«Entschleunigte Naturerlebnisse werden zum grössten Luxus unserer Zeit»

Wilderness ist Vorreiter von sozialem Öko-Safari-Tourismus in Afrika. Beim Redaktionsbesuch erzählen drei Vertreter, wie das Konzept funktioniert und worauf es bei Nachhaltigkeit heute ankommt.
Redaktionsbesuch bei TRAVEL INSIDE, von links: Die Wilderness-Vertreter Jean du Plessis, Graham Simmonds und Hein Prinsloo ©TRAVEL INSIDE

«Alles begann im Jahr 1983 mit einem einzigen Safari-Camp in Botswana», erzählt Graham Simmonds, Head of Sales Europe, UK and Middle East. Zusammen mit seinen Kollegen Hein Prinsloo, Managing Director Wilderness Kenya und Jean du Plessis, Managing Director Wilderness Tanzania and Wayo Africa, ist er von Afrika in die Schweiz gereist und hat während eines Stopps in Zürich der TRAVEL INSIDE Redaktion einen Besuch abgestattet.

Nach Botswana kamen Lodges in Namibia, Simbabwe, Sambia und schliesslich Ruanda hinzu. Seither hat sich Wilderness zu einem führenden Anbieter für nachhaltige Luxusreisen in Afrika entwickelt. Heute betreibt das Unternehmen mehr als 60 Lodges auf dem Kontinent, die meisten davon sind ganzjährig geöffnet. Die Camps sind vergleichsweise klein und verfügen durchschnittlich über nur sechs bis zehn Zimmer. «Unsere Camps sollen einen nachhaltigen Effekt haben – für die Natur und für die Menschen», erklärt Graham Simmonds.

Was bedeutet Nachhaltigkeit heute? 

Wilderness orientiere sich dabei stets an den neuesten Nachhaltigkeitstrends und passt sein Angebot entsprechend an. Und wie sieht Nachhaltigkeit heute aus? Laut Graham Simmonds ging es beim Thema Nachhaltigkeit früher vor allem darum, einen Tourismus mit minimalem Einfluss auf die Region zu schaffen. Heute wisse man, dass man die lokalen Gemeinschaften miteinbeziehen und bilden müsse, um erfolgreich zu sein und Verständnis zu schaffen.

Wilderness setzt daher auf Aufklärung, so auch beim Konflikt zwischen Mensch und Wildtier: Gemeinnützige Organisationen von Wilderness zeigen Bauern, die in der Nähe von Nationalparks leben, wie sie ihre Herden rechtzeitig aus Gefahrenzonen bringen oder Raubtierbewegungen voraussehen können. Zudem stammen viele Angestellte aus umliegenden Dörfern – Tourismus schafft hier direkte Jobs und Perspektiven.

Sind von Afrika in die Schweiz gereist, von links: Graham Simmonds, Jean Du Plessis und Hein Prinsloo ©TRAVEL INSIDE
Tourismus, der Bildung schafft

In jedem Land betreibt das Unternehmen eine gemeinnützige Organisation, die lokale Bildungs- und Ernährungsprojekte unterstützt. Um herauszufinden, welche Hilfe nachhaltig Sinn macht, suchen die Organisationen oft das Gespräch mit Einheimischen. So wurde etwa kostenloses Essen an Schulen eingeführt: «Eltern schicken ihre Kinder eher zur Schule, wenn sie wissen, dass sie dort Wasser und Mahlzeiten erhalten», erklärt Simmonds.

Die Non-Profit-Programme von Wilderness werden hauptsächlich über Park- und Community-Gebühren finanziert, die Gäste bezahlen. «Wir wollen dort aktiv sein, wo unser Beitrag den grössten Unterschied macht», so Simmonds. Deshalb verzichtet das Unternehmen bewusst auf Projekte in bereits geschützten Gebieten, etwa in Teilen Botswanas oder in Südafrika.

Abgelegene Luxus-Camps inmitten der Wildnis

Nebst der sozialen Verantwortung hat Wilderness ein weiteres Markenzeichen: exklusive Standorte abseits bekannter Touristenrouten. Viele Camps liegen mitten in unberührter Natur, dort, wo es keine anderen Lodges gibt. In besonders abgelegenen Regionen erfolgt die Anreise per Kleinflugzeug.

Die Unterkünfte bestehen meist aus Holzplanken und Zelten. Das hat einen Grund: «Wir müssen gesetzlich in der Lage sein, jedes Camp innerhalb von sechs Monaten vollständig abzubauen», so Simmonds. Die Bauweise mag provisorisch wirken, doch davon sieht man nichts: Die Ausstattung der Lodges ist luxuriös und funktional.

In Tansania werden die mobilen Camps saisonal verschoben, in anderen Regionen bleiben sie oft bis zu 15 Jahre bestehen. Dass Tiere in den Camps frei umherstreifen, gehört dabei zum Konzept. Elefanten, die beim Abendessen vorbeischlendern, sind keine Seltenheit.

Wilderness Hoanib Skeleton Coast Camp in Namibia ©Wilderness
Nachts dürfen die Gäste nicht alleine ihr Zimmer verlassen 

Sicherheit werde dabei jedoch grossgeschrieben, betont Graham Simmonds: Das Personal in den Camps ist geschult und auch die Gäste werden aufgeklärt. Nachts dürfen Gäste beispielsweise nur in Begleitung eines Angestellten von ihrem Zimmer zum Hauptbereich laufen. «Die Gäste befinden sich in einer fremden Umgebung. Daher wissen sie möglicherweise nicht, dass sie auf das Knacken eines Astes achten müssen, wenn ein Elefant vorbeiläuft», erklärt Graham Simmonds.

Neue Konzepte in Kenia und Ruanda

Am 1. Juni 2026 feiert Wilderness die Eröffnung des Wilderness Mara in Kenia. Das Unternehmen kooperiert vor Ort jeweils mit Destination Management Companies (DMCs) und fördert grenzüberschreitende Safaris, etwa zwischen Tansania und Ruanda.

In Ruanda setzt Wilderness mit dem Magashi Camp im Akagera-Nationalpark auf Diversifizierung. «Viele Reisende besuchen nur den Volcanoes-Nationalpark wegen der Gorillas», sagt Simmonds. «Doch auch andere Regionen verdienen Aufmerksamkeit.» Mit dem neusten Magashi Peninsula Camp soll auch der weniger bekannte Osten Ruandas weiter gestärkt werden. Das Ziel: nachhaltige Entwicklung jenseits touristischer Hotspots.

So wird das Mara Camp in Kenia aussehen. ©Wilderness
Wandersafaris könnten den Schweizer Markt erobern 

Laut Jean Du Plessis könnten vor allem die sogenannten «Walking Safaris» den Schweizer Markt ansprechen. Wilderness ist bisher die einzige Organisation, die mehrtägige Wandersafaris anbietet. «Anstatt stundenlang im Jeep zu sitzen, bewegt man sich zu Fuss durch die Wildnis, in Gruppen von maximal sechs Personen.»

«Mit etwas Glück begegnet man sogar Löwen – aus sicherer Distanz», erzählt Jean du Plessis. Wandersafaris sind gut für die Fitness der Gäste, doch den eigentlichen Vorteil sieht Jean du Plessis im intensiven Naturerlebnis: «Das ist eine Erfahrung, an die man ein Leben lang zurückdenkt».

Der Trend im Safari-Tourismus gehe klar in Richtung Erlebnis statt Luxus, meint Jean Du Plessis. «Offline sein, die Natur spüren, das wird zum grössten Luxusgut unserer Zeit.» In vielen Lodges gäbe es bewusst kein WLAN, auf Wunsch der Gäste. (AL)