«Es wird im ganzen südlichen Afrika vermehrt auf Nachhaltigkeit geachtet»

TRAVEL INSIDE Interviewportrait: John Stewardson von Africa Design Travel.
John Stewardson, Africa Design Travel.

Der Afrika-Kenner John Stewardson, feiert mit Africa Design Travel sein 30-jähriges Jubiläum.

Er freut sich über die touristische Entwicklung im südlichen Afrika, die Mithilfe der Gäste in Sachen Nachhaltigkeit und darüber, dass wenigstens eines seiner Fussballteams ins Halbfinale kommt.


John Stewardson, Africa Design Travel feiert sein 30-jähriges Jubiläum. Wie hat sich der Tourismus in der Region entwickelt?

Die Länder in der Region haben sich unterschiedlich entwickelt. In Namibia gab es früher nur wenige und nur mit einfacher Infrastruktur ausgestattete Camp Sites. Dies änderte sich durch die Zunahme der Selbstfahrer, die nach mehr Komfort verlangten, wofür viel Geld in Unterkünfte verschiedener Kategorien investiert wurde.

Heute verfügt das Land über ein ausgezeichnetes Netz an Camps und Lodges für jedes Budget. Etwas vom wichtigsten ist aber, dass die lokale Bevölkerung in Tourismusprojekte einbezogen wird.

Wie äussert sich das?

Sie profitieren davon, dass unter Schutz gestelltes Land Touristen anzieht und somit neu Jobs entstehen. Wenn die Menschen in den umliegenden Dörfern im oder mit dem Park Geld verdienen, sind sie auch bestrebt, den Park langfristig zu erhalten.

Es entstehen Schulen, kleine Läden, Reparaturwerkstätten etc. Die Menschen haben ausserdem die Möglichkeit, sich zum Ranger ausbilden zu lassen. Diese intensive Zusammenarbeit ist für alle Parteien sinnvoll und nachhaltig.

Was ist gänzlich anders, was vollkommen neu?

Es hat sich sehr viel verändert. Neben der Qualität der Unterkünfte, die heute ein ganz andere ist, gibt es viele moderne Hilfsmittel, die zum Schutz der Natur und der Tiere eingesetzt werden. Wildkameras, Drohnen, GPS-Manschetten oder mit Solar- statt mit Windenergie betriebene Pumpen für Wasserstellen. Wobei die Windmühlen schon noch cool aussahen!

Es wird im ganzen südlichen Afrika vermehrt auf Nachhaltigkeit geachtet. So ist es praktisch überall in den Parks oder privaten Konzessionsgebieten üblich, dass die Energieversorgung einer Lodge über Solarpanels gewährleistet wird. Dies auch aus praktischen Gründen, da es in den letzten Jahren allzu oft zu stundenlangen Stromausfällen kam.

Die Gäste der Lodges finanzieren zum Beispiel mit dem Zimmerpreis Anti-Poaching-Units mit, um die Wilderei einzudämmen. Ich könnte noch Dutzende Beispiele aufzählen.

Zu Ostafrika: Warum ist Kenia heute so viel weniger beliebt als noch vor 20 Jahren? Was ist passiert?

Kenia bekam leider den Ruf einer Massendestination. Die Bilder mit 15 Fahrzeugen um eine Gepard-Familie, die um die Welt gingen, sind wohl sehr vielen Leuten noch präsent. Natürlich gibt es auch in Kenia privat verwaltete Konzessionsgebiete mit strengeren Regeln, wie viele Fahrzeuge jeweils bei einer Sichtung erlaubt sind. Diese sind aber noch zu wenig bekannt. Hier wäre etwas Hilfe in Form von Werbung vom Kenya Tourism Board sicher nützlich.

Tansania ist bei Schweizer Touristen hingegen immer beliebter. Woran liegt das?

Tansania profitiert im Schweizer Markt von den Direkt- bzw. Dreiecksflügen mit Edelweiss nach Kilimanjaro (Arusha) und Sansibar. Dies im Gegensatz zu Kenia, wo es seit Beginn der Pandemie keine Direktflüge mehr ab der Schweiz gibt.

Die Kombination von Safari und Badeferien in Tansania ist sehr beliebt. Die Auswahl an Badeferienhotels in Sansibar und den umliegenden Inseln in allen Budgetkategorien ist enorm.

Wie hat sich die Branche in den letzten 30 Jahren verändert?

Viele Reisebüromitarbeitende haben Afrika selbst besucht und kennen Safaris oder Selbstfahrertouren heute aus eigener Erfahrung. Aus vielen klassischen Reisebüros sind Micro-TO geworden.

Wir hingegen als spezialisierter Nischenanbieter mit sehr breitem und tiefem Wissen bieten Reisebüros einen Service, den sie ihren Kunden selber nicht immer zur Verfügung stellen können. Ausführliche Reisevorschläge und detaillierte Reiseprogramme, die besten Reiseunterlagen – und das alles auf Deutsch.

Was ist bei Africa Design Travel anders und neu? Personal, Filialen?

Wir sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Am Anfang der Pandemie, genau am 26. März 2020, haben wir ein neues und grösseres Büro in Zürich-Oerlikon bezogen. Dort arbeiten jetzt sechs Personen.

Letztes Jahr haben wir ein Büro in Bern bezogen mit drei Arbeitsplätzen. Das Berner Büro haben wir aber nur bezogen, weil zwei neue Mitarbeiter/innen dort zuhause sind und wir für unsere Leute die passende Infrastruktur zur Verfügung stellen. Zurzeit ist eine Stelle als Senior Travel Designer noch offen.

Du bist offen in Bezug auf eure Arbeitsweise. Home Office ist kein Problem und du ‘stellst das Büro lediglich zur Verfügung’. Wie kommt das und wie gut klappt das?

Ich würde nicht sagen, dass zu Hause arbeiten kein Problem ist. Und es ist nicht so, dass niemand mehr ins Büro kommen will. Es gibt dabei zwei Knacknüsse: das Team-Leben kommt viel zu kurz und der Informationsfluss muss trotzdem funktionieren.

Wir haben während der Pandemie sehr viel Remote gearbeitet und uns bei regelmässigen Zoom Meetings ausgetauscht. Wir treffen uns immer noch einmal pro Woche online und tauschen uns aus.

Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird auf Wunsch zuhause die gleiche Infrastruktur wie im Büro zur Verfügung gestellt, also Laptop-Dockingstation inkl. Tastatur und Maus sowie zwei Bildschirme, damit im Home Office genau wie im Büro gearbeitet werden kann.

Zu dir und deinem ‘Afrika Spleen’: Wie kam es dazu, dass du anfangs Neunziger Reisende nach Afrika bringen wolltest? Was war der Auslöser?

Ich bin schon seit 1977 in der Reisebranche und hatte bis 1994 bei verschiedenen Reisebüros gearbeitet. Nach meiner ersten Reise nach Afrika 1986 war ich fasziniert von der Tierwelt. Das hat dann dazu geführt, dass ich 1991 mit meiner Freundin eine sechsmonatige Reise durch den Süden Afrikas unternahm.

Wir haben in Namibia einen 4×4 gekauft, einigermassen reisetauglich ausgestattet und sind dann einfach losgefahren. Es gab damals noch keine Dachzelte und so haben wir unser kleines Bodenzelt in den Parks aufgestellt, was regelmässig zu interessanten Begegnungen mit der Tierwelt geführt hat.

Wir hatten auch keinen Kühlschrank – meistens bestanden die Sundowner aus gut temperierten Getränken. Meine Erfahrungen und Kenntnisse der Parks, sowie Bekanntschaften aus jener Zeit sind mir bis heute eine grosse Hilfe, wenn es um die Planung einer speziellen Reise geht.

Was glaubst du, woran es liegt, dass so viele Menschen der Afrika Virus packt? Was hat der Kontinent, was andere nicht haben?

Die Menschen finden in Afrika eine intakte Natur, freundliches und hilfsbereites Personal in den Unterkünften und eine hervorragende Infrastruktur. Die Guides sind die besten der Welt. Und wenn man sich irgendwo in einem abgelegenen Gebiet vorstellt, dass man vom Mond aus auf sich selbst runterschauen kann, kann einen das schon ganz schön umhauen!

Die Safariländer in Afrika haben vor allem dank der Vision von Naturschützern eine intakte Natur und phänomenale Tierwelt. Botswana hat ungefähr die Fläche von Frankreich unter Schutz gestellt.

Welchen Einfluss haben die Wahlen in Südafrika auf den Tourismus, kann man das schon sagen? Was sind die Befürchtungen, die Hoffnungen?

Die Wahlen hatten und haben, soweit wir vernommen haben, keinen direkten Einfluss. Die Zukunft wird zeigen, wie die Koalition mit 4 Parteien in der Regierung funktionieren wird. Das ist etwas ganz Neues für Südafrika, bisher konnte die ANC ganz allein regieren. Meine persönliche Hoffnung ist, dass die grassierende Korruption aufhört und alle Menschen in besseren Verhältnissen leben können.

Und was ist dein ultimativer Geheimtipp im südlichen Afrika? Deine eindrücklichste Begegnung?

Zimbabwe ist in vielerlei Hinsicht das eindrücklichste Land im südlichen Afrika. Hwange, Mana Pools, Gonarezhou und die Eastern Highlands machen einen Aufenthalt dort zum unvergesslichen Erlebnis.

Meine eindrücklichste Begegnung war 1991 im Matusadona National Park am Lake Kariba, als ich auf einem Bush Walk keine 20 Meter von einem Spitzmaulnashorn stand. Ich hatte keine Zeit zum Fotografieren, so aufgeregt war ich! Aber das Erlebnis werde ich nie vergessen!

Als Fussballfan müssen wir jetzt noch deinen EM-Tipp haben. Wer wird den Pokal holen?

Wenn die Schweiz und England gegeneinander spielen, ist mein Herz zerrissen. Jetzt ist die Schweiz genau gegen England ausgeschieden, was sehr bitter ist. Gleichzeitig freut es mich, dass England noch dabei ist. Jetzt sollen die «Three Lions» noch bis in den Final kommen und es den «Lionesses» gleich machen und den Titel holen. Football’s coming home!!

Interview: Nathalie Sassine