«Öffnet die Grenzen» – ein dringender Aufruf an die Regierungen in Asien

Laurent Kuenzle, CEO von Asian Trails, fordert konkrete Pläne zum Neustart des internationalen Tourismus auf Basis der WTTC-Empfehlungen.
Laurent Kuenzle, CEO Asian Trails Ltd. (zVg).

Im aktuellen, zweimonatlich in Englisch erscheinenden Newsletter «Trailblazer» an Freunde und Geschäftspartner, nimmt Laurent Kuenzle, CEO der asiatischen Destination Management Company (DMC) Asian Trails Ltd. mit Sitz in Bangkok und Präsenz in zehn Ländern, kein Blatt vor den Mund. Er spricht Klartext, was er von den immer noch geschlossenen Grenzen und deren Auswirkungen auf den Tourismus und die betroffenen Menschen hält. Und er zeigt auf, was er von den Regierungen erwartet und welche Massnahmen aus seiner Sicht jetzt angebracht wären.

TRAVEL INSIDE publiziert hier die im Newsletter veröffentlichte «My CEO Story» in einer deutschen Übersetzung.


Laurent Kuenzle:

«Ich hätte mir gewünscht, dass wir bis September 2020 einen Plan für Grenzöffnungen in Asien haben und uns voll auf die Ankunft von Touristen vorbereiten würden. Dies ist leider nicht der Fall. Die meisten Regierungen in Asien haben entweder überhaupt keine Pläne oder dann sind es Pläne zur Wiederbelebung des Tourismus, die entweder nicht funktionieren oder der Tourismusbranche und der Wirtschaft keinen grossen Nutzen bringen. Der Fokus liegt ausschliesslich auf dem Inlandtourismus, der China eine teilweise wirtschaftliche Erholung bringt, aber nur geringe Auswirkungen auf die Tourismusbranche oder die Wirtschaft in anderen asiatischen Ländern hat.

Anstatt die Türen für den Tourismus zu öffnen und zum Schutz Moskitonetze anzubringen, halten die asiatischen Regierungen die Türen geschlossen und blicken durch das Guckloch hinaus. Sie tun dies seit sechs Monaten mit schwerwiegenden Folgen für die Tourismusbranche und die lokale Wirtschaft. Unsere Branche steht in vielen Ländern kurz vor dem Zusammenbruch und Millionen von Arbeitslosen versuchen zu überleben. Je länger sich diese Situation hinzieht, desto dramatischer wird sie. Eine zumindest geringe Koordination unter den Ländern Asiens, wie die Wiedereröffnung von Grenzen aussehen und welche Massnahmen umgesetzt werden könnten, gibt es nicht. Es scheint, als würden die Minister auf abgelegenen Inselstaaten leben, ohne sich mit anderen auszutauschen, und manchmal frage ich mich, wie weit sie von der Realität entfernt sind.

Vor Kurzem bin ich in viele Regionen Thailands gereist, um aus erster Hand zu sehen, was im Land passiert, nicht nur an touristischen Hotspots, sondern auch in entlegeneren Regionen. Es ist kein schönes Bild. Mit Ausnahme von Orten, die mit dem Auto von Bangkok aus erreichbar sind, gleichen Tourismusgebiete Geisterstädten. Geschäfte sind nicht nur geschlossen, sondern teilweise völlig leer, da die Eigentümer für immer ausgezogen sind. Restaurants sind verschwunden und viele Hotels im Winterschlaf. Sehen einige der Minister dies oder fahren sie hinter geschlossenen Limousinenfenstern durch ihre Länder?

Die Regierungen sorgen und kümmern sich um ihre Bevölkerung, seit es vielen asiatischen Ländern sehr gut gelungen ist, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Für ihre entschlossenen Massnahmen und die Umsetzung der Eindämmungsstrategie verdienen sie Lob. Dies würde Asien eigentlich in die Pole Position bringen, wieder Touristen zu empfangen, da diese sich sicher und wohl fühlen würden. Aber möglicherweise steht die Politik den Regierungen im Weg. Die Tourismusministerien haben wenig zu sagen und die Wirtschaftsministerien wissen nicht, was zu tun ist.

Das führt dazu, dass unsere Länder von Ärzten der Gesundheitsministerien geführt werden. Sie haben die Bevölkerung zu sehr erschreckt und wissen nicht, wie sie mit der Tatsache umgehen sollen, dass es das Corona-Virus weiter geben wird und die Menschen lernen müssen, damit zu leben anstatt es um jeden Preis vermeiden zu wollen. Wir alle warten auf einen Impfstoff, aber die Umsetzung von Impfprogrammen für die Massen wird einige Zeit in Anspruch nehmen. So lange können wir mit Grenzöffnungen nicht warten, ansonsten der wirtschaftliche Schaden ein Ausmass annehmen wird, das sich keiner von uns vorstellen kann. Für zig Millionen Bewohner in Asien steht das Elend vor der Tür.

An dem Tag, an dem ich diese Gedanken und Überlegungen niederschrieb, veröffentlichte die ‚Bangkok Post‘ eine Statistik zu Selbstmorden in Thailand. Diese stiegen in den ersten sechs Monaten des Jahres um 22 Prozent auf 2551 Menschen, das sind rund 500 mehr als in den Vorjahren. Dies ist fast zehnmal mehr als die 58 Menschen, die in Thailand an Komplikationen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind. Und täglich sterben auf Thailands Strassen durchschnittlich 200 Menschen. Unser Chairman Luzi Matzig sagte zu Recht: Hören wir wegen den Verkehrsunfällen auf zu fahren?

Nach 101 Tagen ohne lokale Covid-19-Übertragung in Thailand trat letzte Woche erneut ein Fall auf. Die Medien und das Gesundheitsministerium wurden hysterisch. Aufgrund einer lokalen Übertragung haben sie sofort jede Diskussion über mögliche touristische Öffnungen unterbrochen. Das ‚Phuket-Modell‘ wurde sofort verzögert. Ich denke nicht, dass ein solches Modell grössere Auswirkungen auf die Wirtschaft haben würde und es wird bestimmt nicht die Tourismusbranche retten. Aber es wäre ein willkommener Schritt für Saisonrentner, in das Land zurückzukehren. Und es ist ein Modell, das von den Menschen auf Phuket akzeptiert würde, die verzweifelt auf Arbeit warten und hoffen. Viele Regierungen in Asien haben die gesamte Tourismusindustrie und -wirtschaft seit mehr als sechs Monaten lahmgelegt und treiben Millionen in die Armut. Aus übertriebener Angst? Asiatische Regierungen sollten nun reifer sein, nachdem sie aus den Erfahrungen der Vireneindämmung während der letzten Monate gelernt haben, und sich auf die Umsetzung von Strategien zum Virenmanagement konzentrieren.

Die WTTC (World Travel & Tourism Council) hat den Regierungen hervorragende Empfehlungen abgegeben, wie sie sich wieder für den Tourismus öffnen und welche Massnahmen sie zur Bewältigung der Situation ergreifen könnten. Ein gewisses Risiko bleibt, aber die wirtschaftlichen Vorteile für eine Bevölkerung, die dringend Arbeitsplätze benötigt, überwiegen dieses bei weitem. Der Tourismus leistet einen entscheidenden Beitrag zu allen Volkswirtschaften in Asien und ist kein ’nice to have‘-Ertrag so nebenbei.

Ich fordere die Regierungen dringend auf zu handeln, um bestehende Restriktionen zu überprüfen und sich auf die sichere Öffnung der Grenzen vorzubereiten, indem sie Risikomanagement-Strategien auf der Basis der WTTC-Empfehlungen umsetzen. Quarantäne-Restriktionen müssen abgeschafft werden. Wir benötigen Pläne mit Zeitfenstern, damit die Branche ihre Aktivitäten wieder aufnehmen kann. Wir brauchen keine absurden theoretischen Ideen zu Szenarien und Einschränkungen der Wiederöffnung von Grenzen. Kein normaler Tourist will zwei Wochen eingeschlossen in einem Quarantänezimmer verbringen. Kein Tourist wird Ferien in einem Ghetto verbringen wollen.

Angesichts der weltweiten Verunsicherung der Konsumenten aufgrund der politischen und medialen Dramatisierung und des Missmanagements vieler Regierungen auf der ganzen Welt bei der Eindämmung hätten viele asiatische Länder die einmalige Chance zu beweisen, dass sie nicht nur im Bereich der Eindämmung der Verbreitung des Virus erfolgreich sind, sondern auch in der Umsetzung von Risikomanagement-Strategien. Sie wären aufgrund der geringen Anzahl von Infektionen und Opfern in einer einzigartigen Position, wirtschaftlichen Nutzen und Covid-Management in Einklang zu bringen.» (TI)