuropa planen, haben sich zum Thema Impfung noch nicht klar geäussert. Die Tendenz dürfte aber dahin gehen, dass alternativ zu einer Impfung vorläufig auch ein negativer PCR-Test oder gar der Nachweis einer überstandenen Covid-Erkrankung den Zutritt aufs Schiff erlauben.

Trotzdem: Wie verlässlich die für diesen Sommer und Herbst ausgeschriebenen Programme der Reedereien letztlich sind, ist weiterhin ungewiss. Die Vorschriften für den Zutritt auf das Schiff sind das eine, unter welchen Bedingungen Abfahrtshäfen erreichbar sind und Destinationen das Anlaufen von Kreuzfahrtschiffen überhaupt zulassen, das andere.

Die «neue Normalität»

Allmählich dämmert es schliesslich überall, dass das Corona-Virus nicht einfach eines Tages spurlos verschwinden wird. Eine rasche, umfassende «Durchimpfung» ist aus verschiedenen Gründen illusorisch und nach wie vor mit offenen Fragen behaftet. Und die Risiken neuer Mutationen gefährden noch eine wirkungsvolle Herdenimmunität. Dass sich in einer globalisierten und mobilen Welt neue kritische Infektionskrankheiten auch in Zukunft plötzlich rasch verbreiten können, wissen wir zudem nicht erst seit Sars.

Gerade im Bereich Reisen und Tourismus wird man sich deshalb auch in Zukunft ernsthaft mit solchen Gesundheitsaspekten auseinandersetzten müssen – und das gilt selbstverständlich auch für das globale Segment der Kreuzfahrten. Deshalb muss man in der «neuen Normalität» vorläufig von folgenden Mustern ausgehen:

Limitiertes Angebot: Die Entwicklung der Pandemie und des Impftempos ist global unterschiedlich. Kreuzfahrtschiffe nehmen deshalb dort wieder den Betrieb auf, wo es die Infektionslage erlaubt und die Nähe zu grossen Quellmärkten gegeben ist: Das Mittelmeer, Nordeuropa und die Karibik, punktuell auch Asien. Das Comeback exotischer Schiffsreisen weltweit wird erst mittelfristig erfolgen. Wie schon in Asien oder nun in Grossbritannien schränken zudem exklusiv für lokale Märkte buchbare Fahrten die Vielfalt ein. Neu entwickelte Routen fahren wohl weniger Häfen an als üblich, und als Alternative – insbesondere für grosse Resort-Schiffe – werden «Blaue Reisen» ohne Landgang oder Fahrten zu gesicherten Zielen wie Privatstränden oder Reederei-eigenen Inseln eine gewisse Rolle spielen.

Risiko Annullation: Gesicherte Covid-Schutzmassnahmen der Reedereien sind die Voraussetzung für den Restart, letztlich hängt die Durchführung von Kreuzfahrten aber von den Bestimmungen der Hafenstädte und Destinationen ab. Die Behörden entscheiden, ob ein Schiff anlegen darf und unter welchen Bedingungen die Gäste ein- und aussteigen dürfen. Auch eine kurzfristige Routen-Planung kann deshalb von einer neuen Infektionslage und entsprechenden behördlichen Massnahmen eingeholt werden. Wenigstens für dieses Jahr muss man deshalb noch davon ausgehen, dass Fahrten kurzfristig storniert oder allenfalls die Routen angepasst werden können.

Auslastung und Preis: Derzeit gilt für die meisten Kreuzfahrtschiffe noch eine reduzierte Auslastung von rund 60 Prozent. Sollte diese Bestimmung noch einige Zeit Bestand haben, werden die Kalkulationen der Reedereien nicht aufgehen. Auch die An-Bord-Ausgaben der Gäste, oft die kalkulatorische «Butter aufs Brot» für die Reedereien, sind entsprechend geringer. Seit einem Jahr haben die Reedereien keine Einnahmen mehr erzielt, müssen Millionen für das «Warmhalten» der Flotten aufbringen, in Covid-Massnahmen investieren und frisches Geld aufnehmen – es ist kaum die Zeit für grosse Geschenke. In einer ersten Phase werden die Preise kaum radikal angehoben – im Gegenteil: Man möchte ja die Kunden so schnell wie möglich wieder an Bord holen. Aber die Tendenz ist klar: Die Preise werden bald anziehen.

Hygiene-Massnahmen: Die Hygiene auf Kreuzfahrtschiffen nahm schon vor Corona einen sehr hohen Stellenwert ein (Stichwort Norovirus), Desinfektions-Dispenser und penible Reinigungen waren schon lange Standard. Mit Corona wurden diese Massnahmen nochmals verschärft, bis hin zum desinfizierenden «Ausnebeln» von Kabinen oder neuen, virenkillenden Luftfilteranlagen. Daran wird sich kaum mehr etwas ändern. Neue Abläufe werden künftig die Self-Service-Buffets bestimmen, die derzeit meist noch ausgesetzt sind. Die Maskenpflicht im Innern wird hingegen mit der Zeit fallen, aber man kann davon ausgehen, dass sich das freiwillige, individuelle Tragen einer Schutzmaske wie längst schon in Asien sich auch in unseren Breitengraden (und insbesondere auf einem Schiff) einbürgern wird.

Weniger Ansammlungen: Auch «Distancing» hat sich ins Bewusstsein eingraben und wird nicht sofort verschwinden. Die Reedereien haben Konzepte entwickelt um grössere Ansammlungen zu vermeiden und mehr individuellen Abstand zu bieten, die wohl zum Teil bleiben werden und durchaus Vorteile zeigen: Eine smarte Lösung ist zum Beispiel das gestaffelte Check-in und Boarding, bei dem zugeteilte Zeitslots langes Anstehen verhindern. Auch die individuelle Seenotübung zielt in diese Richtung. Gestaffelte und limitierte Zutritte ins Theater, in den Spa, Gym oder Pool sind bei einer reduzierten Restart-Auslastung problemlos, dürften aber dereinst mit der Rückkehr zur 100-Prozent-Belegung wieder verschwinden.

Der Digitalisierungsschub: Die Digitalisierung verschiedener Abläufe hat bei den Kreuzfahrten längst vor Corona eingesetzt: Check-In und Reservationen übers Internet, «smarte» persönliche Identifikationstools und kontaktlose Kommunikation an Bord entwickeln sich mehr und mehr zum Standard. Corona hat diese Entwicklung weiter beschleunigt – der Technologie wird dies weiterhin tun.

Das Konzept «Bubble»: Restriktive Einreisebestimmungen von Häfen und Destinationen sollen die Bevölkerung schützen, aber das gilt umgekehrt auch für die Reedereien, die ein «Einschleppen» von Viren aufs Schiff verhindern müssen. Deshalb sind derzeit auf Seereise individuelle Landgänge meist noch nicht erlaubt und können nur in einer geschützten Gruppe, einer «Bubble», erfolgen. Wer Ausschert, riskiert von der Kreuzfahrt ausgeschlossen zu werden. Mit diesem an Bord wie an Land durchgezogenen Bubble-Konzept bewegt sich eine Kreuzfahrt in einem maximal-möglichen gesicherten Raum, wie es derzeit kaum eine andere Ferienformel bieten kann. Je nach lokaler Lage und Bestimmungen (Impfung, Test) wird sich der Bubble-Ansatz für Landgänge wieder lockern.

Chance für kleinere Schiffe: All diesen Massnahmen und Vorkehrungen zum Trotz: Die Vorstellung, sich mit einigen Tausend Passagieren auf einem grossen Kreuzfahrtschiff zu tummeln, dürfte weiterhin nicht jedermann gefallen. Wobei das «Massenprodukt» Kreuzfahrt schon vor Corona da und dort seine Image-Probleme hatte. Deshalb wird nun kleineren Schiffen eine gute Chance zugesprochen, um die grosse Lust auf Seereise zu stillen. Allerdings handelt es sich dabei fast durchwegs um Produkte, die sich im oberen Preissegment ansiedeln und ein entsprechendes Budget voraussetzen. Doch der Trend ist da: Von den voraussichtlich 28 Neubauten, deren Auslieferung in diesem Jahr geplant ist, nehmen 18 weniger als 350 Passagiere auf.

Und die grossen Baustellen? Was in der Corona-Krise in den Hintergrund rückte sind die generellen Herausforderungen, mit denen die in den letzten Jahren beinahe überbordende Cruise-Industrie immer dringender konfrontiert wird. Der «Dreckschleuder»-Vorwurf wurde zwar mit der IMO-Verordnung per 1.1.20 zur Qualität des Brennstoffs und den entsprechenden Massnahmen der Reedereien wie neue Abgasreinigungssysteme, Wechsel auf Marine Gasöl oder der Einsatz von LNG für Neubauten, etwas entschärft. Doch mittelfristig steht (wie klimabedingt in der gesamten Mobilität) auch in der Schifffahrt der Wechsel von fossilen Brennstoffen auf regenerative Energiequellen ins Haus – eine Mammut-Aufgabe, die ihre Zeit braucht.

Nach Corona wird das Thema «Overtourism» ohne Zweifel erneut aufkeimen, das punktuell auch durch die Zahl grosser Kreuzfahrtschiffe befeuert wird. Hier sind die Hafenstädte gefordert, in ihrem eigenen Interesse regulierend einzugreifen, so wie es bereits einige Ziele wie Dubrovnik, Bergen oder Amsterdam taten und nun etwa auch Venedig mit neuen Einfahrts-Bestimmungen vorhat.

Ob schliesslich das «Massenprodukt» der (sehr wohl beeindruckenden) Riesen-Pötte letztlich gefällt oder nicht, entscheidet am Ende der Markt. Es gibt sehr wohl sehr gute und gar nachhaltige Gründe, die für diese Produkte sprechen – es liegt an den Reedereien, die Image-Probleme ernst zu nehmen und die «Destination Schiff» für das damit angesprochene Zielpublikum klar zu positionieren. Für alle anderen gibt es ja auch auf See Alternativen.

(Beat Eichenberger)