Mayday-Sassine: «Wir sind noch nicht zufrieden»

Nathalie Sassine, Inhaberin und CEO von Travelboo und eine der Frauen der ersten Stunde der Aktion Mayday über Erreichtes und Forderungen der Basisbewegung, deren Rolle in der Verbandslandschaft und ihre Zukunft.
Nathalie Sassine ©zVg

Nathalie Sassine, im Mai ging die Aktion Mayday als Sprachrohr der Basis an die Öffentlichkeit. Anfänglich gab es jede Woche einen Branchencall, jetzt höchstens alle zwei Wochen und nicht mehr immer am gleichen Tag. Geht Mayday der Schnauf aus?

Nein überhaupt nicht. Wir haben noch eine lange Liste mit Themen und Personen. Im Gegenteil, wir hatten das Gefühl, der Wochenrhythmus sei zu viel. Beim Zeitpunkt müssen wir uns nach den Teilnehmern richten, die, wie die CEO der drei Grossen nächsten Mittwoch, nicht immer Zeit haben.

Wie viele Leute erreicht Mayday mit dem Branchencall?

Das Interesse ist gross. Live dabei sind immer etwa um 100 Leute. 200 bis 300 Leute schauen ihn sich später unserem Youtube-Kanal an. Der Call ist genau das, was die Branche immer gebraucht hat.

Mayday entstand, wie Ihr damals sagtet, weil sich Basis in den Reisebüros nicht verstanden und gehört fühlte. Ist das jetzt wirklich anders?

Einerseits ja, nämlich von uns. So sind die Feedbacks, die wir erhalten. Per Ausschlussverfahren kann man sagen, ja, sie fühlt sich jetzt besser gehört, weil sie sich vorher überhaupt nicht gehört fühlte. Das Problem bestand schon seit Jahren, dass sich viele Retailer im grossen Verband nicht vertreten fühlten und fanden, dieser sei vor allem für die Grossen da. Das ist nicht neu, und es stimmt faktisch auch nicht, aber so war und ist die Wahrnehmung. Die Kommunikation der Verbände war, ausser von TPA, sehr minim, was in einer Krise sehr schlecht ankommt.

Wer ist sind neben den Exponenten auf der Website die Unterstützer und Sympathisanten?

Vorwiegend Reisebüro-Inhaber und Selbständige.

Wie zufrieden ist Mayday mit dem, was für die Reisebranche politisch bisher erreicht wurde?

Noch nicht zufrieden genug. Wir haben noch lange nicht alles erreicht, was die Branche braucht. Zum Beispiel gilt der Erwerbsersatz noch nicht rückwirkend. Das ist für uns ganz klar das wichtigste. Viel Arbeit steht auch noch in Zusammenhang mit der Ausarbeitung der Härtefallregelung an, welche mit Bund und Kantonen erst ausgearbeitet werden müssen. Für uns liegt da der Fokus auf einer Hilfestellung für die Branche. Das grösste Problem aber ist die Zeit: Bis Ende Jahr wird es den einen oder anderen nicht mehr geben, wenn keine substanzielle finanzielle Unterstützung kommt.

Das Covid-19-Gesetz, das auch der Reisebranche hilft, ist durch. Was fehlt jetzt sonst noch konkret?

An zweiter Stelle steht die Frage, was mit den Covid-19-Krediten passiert. Wir brauchen ganz klar eine Lösung, mit der zumindest ein Teil in A-Fonds-Perdu-Hilfen an die Reisebranche umgewandelt wird. Das würde uns richtig helfen.

Wer soll davon profitieren können?

Uns leuchtet natürlich ein, dass wir da von gesunden Unternehmen reden. Es wird wohl so sein, dass Unternehmen, denen es vor Corona schon nicht gut ging, nicht gerettet werden. Auch in anderen Branchen. Das Problem wird sein, in Zahlen zu fassen, was ein gesundes Unternehmen ist. Die von André Lüthi genannte Zahl von 1 Prozent Nettorendite finde ich schwierig.

Warum?

Das mag funktionieren für ein ganz klassisches Reisebüro, das sein Lokal hat mit Möbeln und Katalogen. Jüngere Agenturen, die bspw. mehr online unterwegs sind, etwas moderner und innovativer, und das sind immer mehr auch kleine Reisebüros, investieren jedes Jahr in die Digitalisierung. Bei allen gilt aber auch, dass sich viele Inhaber  selber weniger Lohn zahlen, damit sie ihre Mitarbeiter besser bezahlen können, weil sie deren Know-how nicht verlieren wollen. Da ist es nicht fair, eine Mindestredite zu verlangen.

Wie soll man ein gesundes Unternehmen definieren, damit es nicht auf eine Strukturerhaltung herausläuft, die politisch keine Chance hat?

Das wurde im Covid-Gesetz definiert: 2015 bis 2019 muss das Unternehmen gewinnbringend gewesen sein. Es geht ohnehin nicht um Strukturerhaltung. Die Strukturbereinigung in unserer Branche hat längst stattgefunden.

Es gibt immer noch Reisebüros, die von der Hand in den Mund leben, keine Reserven haben und deren Inhaber unter selbstausbeuterischen Bedingungen arbeiten – das ist doch kein Geschäftsmodell?

Warum nicht? Jede:r Unternehmer:in beutet sich selber aus. Nicht immer finanziell, aber zumindest arbeitszeitmässig. Und ein junges Start-Up kann in zwei oder drei Jahren schlicht noch keine Reserven aufgebaut haben.

Werden Sie als Mayday diese Themen weiter in die Politik tragen?

Die Mühlen der Politik mahlen langsam, das wissen wir. Wir haben aber auch den Eindruck, dass viele Politikerinnen und Politiker immer noch nicht richtig verstanden haben, wie dramatisch die Situation der Reisebranche ist. Und auch nicht, wie die Zusammenhänge Inbound und Outgoing sind. Da müssen wir noch viel Erklärungsarbeit leisten, in Bundesbern, aber auch in den Kantonen, die bei den Hilfsmassnahmen immer stärker involviert werden.

Mit welchen Forderungen von Mayday ist noch zu rechnen?

Ich würde es nicht Forderung nennen, sondern eher Wunsch: Wir haben gesehen, dass die Verbandslandschaft in unserer Branche Mängel aufweist, das sollte man angehen. Die Verbandsstrukturen müssen sich modernisieren. Und das Lobbying in Bern besser werden.

Das ist sehr diplomatisch. Die drei Verbände SRV, STAR und TPA haben sich auf eine gemeinsame Task Force verständigt und treten nun gemeinsam auf. Reicht das nicht?

Das finden wir alle super. Und ich möchte sogar behaupten, dass Mayday ein bisschen zu dem Druck beigetragen hat, der dies möglich gemacht hat.

Hört die Task Force der Branchenverbände auf Mayday?

Innerhalb der Task Force sind die Meinungen unterschiedlich, wie man mit uns umgehen soll. Wir hatten Kontakt mit der Task Force und haben auch eine Zusammenarbeit  angeboten. Doch eine wirkliche Zusammenarbeit war nicht erwünscht. Die Task Force sieht sich nach eigener Darstellung für die Politik und das Lobbying zuständig. Tatsache ist aber, dass wir tagtäglich auf dem Bundesplatz stehen, als einzige. Koni Kölbl und Martin Reber reden seit Beginn der Session mit den Parlamentariern vor Ort. Und alle anderen haben ihnen bekannte Politiker kontaktiert, um unsere Situation zu schildern.

A propos Bundesplatz: Ist Mayday parat für eine Demonstration, wenn die Politik die Forderungen nicht erfüllt?

Wir hatten schon vor etwa zwei Monaten eine Umfrage gemacht, die Basis hat eher weniger Interesse an einer Demonstration. Ausserdem, ist es zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht das notwendige Instrument.

Der SRV ging am Anfang sehr schnell auf Distanz zu Mayday. Wie ist das Verhältnis heute?

Wir wurden vom SRV eigeladen und haben miteinander geredet.

Was heisst, Verbandsstrukturen modernisieren?

Die Verbände müssen ganz klar jünger, weiblicher und flexibler werden. Weiblicher darum, weil diese Branche aus 83 Prozent Frauen besteht. Darunter auch Inhaberinnen und Kader. Es ist nicht mehr so wie früher, als nur Männer entschieden. Aber wenn man die Vorstände anschaut, sieht es heute noch nicht so diversifizert aus wie es sollte. Sie sollten durchmischter sein, mit kleinen Unternhemern, mittleren Unternehmern, Digitalunternehmern.

Braucht es weiterhin drei Verbände?

Diese Frage muss sich die Branche stellen. Gerade Lobbying wäre mit einem Verband sicher einfacher. Politiker haben oft mit Erstaunen reagiert, dass eine relativ kleine Branche so viele Verbände hat. Aber wie auch Mattea Meyer von der SP zu uns sagte: ‚Das beste Lobbying ist das persönliche Lobbying.‘ Das haben wir mit der Aktion Mayday sicherlich vorangetrieben.

Wird Mayday solche Leute zum Beispiel für den SRV-Vorstand vorschlagen?

Laut Statuten kann der SRV-Vorstand elf Mitglieder haben, heute sind es neun. Insofern könnten wir der Generalversammlung im November zwei Neue zur Wahl vorschlagen. Woher die kommen, kann ich heute nicht sagen.

A propos weiblich: Am Anfang standen vier Frauen und ein Mann für Mayday – neben Ihnen Annette Kreczy, Natalie Dové und Birgit Sleegers und Roland Zeller. Heute sieht und hört man wenig von den Frauen, dafür umso mehr von Männern, die dazu gestossen sind. Übernehmen auch bei Mayday die viel zitierten alten weissen Männer und verdrängen die Frauen?

Nein, Genderfragen sind für uns kein Thema. Stimmt aber, am Anfang waren wir viel mehr Frauen. Das ist uns selber gar nicht aufgefallen. Und es ist auch keine Absicht, wenn jetzt auch mehr Männer auftreten. Wenn Koni Kölbl und Martin Reber auf dem Bundesplatz stehen und Interviews machen für Mayday, liegt das aber vor allem daran, dass sie in Bern und damit nah dran sind. Da können nicht ich aus Zürich oder Birgit Sleegers aus dem Glarnerland hinfahren. Das ist eine rein geografische Geschichte. Der nächste Call wird von Natalie und Annette geleitet, es ist also eine gute Aufgabenteilung da.

Und wie geht es weiter mit Mayday?

Ziel ist, dass es uns so bald wie möglich nicht mehr braucht. Aber so lange es diese Krise und so viele Baustellen gibt, wird es auch uns geben. Wir machen so lange weiter bis erreicht ist, was erreicht werden muss.

(Interview: Christian Maurer)