
Der ausgewiesene Schweizer Kreuzfahrtexperte Beat Eichenberger berichtet in dieser zweiteiligen Reportage exklusiv in TRAVEL INSIDE von seiner Seereise mit dem Grosssegler ‘Star Flyer’ in der Karibik.
Teil 1:
Es gibt Momente auf See, die sich jeder Dramaturgie entziehen. Nämlich dann, wenn der Anker gelichtet wird, die Segel zur Hymne «Conquest of Paradise» gehisst werden, das Schiff sich dem Wind hingibt, leicht kränkt und im leisen Rauschen der Wellen Fahrt in den Sonnenuntergang aufnimmt.
Es sind magische Bilder und besondere Erfahrungen, die ein Karibik-Törn unter Segeln mit der Star Flyer gewährt. Die Route «Treasure Islands» führt in sieben Tagen von St. Maarten nach den British Virgin Islands Jost van Dyke, Tortola, Norman Island und Virgin Gorda, bevor es über St. Barth und St. Kitts wieder zurück nach St. Maarten geht.
In Philippsburg, einem von grossen Kreuzfahrtschiffen geprägten Duty-Free-Ziel, geht es an Bord. Für die Star Flyer ist St. Maarten dank der Flüge aus Europa (Air France, KLM) und den USA, die tief über die Köpfe am berühmten Maho Beach hereindonnern, ein idealer Ausgangshafen.
Die Star Flyer ist der erste Viermaster der 1989 vom schwedischen Unternehmer Michael Krafft gegründeten Reederei Star Clippers. Sie setzte 1991 erstmals die Segel, ein Jahr später folgte die baugleiche Star Clipper und 2000 der Fünfmaster Royal Clipper – alles moderne, hochtechnische Nachbauten klassischer Clipper.
Die beiden Barkantinen Star Flyer und Star Clipper sind mit je 2298 BRZ vermessen, weisen eine Segelfläche von 3365 m2 auf und nehmen maximal 166 Gäste sowie 74 Crewmitglieder auf. «Rund 80% legen wir in der Regel unter Segeln zurück», sagt Kapitän Ante Basico, der jederzeit auf der Brücke besucht werden kann.
Idyllisches Bordleben unter Segeln

Erster Stopp vor Anguilla, einem flachen, nur rund 21 Seemeilen nördlich von St. Maarten gelegenen britischen Überseegebiet. Die Star Flyer ankert vor der unaufgeregten feindsandigen Road Bay, die Gäste werden an Land getendert und geniessen einen ersten karibischen Strandtag, bevor das Schiff von den Leeward-Inseln westwärts Richtung British Virgin Islands (BVI) segelt.
Obwohl stets sorgfältig renoviert, gingen die inzwischen 35 Jahre nicht gänzlich spurlos an der Star Flyer vorbei. Doch eine gewisse Patina passt hervorragend zum authentischen Schiffscharakter mit historischen Anleihen der Clipper-Hochblüte im 19. Jahrhundert.
Auf den offenen Teakdecks herrscht zwischen den mächtigen, bis 63 Meter hohen Masten ein scheinbares Gewirr von Rahen, Takelage, Tauwerk, Pollern und Gerätschaften. Dazwischen überall Liegen für die Gäste, zwei kleine Pools sorgen für Abkühlung.
Das Setzen der Segel mit elektrischen Winden, tatkräftig unterstützt durch die Matrosen, ist täglich ein erhabener Höhepunkt der Reise. Für Mutige ist es aber auch das gelegentliche (gesicherte) Erklettern eines Masten, andere lassen die Seele am Bug voraus hoch über dem Wasser im Klüvernetz baumeln.
Ebenfalls an frischer Luft, geschützt unter einem Segeldach, befindet sich auf dem Hauptdeck die Tropical Bar, zu jeder Zeit zentraler Treffpunkt. Die Barpreise sind sehr fair: Klassische Cocktails kosten sieben bis acht Euro, ein Flensburger-Bier vom Fass vier Euro, eine Cola oder ein Mineralwasser drei Euro.
Als Alternative bei rauem Wetter schliesst im Innern die hübsche Piano Bar & Lounge an, und höchst idyllisch gibt sich ebenfalls auf dem Hauptdeck die kleine, in dunklem Holz gehaltene Bibliothek mit Kamin und Plüschmöbel – ein ruhiger Rückzugsort, der längst vergangene Seefahrtzeiten aufleben lässt.
«Wet-landing» auf Jost van Dyke

Bevor die Star Flyer Jost Van Dyke erreicht, wartet Cruise-Direktor Peter Kissner wie jeden Vormittag an Deck mit maritimen Geschichten über die Segelfahrt oder Destinations-Einblicken auf – stets spannende, sachkundige und kurzweilige Ausführungen des erfahrenen und begeisterten Clipper-Insiders.
Kissner stammt aus Oberstdorf im Allgäu und ist schon seit 30 Jahren bei Star Clippers an Bord. «Ja, da hat man schon einiges erlebt und könnte Bücher schreiben», sagt Peter lachend. Indiskretionen lässt er sich aber nicht entlocken, unterstreicht dafür seine Bewunderung für Unternehmensgründer Krafft, der sich mit Star Clippers seinen Lebenstraum erfüllt hat.
Inzwischen liegt die Star Flyer vor der traumhaften White Bay von Jost van Dyke, Teil der Inselwelt der British Virgin Islands. Jost van Dyke geniesst mit verschwiegenen Ankerplätzen und herrlichen Stränden den Ruf als Barfuss-Paradies für Segler und Ruhesuchende.
Hier gibt es ein «wet-landing», denn die Tender entlassen die Star Flyer-Gäste in knöcheltiefes Wasser. Die Reederei nutzt am Strand Infrastrukturen mit Liegen, WC und Sonnendach, am Mittag wird ein feines Strand-Barbecue aufgetischt, und wie bei jedem Strandaufenthalt werden kostenlose Wasseraktivitäten angeboten.
Nach einer kurzen Traverse ankert die Star Flyer vor Soper’s Hole, einer grossen Marina am West End von Tortola und lebendiger karibischer Treffpunkt für Yachtcrews, Chartergäste und Inselreisende – heisst es. Denn ein heftiger tropischer Regenguss hielt fast alle Gäste von einem kurzen abendlichen Tenderbesuch ab.
Die Bordliebe geht durch den Magen

Gespräche und Gelächter schwirren jeweils unten auf dem Clipperdeck durch das stimmige, in Holz gefasste Restaurant mit seinen vielen Bullauge. Es herrscht freie Sitzwahl, nach und nach bilden sich sporadisch Grüppchen, die Gäste können jedoch während der Öffnungszeiten essen, wann sie wollen.
Hier gilt abends der einzige Dresscode an Bord: Lange Hosen für die Männer. Ansonsten ist legere Kleidung, auch Shorts und T-Shirt, durchaus in Ordnung und entspricht der lockeren, international-familiären Atmosphäre an Bord.
«Rund 40 Prozent der Star Clippers-Gäste sind in der Regel Amerikaner, 40 Prozent Europäer, insbesondere aus den deutschsprachigen Ländern», sagt Hotel Manager Alexander Kantner. Der gebürtige Wiener ist ein Hospitality-Profi mit beachtlicher Karriere sowohl an Land wie auf See.
Auf der Star Flyer steht er rund 60 Mitarbeitenden vor, welche den ganzen Hotel-Betrieb verantworten. Anlaufstelle für alle Fragen ist das Purser Office, nebenan verführen in einem kleinen, aber feinen Shop hübsche Accessoires und Erinnerungen im Clippers-Stil zum Kauf.
Im Restaurant lockt morgens und mittags ein verführerisches Buffet, am Abend wird A-la-Carte serviert. Die Menü-Auswahl ist vielseitig, recht gross und umfasst auch vegetarische Gerichte. Die internationale Küche, mit Köstlichkeiten aus aller Welt angereichert, darf gelobt werden.
Die Weinkarte überrascht und umfasst eine beachtliche Auswahl an französischen, italienischen und spanischen Crus, aber auch Weine aus Übersee. Die Preise sind sehr moderat: Gute Flaschen kosten zwischen 20 und 30 Euro, wer sich verwöhnen lassen will, wählt einen Château Lynch Bages 2012 für 200 Euro.
>> Lesen Sie HIER weiter: Teil 2 der Star Clippers Reportage in der Karibik.
(Beat Eichenberger)








