Globetrotter Travel Service baut ab und sich um

Stellenabbau steht bevor – vier Filialen in Bern und Zürich gehen zu.
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Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind auch für Globetrotter Travel Service (GTS) gravierend. Deswegen baut der zweitgrösste rein schweizerische Veranstalter seine Geschäftsleitung um und gibt sich eine neue Firmenstruktur mit einem neuen Wertesystem für das ganze Unternehmen.

Auch personelle Einschnitte stehen bevor. «Wir werden nicht um einen Stellenabbau herumkommen», sagt CEO Dany Gehrig auf Anfrage von TRAVEL INSIDE. Wie gross er ausfallen wird, sei noch nicht klar, so Gehrig. Heute beschäftigt Globetrotter Travel Service rund 240 Personen, Anfang dieses Jahres verteilt auf 213 Stellen. Anfang 2021 soll der Umbau inklusive Stellen- und Filialreduktion abgeschlossen sein, so Gehrig.

Aus Soziokratie wird Globokratie

Auf strategischer Ebene hätten der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung die Werte und die Marke geschärft, schreibt die Firma, und die Entscheidungskompetenz nach Regeln der Soziokratie, bei Globetrotter Globokratie genannt, thematisch den relevanten Mitarbeitenden anvertraut. Dabei handelt es sich um eine Führungsstruktur, welche das Verantwortungsbewusstsein und das Commitment jedes einzelnen Mitarbeiters fördern soll, indem Entscheidungen vom Management an die Mitarbeitenden delegiert werden.

Den Wechsel der Führungsphilosophie habe er bereits im Januar angestossen, «Corona hat den Prozess massiv beschleunigt», so Gehrig. Ziel sei, dass gerade im Hinblick auf den Stellenabbau nicht vom Management allein über das Personal entschieden werde, sondern von den Mitarbeitenden selber.

Konkret sieht das so aus: Nachdem die Teamleitungen, zum Beispiel Filialleiter, ein Organigramm ihrer Einheit mit Anforderungsprofilen gemacht haben, können sich alle Mitarbeitenden auf die firmenintern publik gemachten Stellen bewerben: Sie nominieren sich und müssten begründen, weshalb sie die geeignetste Person für den Job sind. Die Auswahl erfolgt dann im Team selber, die Stellen werden nicht von oben her besetzt. «Jedes Team konstituiert sich selber», betont CEO Dany Gehrig. Er selber habe keine Stimme dabei, aber er moderiere den Auswahlprozess, der nicht auf Mehrheitsbeschlüssen basiert, sondern auf Argumenten in der Diskussion.

40% weniger Umsatz im 2021 budgetiert – bei Ebit-Marge von 1,5%

Den Rahmen für die neuen personellen Zusammensetzungen bilden die Vorgaben der Geschäftsleitung, die für 2021 von 40% weniger Umsatz als 2019 ausgeht und dennoch weiterhin eine Ebit-Marge von 1,5% verlangt. Darauf basierend können die Teamleiter mit ihren Mitarbeitenden selber aushandeln, wie sie das erreichen wollen – mit weniger Personal, mit Arbeitszeitreduktionen oder Lohnverzicht oder mit mehr Freizeit über unbezahlten Urlaub.

Mit der Einführung der Globokratie ermögliche Globetrotter seinen Mitarbeitenden, die Zukunft ihres Unternehmens aktiv mitzugestalten, so die Firma. Anhand dieser Methodik hat sich die Geschäftsleitung als erstes selbst neu aufgestellt und besteht mit sofortiger Wirkung aus fünf Personen:

  • Dany Gehrig (CEO und Leiter Globokratie)
  • Caroline Bleiker (Leiterin Verkauf)
  • Heinz Wyss (Leiter Finanzen)
  • Sven Ziörjen (Leiter Marketing)
  • Christian Blattmann (Leiter Operations).

Co-Verkaufsleiter Patrick Binz ist nicht mehr dabei. Er habe sich entschieden, sich nicht als Filialleiter aufzustellen und werde Globetrotter verlasssen.

Mit der neuen Struktur und Wertebasis will sich das Unternehmen für die «grossen Herausforderungen, ausgelöst durch die Corona-Pandemie», rüsten. Die Geschäftsfelder Business und Premium Travel sowie Sportreisen blieben fester Bestandteil der Globetrotter Strategie. Globetrotter vertraue weiterhin auch auf sein Geschäftsmodell und setze auf ein Verteilnetz an den Standorten:

  • Aarau
  • Baden
  • Basel
  • Bern
  • Biel
  • Brig
  • Chur
  • Fribourg
  • Luzern
  • Rapperswil
  • Schaffhausen
  • St. Gallen
  • Thun
  • Winterthur
  • Zug
  • Zürich

«Die Filialen bleiben das Rückgrat des Unternehmens und bilden die persönliche Verbindung zu den Kunden», so die Mitteilung. Trotzdem gibt es vier Schliessungen, wie Gehrig zu TRAVEL INSIDE sagt: «Interlaken wird mit Thun zusammengelegt, Bern Aarbergergasse mit Neugasse und in Zürich schliessen Europa-Allee und Löwenstrasse, es bleiben noch Stadelhofen und Rennweg.»

Auch die Filialleiter haben sich untereinander und gegenseitig bereits gewählt. Kilian Maeder von Bern Aarbergergasse habe sich nicht mehr aufstellen lassen, ebenso Armando Sasselli von Zürich Löwenstrasse, der aus privaten Gründen das Unternehmen verlassen werde, so Gehrig. Maeder überlege, sich für einen andere Stelle nominieren zu lassen.

Mit der schrittweisen Umsetzung der Massnahmen bis Ende Jahr sieht CEO Dany Gehrig das Reiseunternehmen für die Zeit nach Corona gerüstet. Auch dank Globokratie, durch die Entscheide schneller und gewichtiger umgesetzt werden könnten. «Es ist unser festes Ziel, unser Schiff durch den schwersten Sturm zu bringen, einen Grossteil der Crew an Bord zu halten und die anderen würdevoll an Land zu bringen», so Gehrig.

(Christian Maurer)