Lehrabschluss-Noten mit 5x 6.0: Vorteil Dertour Suisse

Die Top-5 Lernenden allesamt von Dertour – alles korrekt?: TRAVEL INSIDE ging dem nach.
©Muster Abschlusszeugnis, KI generiert

Der diesjährige Lehrabgangs-Jahrgang der Schweizer Reisebranche bestand aus 80 Absolvent*innen, im Vorjahr waren es 58.

Es handelt sich um den ersten Jahrgang nach der neuen KV-Reform und sämtliche Absolventinnen bestanden das betriebliche Qualifikationsverfahren (QV). Die Prüfungsergebnisse schnitten mit einem Notenschnitt von 4.9 ab, wie Daniela Maspoli, Ausbildungsverantwortliche des Schweizer Reise-Verband (SRV) gegenüber TRAVEL INSIDE bestätigt.

Das sind die Fakten und diese sind durchaus sehr erfreulich. Noch erfreulicher ist, zumindest für Dertour Suisse, das fünf der Absolvent*innen aus dem neu geformten Unternehmen (inkl. Hotelplan-Absolvent*innen) mit einer blanken 6.0 – Note, sozusagen ‘summa cum laude’, abschlossen. Da kann man nur gratulieren und den Hut ziehen. Dies sind die Top-Resultate:

  • Anina Gratwohl, Dertour Suisse / Hotelplan: Note: 6.0 (Punkte: 90)
  • Morris Matthews, Dertour Suisse / Private Safaris: Note: 6.0 (Punkte: 90)
  • Lavinia Doukas, Dertour Suisse / Kuoni Reisen: Note: 6.0 (Punkte: 86)
  • Célina Hallwyler, Dertour Suisse / Kuoni Reisen: Note: 6.0 (Punkte: 86)
  • Soraya Jimmy, Dertour Suisse / Hotelplan: Note: 6.0 (Punkte: 86)

15 Lernende haben zudem mit dem TOP-Resultat der Note 5.5 abgeschlossen, wie der SRV in einer Mitteilung bekannt gab.

Hatten die Dertour Suisse – Absolvent*innen einen Vorteil?

Diese SRV-Mitteilung sorgte für Aufsehen innerhalb der Reisebranche. TRAVEL INSIDE ‘hörte’, dass diese Top-Resultate innerhalb der Reisebranche Fragen aufwarfen, und ging diesen Fragen nach.

Fakt ist, dass Dertour Suisse, als grösstes Reiseunternehmen 50 Absolvent*innen an die betriebliche Prüfung schickte. Ergo haben ‘nur’ 10% mit dem Top-Resultat abgeschlossen.

Fakt ist aber auch, dass von den 18 Prüfungsexpert*innen elf von Dertour Suisse gestellt werden. Darunter bekannte Branchenpersönlichkeiten wie Claudio Nauli (Private Safaris), Oliver Howald (Kuoni) und Chef-Experte Evangelos Athanasiou (BTA First), um nur einige zu nennen.

Eine nicht genannt werden wollende Beteiligte meint auf Nachfrage von TRAVEL INSIDE dazu: «Eigentlich müssten die Dertour Experten bei den eigenen Lernenden keine Prüfung abnehmen, aber dies sei in der heutigen Branchen-Konstellation gar nicht mehr möglich.»

Weiter erklärt sie die Situation so: «Die Dertour Suisse Absolvent*innen hätten sicher einen ‘leichten’ Vorteil, weil die Experten ziemlich genau wissen was geprüft wird und was nicht. Es ist ziemlich komplex. Mitentscheidend sind auch die Lehrlings-Ausbildner in den Betrieben.»

Auch hier spiele die Zusammenarbeit Lehrling-Ausbildner – Prüfungsexperte bei Dertour Suisse sicher eine Rolle. Allerdings sicher ohne dass diese direkt eingreifen oder schummeln würden, so die Stimme aus der Branche.

Nun, das lässt doch aufhorchen!

Kursleitung relativiert

Zur fachlichen Unterstützung der praktischen Ausbildung in den Lehrbetrieben werden vom SRV überbetriebliche Kurse – verteilt über die gesamte Lehrzeit – angeboten. Der Besuch dieser Kurse ist für alle Lernenden obligatorisch.

Der überbetriebliche Kurs (üK) steht unter der Leitung der IST, wo sich konkret Claudia Elsener und Ramona Leutert (Studienkoordination üK Reisen Deutschschweiz im Jobsharing) sowie Stéphanie Chezeaux-Stucki (Studienkoordination üK Reisen Romandie) darum kümmern.

Zuerst halten sie fest, dass sämtliche Lernenden im Rahmen der üK, unabhängig von ihrem Lehrbetrieb, die gleiche Ausbildung erhalten. Die Kurse finden in gemischten Klassen statt, und alle Teilnehmenden arbeiten mit denselben Ausbildungsunterlagen und Lerninhalten.

Zudem bietet die IST zur Vorbereitung auf das Qualifikationsverfahren (QV) spezielle QV-Seminare an. Diese stehen allen Lernenden der Branche offen und werden unabhängig vom Lehrbetrieb genutzt.

Weiter entkräften sie den aufkommenden oder möglichen ‘Verdacht’: «Die Schlussfolgerung eines möglichen Vorteils für Lernende eines bestimmten Lehrbetriebs lässt sich aus den genannten Zahlen nicht ableiten, zumal nach dem Zusammenschluss von MTCH und Dertour rund 50 der insgesamt 80 Absolvierenden von Dertour Suisse stammten. Dertour Suisse gehört zu den grössten Ausbildungsbetrieben der Reisebranche und bildet seit Jahren wertvolle Fachkräfte für unsere Branche aus.»

Entsprechend sei das Unternehmen regelmässig mit einer vergleichsweise hohen Anzahl von Lernenden im Qualifikationsverfahren vertreten. Dass darunter auch mehrere sehr gute Abschlüsse erzielt würden, erscheine daher grundsätzlich nachvollziehbar und sei nicht auf einen Vorteil im Prüfungsverfahren zurückführbar.

Grössere Unternehmen haben einen Vorteil

Ein grosses Unternehmen wie Dertour Suisse hat, zu Gunsten der Lernenden, einen gewichtigen Vorteil. Branchen-Fachkräfte auszubilden ist ein nicht zu unterschätzender Aufwand und grosse Unternehmen können dank ihrer Ressourcen wie HR-Abteilung, eine Vielzahl von Fachkräften, die als Ausbildner tätig sein können, diesen Aufwand besser stemmen.

Solche Unternehmen organisieren für die Lernenden auch Seminare, Lager etc. um sie auf den Lehrabschluss vorzubereiten.

Das heisst nicht, dass kleinere Unternehmen ‘schlechter’ ausbilden, aber rein organisatorisch dürfte da für die Lernenden ein kleiner Nachteil sein.

Das meint TUI Suisse

Die Absolvent*innen von TUI Suisse schlossen mit einem Notenschnitt von 5.0 ab, bestätigt Sonja Ptassek, Corporate Communications TUI Suisse.

Auf die Frage weshalb TUI Suisse keine Expert*innen stellt, erklärt sie: «Das Thema einer Mitwirkung im Expertenwesen war bei uns bislang nicht spruchreif. Grundsätzlich erachten wir ein solches Engagement als wertvollen Beitrag zur Berufsbildung und stehen diesem offen gegenüber.»

Zu den kontroversen Diskussionen punkto des diesjährigen Abschlusses sagt TUI Suisse: «Wir gehen davon aus, dass für alle Lernenden die gleichen Vorgaben gelten und somit Chancengleichheit gewährleistet ist.»

Fazit: Ein gewisser Vorteil könnten die Dertour Suisse Absolvent*innen gehabt haben, alleine schon wegen der professionellen Ausbildungsinfrastruktur. Andererseits mussten die mit Top-Noten reüssierenden Absolvent*innen, von Dertour Suisse aber auch von anderen ausbildenden Unternehmen, ihre Prüfungen immer noch selbst ablegen.

Hans-Peter Brasser