Feedback: «Entlassungen, aber mit Verstand und Verantwortung»

TRAVEL INSIDE-Leserin Barbara Wohlfarth mit einem Appell zum Stellenabbau von Kuoni und Hotelplan.

Barbara Wohlfarth, Inhaberin Reisecocktail, Dietlikon: 

Barbara Wohlfarth
©TRAVEL INSIDE

«Nun ist es offiziell: Bei der Fusion Dertour Suisse/Kuoni Hotelplan fallen bis zu 250 Stellen weg. Erwartbar, aber es tut trotzdem weh.

Wir alle kennen die Worte Restrukturierungen, Sparrunden, Personalabbau. Und trotzdem trifft es uns jedes Mal. Was dabei oft vergessen geht: Hinter jeder Zahl steckt ein Mensch. Ein Mensch mit Geschichte, Erfahrung, Herzblut und einem Leben ausserhalb des Büros.

Darum mein Appell an uns alle: Lasst uns verantwortungsvoll handeln. Lasst uns die soziale Nachhaltigkeit nicht einfach zur Seite schieben. Besonders dann nicht, wenn es um Kolleginnen und Kollegen geht, die kurz vor der Pensionierung stehen.

Müssen wir wirklich Mitarbeitende über 60 entlassen? Menschen, die seit Jahrzehnten für diese Branche brennen, Kundinnen und Kunden glücklich gemacht, Krisen gemeistert und ein Wissen aufgebaut haben, das unbezahlbar ist? Ist es wirklich keine Option, sie in anderer Form zu halten, mit reduziertem Pensum, angepassten Aufgaben oder flexiblen Modellen?

Mich trifft es persönlich, wenn Mitarbeitende über 60 einfach gekündigt werden. Viele arbeiten nicht mehr, weil sie müssen, sondern weil sie wollen aus Leidenschaft für ihren Beruf. Andere müssen weiterarbeiten, weil ihre Rente schlicht nicht reicht. Gerade in einer Branche mit vielen Frauen und Teilzeit Pensen ist die finanzielle Realität oft hart. Für viele liegt eine Rente mit 65 einfach nicht drin.

Und ja: Ältere Mitarbeitende können teurer sein. Aber ab Erreichen des AHV-Alters entfallen Pensionskassen- und ALV-Beiträge und plötzlich ist ein erfahrener Mensch deutlich günstiger als gedacht. Und sowieso: Motivation, Verlässlichkeit und Loyalität haben kein Preisschild.

Wenn wir die Generation 60+ jetzt fallenlassen, trifft es in ein paar Jahren die Nächsten. Vielleicht irgendwann auch uns selbst. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur CO₂-Reduktion, sondern auch Verantwortung für Menschen.

Was mich besonders stört: Genau dieses Verantwortungsbewusstsein wird in vielen Managementschulungen heute kaum noch vermittelt. Dabei sind es genau diese Werte: Loyalität, Empathie, Weitsicht und soziale Verantwortung , die eine starke Unternehmenskultur ausmachen.

Und es reicht nicht, dies nur in Unternehmen zu verlangen. Diese Werte müssen wieder verankert werden: In Managementprogrammen, an Hochschulen, an Universitäten. Wir brauchen wieder Führungsausbildungen, die nicht nur PowerPoint und KPI-Folien vermitteln, sondern Haltung, Menschlichkeit und langfristiges Denken.

Bei Reisecocktail gehen hier bewusst mit gutem Beispiel voran. Mit der Übernahme von B&B Travel kommen drei Mitarbeitende über 62 zu uns und es gibt keine Entlassungen. Im Gegenteil: Wir freuen uns über diese Erfahrung, diese Loyalität und diese Leidenschaft. Genau solche Menschen tragen ein Unternehmen.

Ich wünsche mir, dass wir als Branche den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen. Dass wir den Wert von Erfahrung klar erkennen. Gerade die älteren Mitarbeitenden geniessen ihre letzten Jahre in unserer Branche, arbeiten mit einer beeindruckenden Portion Herzblut weiter und zeigen den Jüngeren, was es heisst, ein Leben lang für die wohl coolste Branche der Welt zu brennen, so sehr, dass man dabei sogar die tiefen Löhne und all die Herausforderungen gerne mal vergisst.

Zeigen wir als Branche Haltung. Muss wirklich jede Entlassung von Ü60 sein? Kürzlich haben bei einem grossen Schweizer Veranstalter, bei einer Reorganisation, still und fast unbemerkt, mehrere Mitarbeiter ihre Stelle verloren, darunter ein erfahrener Kollege über 60. Einer zu viel.

Gerade weil kaum jemand davon wusste, sollten Dertour Suisse und Hotelplan ihre Verantwortung umso bewusster wahrnehmen. Migros und Duttweiler haben immer gezeigt: wirtschaftlicher Erfolg und menschliche Verantwortung gehören zusammen. Daran sollten wir uns heute orientieren. Haltung zeigen heisst handeln und wer jetzt wegschaut, vergisst nicht nur die Menschen, die unsere Branche getragen haben, sondern verspielt auch die Werte, die sie überhaupt stark gemacht haben.»