
Im Rahmen der GBTA/VDR Konferenz in Hamburg konnte Travel Inside / Business Traveltip mit dem Präsidenten des VDR sprechen.
Christoph Carnier war begeistert von der Vielfalt der Themen und überzeugt von der Notwendigkeit, solcher Anlässe. Über 1200 Personen nutzen die Veranstaltung für Information und Networking.
Christoph Carnier, welche drei Kräfte prägen in den folgenden Jahren das Travel Management am stärksten: Kosten, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung – und warum?
Kosten, Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind die drei Kräfte – und sie wirken nicht isoliert. Kostendruck bleibt Realität, aber ohne digitale Prozesse und belastbare Nachhaltigkeitsdaten werden Entscheidungen weder schnell noch verantwortungsvoll. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten braucht es beides: Effizienz und Haltung und vor allem sollte man nicht in Pessimismus verfallen.
Wie verändert sich das Rollenprofil des Travel Managers konkret: von der operativen Steuerung hin zu Daten-, Change- und Stakeholder-Management? Welche Skills werden in den nächsten 24 Monaten entscheidend sein?
Das Rollenprofil wandelt sich klar vom Organisieren zum Gestalten. Travel Manager sind strategische Partner, die Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit und Sicherheit mit Flexibilität verbinden. Wer Mobilität gestaltet, gestaltet die Zukunft des Arbeitens.
Gefragt sind in den nächsten 24 Monaten vor allem Datenkompetenz, Change- und Stakeholder-Management sowie die Fähigkeit, Nachhaltigkeit transparent zu machen. Leadership-Themen standen nicht zufällig prominent im Programm – es geht um Wirkung über die eigene Funktion hinaus. Zudem muss sich jeder Travel Manager mit dem Thema KI beschäftigen und diese als Teil der zukünftigen Infrastruktur verstehen.
Organisatorisch hilft ein gemeinsames Operating Model von Travel und Procurement: klare Verantwortlichkeiten, kurze Entscheidungswege und einheitliche Datenbasis. Vernetzung – intern wie mit Partnern – wird zum Produktivfaktor.
Wo sehen Sie kurzfristig den grössten Business-Impact von Digitalisierung und KI im Travel Management?
Kurzfristig erwarte ich den grössten Impact dort, wo Künstliche Intelligenz die Komplexität reduziert: in Compliance- und Dokumentprozessen (z. B. Immigration/Business Visa), bei Reporting und in der Policy-Automation. Das haben auch die Start-up-Impulse in Hamburg gezeigt.
Was braucht es, damit KI im Reiseumfeld skalierbar und verantwortungsvoll funktioniert: Datenqualität, Standardisierung, Governance? Und kommen wir von proprietären Ökosystemen zu nahtloser Ende-zu-Ende-Integration (Buchung, Bezahlen, Abrechnen, Reporting)?
Voraussetzung für skalierbare, verantwortungsvolle KI sind Datenqualität, Standardisierung und Governance – und ein ethischer Rahmen. Genau darüber haben wir in Hamburg in den ‘Big Idea’-Formaten diskutiert.
Interoperabilität entsteht, wenn wir von proprietären Silos zu offenen, nahtlosen Reiseerlebnissen kommen – Buchung, Bezahlen, Abrechnen, Reporting müssen zusammenspielen. EU-Initiativen für nahtloses Reisen weisen die Richtung, Standards sind der Schlüssel.
Was für eine Rolle spielen da die Anbieter GBT/Concur, Direct Travel / Spotnana / ATPI, Navan / Reed & Mackay und das neue Perk?
Zu den genannten Anbietern: Sie treiben Innovation – durch Kooperationen, Plattformansätze und neue Service-Modelle. Entscheidend ist weniger der Name als die Fähigkeit, offene Schnittstellen, verlässliche Daten und Wahlfreiheit für Unternehmen sicherzustellen. Das Zusammengehen der Anbieter ist aus meiner Sicht aber weniger durch die KI-Entwicklungen sondern durch Automatisierung und Kostenreduzierung getrieben.
Welche Rolle kann der VDR beim Thema Digitalisierung und KI übernehmen?
Beim Thema Digitalisierung und KI versteht sich der VDR als Enabler, nicht als Entwickler. Der Verband bietet eine neutrale Plattform für Austausch und Orientierung, bündelt Best Practices und treibt Standardisierung voran – von Datenqualität über Schnittstellen bis zur Governance. Über Gremienarbeit, Akademie-Angebote und Branchenevents unterstützt der VDR Wissenstransfer und Pilotvorhaben; Auszeichnungen wie der VDR Innovation Award unterstreichen den Innovationsfokus.
Welche realistischen Schritte helfen Unternehmen, Reiseemissionen zu senken, ohne Geschäftsziele zu gefährden? Und wie lässt sich die Datenqualität verbessern?
Realistische Schritte sind: Reisen bündeln, Alternativen prüfen, wo es sinnvoll ist, und Modal Shift stärken – immer im Einklang mit Geschäftszielen. Es geht darum, ökologische, ökonomische und soziale Aspekte in tragfähige Lösungen zu übersetzen.
Für belastbares CSRD/Scope 3 Reporting brauchen wir entlang der Reisekette bessere Datenqualität und Vergleichbarkeit. Ohne gemeinsame Standards bleibt Nachhaltigkeit schwer messbar – mit Standards wird sie steuerbar.-
Der VDR kann Standards, Benchmarks und Best Practices konsolidieren und über Grenzen hinweg vernetzen. Genau das leisten wir mit unseren Partnern – und setzen den Dialog 2026 in Wien fort, erstmals gemeinsam mit der ABTA.
Welche politischen Weichenstellungen in Deutschland und bei der EU würden Geschäftsreisen in Deutschland und Europa unmittelbar verbessern?
Priorität haben Rahmenbedingungen für nahtloses, multimodales Reisen: grenzüberschreitender Bahnverkehr, digitale Ticketing-Standards und verlässliche Infrastruktur. Das verbessert Alltagstauglichkeit und Wettbewerbsfähigkeit sofort.
Von Brüssel wünsche ich mir ein echtes europäisches Geschäftsreise-Ökosystem: Harmonisierung, Standardisierung und Interoperabilität statt Flickenteppich. Dann entfalten Investitionen ihre Wirkung. Faire Rahmen- und Wettbewerbsbedingungen sind die Basis, damit Unternehmen verantwortungsvoll mobil bleiben können.
Insbesondere wäre auch ein genereller Bürokratieabbau hilfreich. Man soll das Reisen nicht unnötig schwieriger machen. Hier wäre ein Wegfall der A1-Bescheinigung auf Geschäftsreisen sehr zu begrüssen.
Und wie wirken sich die aktuellen politischen Herausforderungen der USA auf die Bemühungen in Europa aus?
Zu den USA: Politische Volatilität ist Teil der geopolitischen Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, in Europa Planbarkeit zu schaffen – durch Dialog, klare Standards und resiliente Prozesse, auch in enger Abstimmung mit internationalen Partnern. Wichtig ist für unsere Partner und Mitglieder, sich auf verschiedene mögliche Szenarien vorzubereiten. Nicht nur mit einem Plan, sondern auch Plan B, Plan C und vielleicht weiteren.
Wie entwickeln Unternehmen ihre Reiserichtlinien weiter, um Kosten, Compliance, Sicherheit und Wohlbefinden gleichzeitig zu adressieren?
Moderne Reiserichtlinien balancieren Kosten, Compliance, Sicherheit und Wohlbefinden. ‘Sicherheit mit Flexibilität’ ist dabei kein Widerspruch, sondern Zielbild – Verantwortung ist ein Leitprinzip des Mobilitätsmanagements.
Wenn Sie eine Priorität für 2026 setzen müssten: Worin sollten Travel Manager ab Januar investieren – und was konsequent lassen?
Eine Priorität für 2026: Investieren Sie in Daten – Qualität, Standards, Transparenz – und in Skills, um daraus bessere Entscheidungen zu machen. Lassen würde ich Insellösungen ohne Interoperabilität.
Meine Botschaft an die Travel Manager hier in Hamburg: Fordern Sie ein, was Sie brauchen, zeigen Sie Haltung – warten Sie nicht, bis Dinge ohne Sie entschieden werden. Die Branche hat in Hamburg Optimismus und Zusammenhalt gezeigt; bauen wir genau darauf auf.
Adrian Matt, Hamburg








