Feedback: «Myclimate – Realität von Reiseprofis und Kunden wird ignoriert»

Aktualisiert am 01.07.2026
TRAVEL INSIDE-Leserinnen und Leser äussern sich zur CO2-Kompensation.

TRAVEL INSIDE hat Myclimate-CEO Pascal Wieser zum Klimaschutz und effektiven Lösungen für die Reisebranche befragt. Das Interview ist HIER abrufbar.

Die Stiftung bietet verschiedene Lösungen an für den Klimaschutz, am meisten bekannt ist der Flug-Emissionsausgleich.

Barbara Wohlfarth ist kritisch gegenüber dem Geschäften mit Klimaschutz eingestellt und auch Andy C. Mosetti findet klare Worte, während Markus Nauser sich fragt, wer sich als Pionier einer wirklich klimaverträglichen Reisezukunft zeigen wird.


Andy C. Mosetti, Geschäftsführer Nextsky

Andy Mosetti

«Der Artikel zu Pascal Wieser und den Klimaschutzbeiträgen von Myclimate liest sich wie eine Werbebroschüre für modernen Ablasshandel.

Wer glaubt denn ernsthaft, dass ein paar freiwillige, oder noch schlimmer: fix eingebaute, CO₂-Zahlungen das Gewissen der Reisebranche und der Kunden reinwaschen können?

Das ist nichts anderes als Selbstbeweihräucherung gewisser Kreise, die damit hervorragend verdienen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Besonders lächerlich wird es, wenn TRAVEL INSIDE gut einen Monat nach der eigenen Umfrage vom 13. Mai 2026, in der klar hervorging, dass 86% der Kunden nie oder nur selten nach nachhaltigeren Reiseoptionen fragen, dieses Interview platziert. Die Realität der Reiseprofis und der Kunden wird hier einfach ignoriert.

Solche Beiträge stärken kein Vertrauen, sondern unterstreichen vor allem eines: Es geht ums Geschäft mit dem guten Gewissen, auf Kosten der Normalverdiener, die nicht die Töpfe von NGOs und Ablasshändlern füllen wollen, sondern einfach nur reisen möchten/müssen, privat oder geschäftlich.

Die meisten Kunden sind vernünftig genug und wählen gerne die Bahn, wenn es Sinn macht. Lenkungsabgaben sind da völlig fehl am Platz. Und wenn Hotels mit Umwelt-Labels werben, weil sie die Handtücher nur noch auf Verlangen wechseln, dann ist das nichts anderes als plumpe Gewinnmaximierung unter grünem Deckmantel. Noch absurder ist es, wenn gewisse Airlines sich brüsten mit der Technologie von AeroSHARK Film auf der Aussenhülle CO₂ einzusparen aber gleichzeitig Tonnen Gegen-Gewichte einbauen zum ausbalancieren des Flugzeugs wegen fehlkonzipierter neuer Premium Klassen Ausstattung. Da könnte man viel mehr fürs Klima tun, als mit Ablasshandel!»

Markus Nauser

Markus Nauser, Leiter Fachgruppe Klima-Grosseltern, via Linkedin

«Spannendes Interview, Pascal Wieser! Klimaschutzbeiträge werden uns wohl noch lange als ‘Third best’-Lösung (nach Emissionen vermeiden und Emissionen reduzieren) begleiten. Daneben gibt es – wie von Dir erwähnt – noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen, bis Klimaschutz und Reisebranche zum Dreamteam werden. Schade, dass ‘konkrete [und zudem transparent dokumentierte] Reduktionsstrategien’ erst auf der Wunschliste stehen.

Besonders gefallen hat mir die Aussage ‘Die wirksamsten Hebel liegen insbesondere in der Produktgestaltung, beim Transport, in der Steuerung des Angebotsportfolios…’. Wer traut sich aus der Deckung und profiliert sich als Pionier für eine wirklich klimaverträgliche Reisezukunft?»

Barbara Wohlfarth, Inhaberin Reisecocktail

Barbara Wohlfarth ©TRAVEL INSIDE

«In der Theorie der Umweltpsychologie mag das alles super schön klingen, aber die Realität im Reisebüro sieht komplett anders aus.

Niemand bucht seine Ferien bei mir, weil ein Zertifikat an der Wand hängt oder ein Tool wie Umbrella den Klimabeitrag automatisch einrechnet.

Aber wenn wir schon über das Geschäft reden: Wir Reisebüros könnten die CO2-Zertifikate selbst weitaus kostengünstiger einkaufen und so unsere eigenen Margen optimieren.

Das ist kein Geheimnis, das war bereits 2010 das Thema meiner Diplomarbeit als Tourismusexpertin über Green Business Travel.

Dass wir uns 16 Jahre später immer noch im Kreis drehen, zeigt doch, was das Ganze im Kern ist: das ewig gleiche Muster des jahrelangen Ablasshandels. Ein bequemes Marketing-Tool für das schlechte Gewissen, an dem alle Beteiligten ein bisschen mitverdienen.

Dabei könnten wir in den Reisebüros durch gezielte Angebote viel mehr steuern als viele meinen! Nachhaltigkeit im Tourismus passiert im Reisebüro durch echte Beratung: indem wir den Zug nach Paris oder Frankfurt aktiv vor dem Flug anbieten, anstatt Flüge selbstverständlich zu verkaufen. Oder indem wir über umweltfreundliche Bahnprojekte wie zum Beispiel in Ägypten oder den USA reden. Das bewegt real etwas.

Aber Myclimate tut lieber so, als ob CO2 das einzige Kriterium für Nachhaltigkeit wäre. Das ist extrem kurzsichtig. Es gibt andere Klimagase als CO2, die genauso schädlich sind. Und was ist mit dem Wassermangel in den Destinationen? Was ist mit dem Plastikmüll? Was ist mit fairen Löhnen für die Menschen vor Ort und mit Bildung? Davon steht auf keinem CO2-Zertifikat etwas.

Dass ab dem 1. Januar 2027 transparente Informationen zu Emissionen gesetzlich verpflichtend werden, zwingt die Branche nur dazu, die Kunden mit Zahlen und Modellrechnungen zu bespielen, die von Kritikern seit Monaten als fehlerhaft und geschönt zerrissen werden.

Myclimate musste klammheimlich die eigenen Formulierungen zur angeblichen ‘Klimaneutralität’ anpassen, weil die wissenschaftliche Basis hinten und vorne nicht stimmte.

Wer Ferien im Ausland machen will, soll dazu stehen und fliegen. Aber dieses scheinheilige Freikaufen auf Basis von gefälligen Modellrechnungen ist einfach nur ein ‘Verseckeln’ der Kunden. Es wird Zeit, dass wir in der Branche aufhören, unsern Kunden dieses Märchen vorzulesen, auch wenn es dafür eine Kommission gibt.»