Feedback: «Schweizer Reisebüros im verzerrten Wettbewerb»

Barbara Wohlfarth erklärt die Auswirkungen des Aida-Urteils auf die Schweizer Reisebranche.

Barbara Wohlfarth, Inhaberin Reisecocktail

Barbara Wohlfarth ©TRAVEL INSIDE

«Das jüngste Urteil des OLG Düsseldorf im Fall Aida hat das Verbot von Provisionsabgaben und Cashback als kartellrechtswidrig gekippt.

Während in Deutschland in den Fachmedien und in den Facebook Gruppen heftig über die weitreichenden Konsequenzen für die Margen diskutiert wird, herrscht in der Schweiz das grosse, kollektive Schweigen.

Man tut fast so, als ob uns das nichts angehen würde. Dabei betreffen die Konsequenzen dieses Urteils den Schweizer Markt direkt und ohne Verzögerung.

Die ausländischen Online-Player und global agierenden Cashback-Plattformen stoppen schliesslich nicht an der Grenze. Sie können die Preise über Kickbacks jetzt ganz legal, höchstrichterlich abgesegnet und ohne jede vertragliche Hürde aushebeln.

Das Problem ist nicht, dass unsere Schweizer Kunden blind jedem Billig-Angebot hinterherrennen, sie schätzen unsere Qualität und die persönliche Beratung an der Front nach wie vor. Doch sie werden durch diese aggressiven Plattformen mit optischen Täuschungen geködert.

In den Köpfen vieler Konsumenten ist das Vorurteil ‘Euro ist gleich günstig’ ohnehin fest verankert. Wenn dieses psychologische Klischee dann auch noch auf legale Cashback-Rabatte im Ausland trifft, haben wir auf dem Schweizer Markt von vornherein schlechte Karten.

Wir Schweizer Reisebüros stehen dadurch in einem völlig verzerrten Wettbewerb mit diesen Plattformen: Während die ausländische Konkurrenz dank des starken Frankens und legalisierter Rabatt-Schlachten mit vermeintlichen Schnäppchen lockt, kämpfen wir im Einkauf mit harten Währungsnachteilen. Unsere Margen werden so von zwei Seiten gleichzeitig komplett erdrückt.

Noch viel schlimmer und betriebswirtschaftlich absolut untragbar ist, dass viele ausländische Veranstalter uns Schweizer Büros den direkten Zugriff auf ihre regulären Agenturverträge und Raten schlichtweg verweigern und zwar einzig und allein aus dem Grund, weil wir in der Schweiz sitzen.

Das ist nichts anderes als diskriminierendes Geoblocking im B2B-Einkauf. Wir werden an der Quelle blockiert, vom europäischen Markt abgeschnitten, müssen aber im selben Atemzug auf dem Heimmarkt gegen die ausländischen Cashback-Riesen antreten, die mit ebendiesen Raten gefüttert werden.

Dass aus der Schweizer Branchenführung dazu kein einziger Ton kommt, überrascht nicht.

Seit dem Hotelplan-Verkauf sind die grossen Player auf unserem Markt fest in deutscher Hand. Man könnte fast denken, dass der Chefsessel in der Schweiz für das dortige Management ohnehin nur ein einzelner Punkt in der Karriere ist, bevor man zum nächsten Grosskonzern weiterzieht.

Warum sollte sich eine primär aus dem Ausland gesteuerte Konzernleitung auch für die Wettbewerbsnachteile der unabhängigen Schweizer Büros einsetzen?

Wenn Kuoni und Hotelplan demnächst unter einem Dach operieren, gibt es im Massengeschäft auf dem Platz keinen einzigen grossen, echten Schweizer Reiseveranstalter mehr.

Das wird alles aus Deutschland dirigiert: Der Einkauf ist zentralisiert, die Strategien werden im Ausland gemacht, und die Schweizer Rendite fliesst ab. Die Interessen und das Überleben der unabhängigen Schweizer KMU-Reisebranche spielen auf diesen temporär besetzten Posten im Ausland schlicht keine Rolle mehr.

Neben diesem rechtlichen Ungleichgewicht im Ausland ärgere ich mich aber vor allem über ein hausgemachtes Schweizer Problem, das uns wie ein Klotz am Bein hängt: Das völlig veraltete, starre Werbeverbot in Euro.

Die Schweizer Preisbekanntgabeverordnung (PBV) zwingt uns im Alltag dazu, Preise starr und ausschliesslich in Schweizer Franken zu publizieren.

Was auf den ersten Blick nach Konsumentenschutz aussieht, bedient in der Praxis genau das falsche Klischee ‘Euro gleich günstig’. Der Kunde wird durch diese angebliche Transparenz komplett geblendet und sieht auf den ausländischen Seiten vermeintlich extrem grosse Preisvorteile.

Würden im direkten Vergleich echte, marktkonforme Abrechnungskurse inklusive aller realen Bankspesen und Kreditkartengebühren verwendet, wäre die Differenz zum Ausland oft gar nicht mehr so gross oder sogar inexistent. So aber wandert der Kunde aufgrund falscher optischer Reize ab und zahlt am Ende im Ausland wegen der versteckten, realen Bank- und Kartengebühren sowieso drauf.

Dieses verstaubte Gesetz verschärft die gesamte Problematik für die Schweizer Reisebranche massiv. Es gehört schleunigst auf den Prüfstand und genauso gekippt wie die Blockaden im B2B-Einkauf.

Wir in der Reisebranche sind da schliesslich nicht die einzigen: Diese künstliche Benachteiligung durch veraltete Schweizer Gesetze bremst das gesamte einheimische Gewerbe aus. Während die Politik wegschaut, wird der Schweizer Markt sehenden Auges gegenüber der ausländischen Konkurrenz geschwächt.

Unsere Wettbewerbskommission WEKO muss hier endlich aufwachen und von sich aus, via Selbsteintritt, ganz genau hinschauen. Wenn ausländische Gerichtsurteile die Marktregeln neu definieren und gleichzeitig verstaubte Schweizer Verordnungen den Wettbewerb im Inland derart verzerren, dann muss das Schweizer Kartellrecht zwingend angepasst werden. Wir brauchen keine Absichtserklärungen, sondern griffige, rechtliche Regeln gegen die systematische Benachteiligung von Schweizer Büros im grenzüberschreitenden Geschäft.

Solange wir dieses massive rechtliche Ungleichgewicht stumm und demütig aussitzen, überlassen wir die Schweizer Umsätze kampflos der ausländischen Konkurrenz. Wenn wir jetzt nicht schleunigst aufwachen und Gegensteuer geben, wird das vermeintlich weit entfernte Aida-Urteil für die gesamte Schweizer Reisebranche ganz schnell zu einem verheerenden Boomerang.»