Gastkommentar: «Krisenbewältigung»

Journalist Kurt Schaad macht sich Gedanken über die Zeit nach Corona.

Nach der wohl grössten Krise des 20. Jahrhunderts, dem 2. Weltkrieg, war der Wunsch nach Frieden und Wohlstand der wichtigste Gedanke, der mit der Aussage «unsere Kinder sollen es besser haben als wir» einherging. Mit Jahrgang 1950 war und bin ich privilegiert, die Auswirkungen dieser Grundhaltung in vollen Zügen geniessen zu können. Viele Türen standen weit offen und es gab lange nur eine Richtung: nach oben. Und in der Folge: die Pflege von Fernweh.

Als meine Eltern in den 80er Jahren zum ersten Mal einen Fuss in ein Flugzeug setzten war ich bereits zwei Mal um die Welt gereist. Tourismus wurde zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. Eine Woche Badeferien in Ägypten war günstiger als eine Woche Wanderferien in Grindelwald. Dass das Reisevirus weder vor Ideologien oder Ethnien Halt macht, bewiesen die Touristenströme, die sich aus China oder Indien über die halbe Welt ergossen. Und jetzt hat ein anderes Virus dieses Reisevirus gebodigt und die wohl weltweit grösste Krise nach dem 2. Weltkrieg ausgelöst.

Krisen und deren Bewältigung sind an sich nichts neues. Ölkrise, Immobilienkrise, Dotcom.Krise oder die noch nicht aus der Erinnerung verschwundene Finanz- und Währungskrise haben immer auch in der Tourismusbranche Spuren hinterlassen. Und nun also dieses Corona Virus. Eine Krise mit neuen Dimensionen: sie ist nicht mehr «man made» – es ist die Natur, die uns das Fürchten lehrt. Wir stehen der Pandemie ratlos gegenüber. Wir können keine Erfahrungswerte zu Rate ziehen und sind darauf angewiesen, immer wieder neue Erkenntnisse in eine Lernkurve einzubauen. Mit anderen Worten: wir wissen nicht wohin die Reise geht, solange kein Impfstoff zur Verfügung steht. Alle getroffenen Entscheidungen können nur rückblickend beurteilt werden. Erstaunlich ist, wie viele «Experten» es gibt, die trotzdem alles besser wissen. Es würde mich wundern, wenn überhaupt irgendein Unternehmen eine Strategie mit dem jetzigen Corona Szenario in der Schublade gehabt hat. Denn dann hätte man sich eingestehen müssen, dass eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor Covid 19 eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Positiv ist: das Corona Virus deckt schonungslos alle Versäumnisse oder Fehlentwicklungen einer globalisierten Gesellschaft und ihrer Wirtschaftswelt auf. Unternehmen unter Margendruck, die von der Hand in den Mund lebten und keine Reserven bildeten, stehen vor dem Aus. Die Luftfahrtindustrie, «gesegnet» mit Überkapazitäten, staatlich geförderten Wettbewerbsverzerrungen und einem mörderischen Preisdruck, baute ihre Geschäftsmodelle u.a. auf den Ticket-Vorauszahlungen ihrer Kunden auf. Die Bildung echter Reserven war so nicht möglich und der schnelle Ruf nach dem Staat ist unausweichlich. In der Folge davon warten Reiseunternehmen vergeblich auf Gelder von den Airlines, Gelder, die sie per Gesetz ihren Kunden zurückgeben müssen. Ironie der Geschichte: Die Fluggesellschaft Ryan Air hat gut gefüllte Kassen und kann auf staatliche Unterstützung (vorläufig) verzichten. Die Botschaft ist fatal: Nur dank juristischem Grauzonensurfen und menschenverachtenden Anstellungsbedingungen steht Ryan Air mit einem dicken Portemonnaie da.

Falsch verstandenes Unternehmertum lässt sich bei der Buchungsplattform Booking.com ausmachen. Das in US Besitz sich befindende Unternehmen mit Hauptsitz in Amsterdam hat, unter lautstarkem Protest breiter Bevölkerungsschichten, beim holländischen Staat um finanzielle Unterstützung nachgesucht. Das Geld, das man in den Rückkauf von Aktien gesteckt hatte, um den Aktienkurs hoch zu halten, fehlt jetzt in der Kasse, in die Reserven hätten zurückgelegt werden müssen. Ebenso stossend ist, wenn Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden auf Kurzarbeit setzen und damit Staatshilfe beziehen, weiterhin Dividenden und Boni auszahlen.

Demgegenüber sind Reisebüros auf staatliche Hilfe angewiesen, weil ihnen unverschuldet Liquidität durch die ausserordentlichen Massnahmen des Bundes entzogen worden ist. Diese Forderung ist berechtigt. Sie gilt aber nicht für jene Vertreter der Reisebranche, die unter Margendruck von der Hand in den Mund gelebt und ihre unternehmerische Verantwortung mit der fehlenden Bildung von Reserven nicht wahrgenommen haben. Ein gutes Vorbild ist der Bund, der dank der Schuldenbremse ein ansehnliches Finanzpolster geschaffen hat, das nun helfen kann, unbürokratisch die notwendige Liquidität zu beschaffen. Wenn es aber dazu führt, dass Reisebüros, die nicht markttauglich sind, erhalten bleiben, ist das (Steuer-) Geld falsch eingesetzt.

Noch Anfang dieses Jahres konnten wir uns nicht vorstellen, dass unsere Lebensgewohnheiten komplett auf den Kopf gestellt werden. Noch Ende Februar glaubte ich nicht, dass das Corona Virus meine Reisepläne für den Mai nicht mehr zulassen wird. Verglichen mit den realen Existenzängsten von Reiseveranstaltern sind meine «Reisesorgen» ein völlig unwichtiges Luxusproblem. Kurzfristig geht es ums geschäftliche Überleben. Langfristig um die Erkenntnis, dass unsere Lebensstrategien nicht mit einem Garantieschein verknüpft werden können. Das Corona Virus lehrt uns, mit Veränderungen zu rechnen, die wir bislang nicht auf dem Radar hatten. Der Klimawandel steht schon in den Startlöchern.

Es ist vermessen zu denken, dass wir nach einer gewissen Zeit wieder im alten Wirtschaftsfahrwasser unterwegs sein können. Aber es hindert uns nichts daran, nach neuen Wegen zu suchen. Unternehmertum war die Grundlage für den Wohlstand in der Schweiz und Unternehmertum muss auch die Grundlage sein, um in der Zeit nach Covid 19 bestehen zu können. Wir müssen uns neu erfinden. Die Lösungen für die Zukunft liegen nicht in der Vergangenheit. Sich festklammern am Erreichten ist keine Lösung. Das braucht Mut und Geduld aber wir wissen auch: Not macht erfinderisch. Auch das Reisevirus wird überleben und das Ferienbedürfnis erhalten bleiben. Mit innovativen Ideen entstehen so Geschäftsmodelle der Zukunft. Mit dem Schlimmsten rechnen und das Beste hoffen ist eine Strategie, mit der man der Realität auf Augenhöhe begegnen kann. Zurzeit wissen wir (noch) nicht, wohin die Reise geht. Wenn wir auf dieser Reise lernbegierig bleiben hilft es, die Ängste in Schach zu halten. Der Deutsche Virologe Christian Drosten hat eines dieser Learnings auf den Punkt gebracht: «Man verhandelt mit der Natur, nicht mit einem Virologen.»


Kurt Schaad hat diesen Gastkommentar als Reisejournalist, der auf verschiedenen Ebenen mit der Reisebranche verbunden ist, als Gründer und Leiter des SRF-Wirtschaftsmagazins «Eco», das bei Sendebeginn gleich mit dem Beginn der Finanzkrise konfrontiert war und als Auftritts- und Kommunikationscoach, der auf Management Level arbeitet, geschrieben.

 

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