TRAVEL INSIDE hat Myclimate-CEO Pascal Wieser zum Klimaschutz und effektiven Lösungen für die Reisebranche befragt. Das Interview ist HIER abrufbar. Die Stiftung bietet verschiedene Lösungen an für den Klimaschutz.
Mehrere TRAVEL INSIDE-Leser*innen äusserten sich darauf HIER mehrheitlich kritisch zu Myclimate.
Pascal Wieser nimmt nun Stellung zur Kritik.
Pascal Wieser, Myclimate
«Mit Interesse habe ich die Leserreaktionen auf mein Interview gelesen. Kritik, Diskussion und unterschiedliche Meinungen sind legitim und in der Regel bereichernd. Allerdings nicht, wenn mit sachlich falschen Behauptungen gearbeitet wird.

Der Vorwurf bzw. Begriff des ‘Ablasshandels’ fällt in diese Kategorie. Er begleitet, selten von klimaengagierten Menschen verwendet, Klimaschutzprojekte seit vielen Jahren. Das ist verständlich, denn er weckt Emotionen und spitz zu. Aber er greift klar zu kurz.
Denn niemand bei Myclimate behauptet, dass ein Klimaschutzbeitrag einen Flug ungeschehen macht. Das war nie der Fall und wir haben den Ausgleich der Emissionen immer als die drittbeste Lösung positioniert, nach dem Vermeiden und dem Reduzieren.
Es war nie unsere Aufgabe oder Bestreben, Schweizern ihre Ferienflüge zu verbieten oder ein schlechtes Gewissen zu verbreiten. Das Ziel war immer, eine pragmatische, wirksame Lösung für das Dilemma, welches viele Menschen bewegt, anzubieten. Nämlich ihr Bedürfnis nach verdienten Ferien und dem Erleben anderer Länder und Kulturen mit ihrer Sorge für Klima und Umwelt zu vereinen.
Genau deshalb hat sich die Stiftung Myclimate bereits vor Jahren von vereinfachenden, oft auch missbrauchten Begriffen wie ‘klimaneutral’ verabschiedet und waren in der Schweiz eine der ersten Organisationen, die diesen Schritt freiwillig und öffentlich gegangen sind. Wir haben dies nicht ‘klammheimlich’ getan, das ist eine klare Falschaussage, deren Hintergrund mir unverständlich ist. Sondern voll transparent kommuniziert – seit Herbst 2022 und seither immer wieder.
Apropos Transparenz: Unsere Jahresrechnung ist auf der Website publiziert. Wir zählen definitiv nicht zu den «gewissen Kreisen, die damit hervorragend verdienen».
Ebenso wenig behaupten wir, CO₂ sei das einzige Nachhaltigkeitsthema. Wer unsere Arbeit kennt, oder sich auf unserer Website informiert, weiss, dass wir seit Jahren auch Biodiversität, lokale Wertschöpfung, Gesundheit, Bildung, Energiezugang und weitere Nachhaltigkeitswirkungen von Projekten fördern, thematisieren und ihre Entwicklung mitfinanzieren.
Dass Klimaschutz nicht alle Herausforderungen der Welt löst, ist richtig. Daraus abzuleiten, dass man deshalb auf Klimaschutz verzichten sollte, wäre jedoch eine merkwürdige Schlussfolgerung.
In einem wesentlichen Punkt stimme ich zu 100% mit unseren Kritikerinnen und Kritikern überein: Gute Reiseberatung kann viel bewirken.
Genau deshalb habe ich ausdrücklich betont, dass nachhaltiger Tourismus viel früher beginnt als bei einem Klimaschutzbeitrag: bei der Reiseplanung, bei längeren Aufenthalten statt Kurztrips, bei der Wahl des Verkehrsmittels, bei der Steuerung von Angeboten und bei besseren Informationen für Kundinnen und Kunden.
Niemand bei Myclimate möchte Reisenden ein schlechtes Gewissen machen. Niemand behauptet, dass Klimaschutz das wichtigste Kaufargument für Ferien sei. Und niemand bestreitet den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und persönlichen Wert des Reisens.
Genauso ehrlich müssen wir aber anerkennen: Für viele Fernreisen existiert heute schlicht keine klimafreundliche Alternative. Das ist keine Ideologie, sondern Realität. Wer dennoch reist, was eines jeden gutes Recht ist, verursacht Emissionen.
Die Frage ist deshalb nicht, ob diese Emissionen existieren, sondern ob man Verantwortung dafür übernimmt oder nicht. Klimaschutzbeiträge sind dabei freiwillig. Niemand wird dazu gezwungen. Sie ermöglichen jedoch die Finanzierung konkreter Klimaschutzmassnahmen, die ohne diese Mittel oftmals nicht stattfinden würden.
Der Begriff ‘Ablasshandel’ suggeriert demgegenüber, dass gar nichts passiert und lediglich Gewissen beruhigt werden. Genau das Gegenteil ist der Fall: Moderne Klimaschutzprojekte werden nach klaren Standards entwickelt, überwacht und verifiziert. Sie erzeugen reale Finanzflüsse in Projekte, Technologien und Regionen, die dringend Investitionen benötigen. Über die Qualität einzelner Ansätze kann und soll man diskutieren. Die Existenz der Wirkung pauschal zu bestreiten, hilft jedoch weder der Debatte noch dem Klima.
Da wir dieses Instrument seit mehr als zwanzig Jahren anbieten, kenne wir auch unsere Kunden sehr genau. Diejenigen, die das Instrument wahrnehmen, sind meist Menschen, Firmen oder Organisationen, die auch sonst versuchen, ihr Kauf- bzw. Buchungsverhalten möglichst bewusst zu gestalten. Wenn zwischendurch dennoch – auch aus guten, persönlichen Gründen oder aufgrund von Sachzwängen – eine weniger klimafreundliche Lösung gewählt wird, steht immerhin noch dieses Instrument zur Wahl.
Wir würden uns deshalb wünschen, die Diskussion weniger ideologisch zu führen. Reiseberatung, Vermeidung, Reduktion, technologische Innovation, transparente Emissionsinformationen und freiwillige Klimaschutzbeiträge sind keine Gegensätze. Sie sind verschiedene Werkzeuge im gleichen Werkzeugkasten.
Weder Kundinnen und Kunden noch die Reisebranche gewinnen etwas, wenn wir uns in Grabenkämpfen zwischen ‘Fliegen ist immer schlecht’ und ‘Klimaschutz ist nur Ablasshandel’ verlieren.
Legen wir lieber alle Lösungen auf den Tisch, sprechen wir ehrlich über ihre Stärken und Grenzen und arbeiten wir gemeinsam daran, die Wirkung zu maximieren. Davon profitieren die Reisenden, die Branche und letztlich auch das Klima.»








