Jetzt redet Luc Vuilleumier

«Wir sind gegen die ‘Motion Ettlin’, weil die Definition einer Kundengeldabsicherung fehlt!»
Luc B. Vuilleumier: «Weshalb sprach man nicht im Vorfeld mit uns?» © TI

STAR-Präsident Luc B. Vuilleumier musste einiges an Kritik einstecken, weil er sich mit einer E-Mail an den Ständerat wendete und die ‘Motion Ettlin’, welche eine vorübergehende Staatsgarantie für die Kundengeldabsicherer fordert, im Namen der Swiss Travel Security (STS) zur Ablehnung empfahl.

Bei den anderen Kundengeldabsicherern, dem Garantiefonds und der Travel Professional Association (TPA), stiess dies auf grosses Unverständnis und wurde von TPA-Präsidentin Sonja Laborde denn auch kritisiert.

Im Interview mit TRAVEL INSIDE nimmt Luc B. Vuilleumier zu den Vorwürfen Stellung und erklärt die ablehnende Haltung der STS.


Luc Vuilleumier, was sind die Beweggründe, gegen die Staatsgarantie für die Kundengeldabsicherung zu sein? Sollte es zu einem Knall bei einem der Grossen kommen, würden doch die STS-Mitglieder auch davon profitieren.

Also, wir sind nicht gegen eine Staatsgarantie, aber wir sind gegen die ‘Motion Ettlin’, weil die Definition einer Kundengeldabsicherung fehlt. Das ist das eine und das Andere ist, wenn es einen Knall gäbe, würden die STS-Mitglieder überhaupt nicht davon profitieren.

Wir sind weder daran interessiert, dass es nur einen Kundengeldabsicherer gibt, noch daran, die grossen Reiseunternehmen zu versichern. Das entspricht in keiner Weise unserem Geschäftsmodell.

Aus dieser Antwort entstehen Folgefragen.
Einerseits, die STS ist nicht gegen die Staatsgarantie aber gegen die ‘Motion Ettlin’. Müsste eine Staatsgarantie anders aussehen und wie?

Genau, grundsätzlich finden wir es richtig, dass man über eine Staatsgarantie nachdenkt, aber die Frage ist doch, für wen diese Garantie ist. Das wären die Kundengeldabsicherer, aber interessanterweise definierte bisher noch nie jemand, nicht einmal das Pauschalreisegesetz (PRG), was eine Kundengeldabsicherung sein muss.

Aus unserer Sicht ist es absolut zwingend, dass zuerst definiert werden muss was eine Kundengeldabsicherung ist und erst wenn dies getan ist, kann man entscheiden, wie nun eine Staatsgarantie aussieht.

Wie ist den die Definition der STS einer Kundengeldabsicherung ist?

Hierzu haben wir unsere Vorstellungen, aber man müsste dies im Detail anschauen. Auf jeden Fall müsste es ein Modell sein, welches den kompletten Umsatz eines Veranstalters absichert und kein Sicherungsschein im Spiel ist, so wie wir es in der Schweiz gewohnt sind.

Beispielsweise in der Frage, ob dies eine Stiftung sein muss, die der Stiftungsaufsicht unterstellt ist, sind wir völlig offen aber wir wollen dies definiert haben. So wie es heute ist, kann jeder ab sofort von sich behaupten, er sei eine Kundengeldversicherung und gemäss der ‘Motion Ettlin’ hätte er dann eine Staatsgarantie, was bestimmt nicht der Zweck der Idee ist.

Nochmals zurückkommend auf die erste Frage. Warum sind Sie der Meinung, die STS-Mitglieder würden von einer Staatsgarantie im Konkursfall eines grossen Veranstalters nicht profitieren?

Es mag sein, dass auch unsere Mitglieder in einem solchen Fall tatsächlich profitieren würden. Dies ist jedoch nicht Teil unserer Überlegungen. Es geht nicht darum, ob die STS-Mitglieder profitieren oder nicht, sondern zuallererst muss definiert werden, was eine Kundengeldabsicherung ist.

Profitieren wäre theoretisch möglich, jedoch gehe ich davon aus, dass jeder Kundengeldabsicherer seine Schäden decken kann. Aber natürlich, wenn der Gau eintrifft, und das ist das Wesen von Versicherungen, wäre dies natürlich nicht möglich. Deshalb nochmals, wir sind nicht dagegen, dass über eine Staatsgarantie diskutiert wird, aber wir wollen zuerst geklärt haben, wer überhaupt in der Lage ist, auf eine solche Staatsgarantie zurückzugreifen oder mit anderen Worten, was sind die Anforderungen an eine Kundengeldabsicherung.

Es wurde geschrieben, dass Sie sich beklagt hätten, weil der Garantiefonds die STS vorgängig nicht konsultierte. Stimmt das?

«Wir wehren uns gegen den Vorwurf die Motion torpediert zu haben!» © TI

Das ist so! Es ist auch so, dass Marco Amos, der Geschäftsführer des Garantiefonds im Interview mit TRAVEL INSIDE auf die Frage, ob bezüglich der ‘Motion Ettlin’ mit allen Kundengeldabsicherern gesprochen wurde, nur ausweichend mit ‘vereinzelt ja’ antwortete. Mit uns, der STS, hat er jedenfalls nicht gesprochen.

Der Garantiefonds agierte von sich aus und wir wussten von nichts. Das ist übrigens nicht das erste Mal. Schon vor Jahren im Fall der ‘Motion Markwalder’ geschah genau das Gleiche. Damals sprach der SRV nicht mit uns und fragte danach, weshalb wir dagegen seien.

Hätte man vorher darüber gesprochen, hätte man die Problematik ausdiskutieren können und interessanterweise wird mir vorgeworfen, ich sei nicht teamfähig und rede nicht mit den anderen Parteien, dabei ist es gerade umgekehrt.

Genau deshalb haben wir ein Problem. Die ‘Motion Ettlin’ ist der klassische Fall. Als wir wenige Tage bevor über diese im Ständerat diskutiert wurde davon erfuhren, blieb uns nichts anderes übrig, als die Mail mit welchem wir empfahlen diese abzulehnen, an die Ständeräte zu schicken.

Es war ein ‘fait accomplit’ des Garantiefonds und des SRV und wir wehren uns gegen den Vorwurf, wir hätten die Motion torpediert, denn wir konnten nichts dazu beitragen.

Aber, im Rahmen des politischen Prozesses in einem solchen Fall, mit vorberatenden Kommissionen und Vernehmlassungen, hätte man noch viel Zeit gehabt, auf die gesetzliche Ausgestaltung Einfluss zu nehmen.

Ich bin überzeugt davon, dass diejenigen die uns jetzt vorwerfen wir würden einen Extrazug fahren, dieselben wären, die uns später gefragt hätten, weshalb wir unsere Ablehnung nicht früher kundtaten.

Wenn man gegen etwas ist, oder das Gefühl hat etwas laufe nicht richtig, muss man sofort reagieren und nicht warten, bis sich damit bereits drei Instanzen beschäftigt haben.

Also, Sie sind nicht grundsätzlich gegen eine Staatsgarantie?

Richtig!

Aber mit Ihrem Vorstoss riskierten Sie doch, dass diese abgewürgt wird, bevor überhaupt eine Diskussion bezüglich der gesetzlichen Ausgestaltung und Verankerung stattfindet.

Meine Worte! Weshalb sprach man nicht im Vorfeld mit uns? Dann hätte man nämlich definieren können, was ist eine Kundengeldabsicherung, was sind die Anforderungen an diese und wie muss diese beispielsweise durch den Staat kontrolliert werden.

Wenn alle diese Faktoren vorliegen und die Bedingungen für eine Kundengeldabsicherung klar sind, kann darüber diskutiert werden, ob es eine Staatsgarantie gibt. Da hätten wir sofort Ja gesagt.

Der Garantiefonds versichert rund 5 Mia. und hätte mit seinem heutigen Vermögen ein Problem, wenn nur schon ein mittelgrosser Veranstalter Konkurs ginge. Er musste doch in diese Richtung aktiv werden.
Was war aus Ihrer Sicht daran falsch?

Natürlich sind wir viel kleiner und haben auch gar nicht den Anspruch wir seien die Grössten. Aber ich kann nicht verstehen, weshalb der Garantiefonds, genau gleich wie bei der Einführung des neuen Gebührenmodells, nicht mit uns sprach.

Wenn ich mich danach äussere, dass dies nicht unseren Vorstellungen entspricht, heisst es, ich sei ein Querschläger. Redet doch mit mir, jeder hat meine Handynummer und kann mich anrufen!

Also fühlen Sie sich persönlich zu wenig wahr- und ernstgenommen?

Mich stört nicht, dass man nicht mit mir redet. Hingegen stört es mich, dass man mich als Querschläger bezeichnet, wenn ich Gegenmassnahmen ergreife.

Wie verhält es sich konkret mit den Umsatzzahlen 2020 gegenüber 2019?

Auch in diesem Zusammenhang hätte ich erwartet, dass man mit mir spricht und mich gefragt hätte, wie das sein könne. Ich hätte dann nämlich erklären können, dass dies die Geschäftsjahreszahlen der STS von 2019 und 2020. Diese widerspiegeln logischerweise die Umsatzzahlen der STS-Mitglieder von 2018 und 2019. Bei dem Minus von elf Prozent geht es also um eine Umsatzreduktion der Mitglieder im Jahr 2019 gegenüber 2018.

Fakt ist aber, dass diese Zahlen ohne diese Erklärung an die Ständeräte gingen.

Man hätte das anders formulieren oder auch weglassen können. Wir kommunizierten diese Zahlen nur, damit die Räte den Unterschied zwischen dem Garantiefonds und der STS sehen.

Aber Sie hätten doch zu diesem Zeitpunkt die effektiven Zahlen aus 2020 und 2019 kommunizieren können?

Es ging uns nicht darum, irgendwelche Umsatzveränderungen aufgrund der Corona-Krise aufzuzeigen, sondern nur darum, den Unterschied in der Grössenordnung zwischen Garantiefonds und STS darzustellen.

Die Reaktionen von Garantiefonds und TPA auf den Vorstoss waren sehr klar und Unverständnis wurde zum Ausdruck gebracht. Bleiben Sie trotzdem bei Ihrer Haltung?

Ich wüsste nicht, wieso ich von dieser Haltung abweichen sollte.

Hätte die STS auch eingesprochen, wenn der Garantiefonds nur für sich die Forderung nach einer Staatsgarantie gestellt hätte.

Ja, weil die Politik sagen würde, wenn etwas gemacht wird, dann für alle Kundengeldabsicherer die diese Kriterien erfüllen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gesetzgeber eine Staatsgarantie nur für einen Teil einer Branche festlegen würde.

Genau deshalb bezieht sich die ‘Motion Ettlin’ doch auf die ganze Branche?

Wollen wir definieren was ein Kundengeldabsicherer ist? Im Pauschalreisegesetzt (PRG) steht lediglich, der Veranstalter oder Vermittler habe die Kundengelder abzusichern und weiter, er müsse dies auf Nachfrage des Kunden nachweisen können. Es ist nirgends geregelt was eine Kundengeldabsicherung genau ist.

Würde die Motion tatsächlich umgesetzt bevor klar definiert ist, was eine Kundengeldabsicherung ist, könnte am Schluss jeder eine Staatsgarantie beanspruchen. Die genauen Kriterien, die eine Kundengeldabsicherung zu erfüllen hat, hätten schon längst definiert werden müssen.

Wenn dies geklärt und definiert ist und man weiss, wer diese Bedingungen und Anforderungen erfüllt, dann unterschreibe auch ich die ‘Motion Ettlin’.

Man darf das Pferd nicht von hinten aufzäumen!

Interview: Hans-Peter Brasser