Gastkommentar: «Impfen lassen oder zuhause bleiben»

Der TRAVEL INSIDE Autor und Branchen-Insider Erich Witschi arbeitet für Globetrotter und betreut die Helpline.
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Unsere gebeutelte Branche wartet seit Monaten auf ein Licht am Ende des Tunnels. Im Sommer war ein solches Licht tatsächlich zu erkennen, nur um im Herbst wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. In diesen Tagen erscheint nun abermals ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

Dazu trägt sicher auch die sich momentan abzeichnende «Trendwende» (Aussage unserer Behörden) bei den Zahlen der neu Angesteckten und bei den Hospitalisierungen bei. Aber auch die Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff, der ja, glaubt man den Aussagen der Experten, bei zwei Fabrikaten bereit steht zur Verabreichung.

Aber auch das Wort «Schnelltest» sorgt für einen Silberstreif am Horizont. Wer sich dann aber etwas genauer mit der Materie befasst (was bei gefühlten tausend Interpretationen gar nicht so einfach ist) wird schnell begreifen, dass Schnelltests auch nicht der erhoffte Ritter auf dem weissen Ross sind. Bereits der Name Schnelltest ist irreführend. Über welche Schnelltests reden wir überhaupt? Antigen oder Antikörper?

Der Antikörper-Test kommt schon gar nicht Frage, da es ich um nichts anderes als einen PCR-Test in abgekürzter Form handelt. Dabei wird der eigentliche Test nicht in einem Labor durchgeführt, sondern erfolgt mit mobilen Geräten vor Ort. Diese Geräte können so optimiert werden, dass ein Ergebnis bereits ab einer Dreiviertelstunde vorliegt. Der Nachteil: Die Geräte schaffen nicht mehr als 80 Tests am Tag. Sie sind also für einen Einsatz zum Beispiel an Flughäfen völlig ungeeignet. Zudem müssen diese mobilen Testgeräte von ausgebildeten Fachpersonen bedient werden und das Ergebnis ist erst zwischen ca. 45 Minuten und bis zu mehr als einer Stunde erhältlich.

Bleiben also noch die Antigen-Tests. Diese neuartigen Schnelltests sind seit Sommer auf dem Markt und sollen, nach Angabe der Hersteller, so einfach einzusetzen sein wie ein Schwangerschaftstest. Das stimmt aber nicht in jedem Fall. Bei diversen Produkten ist immer noch ein kleines mobiles Analysegerät notwendig, um die Probe auf den Virennachweis vorzubereiten. Auch hier sollte geschultes Personal zum Einsatz kommen. Es gibt auch ein paar Produkte, die ohne Analysegerät auskommen. Gemäss letzten Informationen sind diese Tests noch nicht frei verkäuflich, zumindest nicht an Privatpersonen – vielleicht jedoch an Institutionen, wie zum Beispiel Flughäfen.

Gehen wir mal davon aus diese Tests können an den Flughäfen durchgeführt werden (momentan noch freiwillig), wäre dies die einzig praktikable Lösung für den Einsatz eines Schnelltests (z.B. auch bei Kreuzfahrten, Hotels, etc.) Beim Antigen-Schnelltest wird die Probe aus dem Speichel entnommen und es sollte bereits innerhalb einer Viertelstunde erkennbar sein, ob ein Patient akut infiziert und ansteckend ist.

Jetzt kommt aber bereits der erste Haken. Grippe-Tests, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren erreichen eine Sensitivität von nur etwas mehr als 50 Prozent und eine Spezifizität von etwa 99 Prozent. Das bedeutet, dass nur jeder zweite Virenträger erkannt wird und einer von 100 Getesteten hätte ein falsch positives Ergebnis. Zudem sind bei vielen Virenträger die Antigene erst ein paar Tage nach der Ansteckung sichtbar.

An einem grossen Airport würden somit also jeden Tag Hunderte von infizierten Passagieren «durch die Lappen gehen» oder zu Unrecht an der Reise gehindert werden. Man muss auch nach dem Nutzen dieser Tests am Flughafen fragen. Was bringen diese Schnelltests, wenn am Ankunftsort ohnehin ein negatives PCR-Testresultat vorgelegt werden muss um überhaupt einzureisen zu können oder in die Quarantäne geschickt zu werden? Welche Familie würde das Risiko eingehen, 14 Tage Kanaren mit allem Drum und Dran zu buchen nur um am Airport zu erfahren das ein Familienmitglied infiziert ist und sie die Reise nicht antreten können?

Fazit: Schnelltests an Flughäfen sind ein ideales und durchaus legitimes Marketingwerkzeug für Airlines und andere Leistungsanbieter um damit die Angst vieler Reisenden, insbesondere der Sorte «Vollkaskomensch», zu zerstreuen. Wir kennen das zur Genüge – Beispiel Flüssigkeitskontrolle, Schuhe ausziehen, etc.. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn schlussendlich hilft es der ganzen Tourismusbranche. Aber das für unsere Branche wirklich ‚heilbringende‘ Mittel zur Wiederbelebung des Tourismus in der ganzen Welt wird die Impfung gegen Covid-19 sein.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen in Zukunft nebst dem Reisepass auch einen Impfpass mitzuführen. Die Argumente der Impfgegner sind zwecklos. Es wird ja bereits jetzt in vielen Ländern der Erde ein Impfnachweis verlangt, z.B. für Gelbfieber, Malaria, etc. Wer in diese Länder reisen will hat die Wahl. Entweder impfen lassen oder zuhause bleiben – e basta. Auch nach dem hoffentlich baldigen Abklingen der Pandemie wird uns der Corona Virus weiter begleiten. Die Impfstoffe werden verbessert und vielleicht kommen in Zukunft sogar wirksame Medikamente gegen die Erkrankung zur Anwendung. Das dürfte jedoch noch etliche Jahre dauern und bis es soweit ist, wird die Impfung und der Impfausweis unsere einzige Hoffnung bleiben. Ich lasse mich jedoch gerne eines Besseren belehren.

(Erich Witschi)