
Pascal Wieser, Co-CEO der Stiftung Myclimate sagt, welchen Stellenwert Klimaschutz aktuell in der Tourismusbranche hat.
Er verrät, wie man Greenwashing erkennt und inwiefern sich Klimaschutz einfach in Buchungen und Portfolio einbinden lässt.
Pascal Wieser, wie prominent nehmen Sie das Thema Nachhaltigkeit im Tourismus wahr?
Mehrere bedeutende Anbieter haben inzwischen gute Lösungen entwickelt und investieren sichtbar und spürbar.
Bei den Kundinnen und Kunden ist das Bewusstsein ebenfalls vorhanden: Man weiss, dass Reisen insgesamt Auswirkungen auf das Klima hat. Die Herausforderung liegt aber weiterhin in der Umsetzung. Zwischen Wissen und Handeln auf der einen Seite und zum Beispiel einem konkreten Buchungsentscheid inklusive Emissionsausgleich klafft eine Lücke. Dieses Phänomen ist aus der Umweltpsychologie gut bekannt.
Deshalb gilt: Je positiver und einfacher Nachhaltigkeitsschritte angeboten werden, desto höher ist die Akzeptanz. Im Idealfall sind sie integrierter Bestandteil der Produktqualität. Anders gesagt: Nachhaltigkeit wird erwartet und geschätzt – entscheidet aber selten allein über den Kauf.
Wie gross ist der Anteil an Reisebüros und Tour Operators unter Ihrer Kundschaft?
Die Tourismusbranche gehört bei Myclimate seit Beginn zu den wichtigsten Partnern. Gerade Reisebüros waren unter den ersten Kunden. Ich habe das selbst erlebt: Vor rund 25 Jahren war ich mit Skytours – damals Reisebaumeister Gruppe, später Travelhouse – einer der ersten Partner von Myclimate. Damals war es Pionierarbeit – heute ist das Thema in der Reisebranche viel breiter abgestützt.
Unsere touristischen Partner decken ein breites Spektrum ab, von grossen Veranstaltern wie Dertour oder der Twerenbold Gruppe bis zu kleinen Reisebüros, inklusive spezialisierter Anbieter sowie Hotels und Seilbahnen. Die Tourismusbranche bleibt für uns zentral.
Welche Lösungen fragen Reisebüros und Tour Operators hauptsächlich nach?
Die Nachfrage hat sich klar weiterentwickelt. Früher standen vor allem die Einbindung von CO₂-Berechnungen und freiwillige Klimaschutzbeiträge im Buchungsprozess im Fokus. Heute – auch im Hinblick auf die rechtsverbindlichen Netto-Null-Ziele für 2050 – geht es zusätzlich um ganzheitliches CO₂-Management, Emissionsanalysen über die gesamte Wertschöpfungskette, konkrete Reduktionsstrategien sowie Reporting und die Vorbereitung auf regulatorische Anforderungen.
Wichtig bleibt die einfache Integration in den Verkauf. Ein gutes Tool bietet Umbrella, wo seit 2007 Klimaschutzbeiträge direkt im Buchungsprozess eingebunden werden können.
Ebenso zentral ist eine klare, faktenbasierte und transparente Kommunikation gegenüber den Kundinnen und Kunden. Für Unternehmen, die Klimaschutz fundiert angehen möchten, bietet sich insbesondere unsere Lösung Myclimate ‘Cause We Care’ an: Dabei teilen sich Kunde und Anbieter die Verantwortung, und Investitionen fliessen sowohl in eigene Reduktionen als auch in Klimaschutzprojekte – mit dem Ziel einer konkreten Wirkung.
Welche Lösungen werden bisher, obwohl klimatechnisch relevant, wenig oder gar nicht nachgefragt von der Reisebranche?
Es gibt drei Bereiche, die noch zu wenig genutzt werden: die ganzheitliche Betrachtung der Emissionen, konsequente Reduktionsstrategien sowie die feste Integration von Klimaschutzbeiträgen in den Reisepreis.
Gerade im Outgoing-Tourismus bleibt die Realität bestehen, dass Fernreisen beträchtliche Emissionen verursachen und kurzfristig keine vollständig klimafreundliche Lösung existiert. Umso wichtiger sind transparente Informationen zu Emissionen (was ab dem 1. Januar 2027 verpflichtend wird!), Kostenwahrheit sowie eine geteilte Verantwortung zwischen Anbieter und Kundschaft.
Entscheidend ist, dass Emissionen einen Preis haben und dass dieser in glaubwürdige, zertifizierte Projekte fliesst. Was vielen nicht bekannt ist: Myclimate betreibt heute ein sehr vielfältiges Portfolio an unterschiedlichen Klimaschutzprojekten in vielen Ländern – sowohl in der Schweiz, in Europa wie weiterhin im globalen Süden.
Rentiert sich Nachhaltigkeit im Reiseverkauf finanziell?
Unternehmen, die Klimaschutzbeiträge bereits fix im Reisepreis integrieren, bestätigen: Nachhaltigkeit ist selten der ausschlaggebende Kaufgrund, aber ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Viele Kunden erwarten entsprechende Angebote heute stillschweigend. Sie stärken Vertrauen und Glaubwürdigkeit sowie die Argumentation im Beratungsgespräch.
Entscheidend ist die Integration in den Buchungsprozess: Ein freiwilliges Opt-in führt zu geringer Nutzung, ein Opt-out zu deutlich höherer Beteiligung, während eine fixe Integration den grössten Effekt erzielt und zugleich am einfachsten ist. Für die Kunden quasi ‘peace of mind’.
Gut zu wissen: myclimate entschädigt die Verkaufsanstrengungen mittels Kostenbeteiligung (Kommission). Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass Klimaschutz kein Geschäftsmodell im klassischen Sinn sein sollte, sondern ein glaubwürdiges gemeinsames Engagement. Die Stiftung Myclimate misst ihren Erfolg ausschliesslich an der Wirkung, und diese geht bekanntlich weit über die reine Emissionsreduktion hinaus; zum Beispiel Beschäftigungseffekte in strukturarmen Regionen oder Steigerung der Biodiversität. Damit unterscheiden wir uns fundamental gegenüber anderen Anbietern.
Wo liegen die wirksamsten Hebel für nachhaltigen Tourismus in einer globalisierten Welt?
Die wirksamsten Hebel liegen insbesondere in der Produktgestaltung, beim Transport, in der Steuerung des Angebotsportfolios, in der eigenen Verantwortung der Unternehmen sowie im Verkauf und im Preismodell. Dazu gehören unter anderem längere Aufenthalte statt Kurztrips, die stärkere Integration der Bahn, die Priorisierung nachhaltiger Unterkünfte, die systematische Erfassung und Reduktion eigener Emissionen sowie die klare und einfache Kommunikation im Verkauf.
Auch Klimaschutzbeiträge sollten möglichst fix in den Preis integriert werden. Technologische Lösungen, etwa SAF im Flugbereich, werden zwar kommen, aber nicht kurzfristig in grossem Umfang und erfordern hohe Investitionen. Deshalb ist es entscheidend, bereits heute Emissionen zu vermeiden oder auszugleichen.
Wer ist in der Verantwortung?
Letztlich tragen alle die Verantwortung: Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ebenso wie die Reisenden selbst.
Die Option, über die Stiftung Myclimate Flugemissionen auszugleichen, kennt man. Welche weiteren einfachen Möglichkeiten gibt es für Reisende, ihren CO₂-Fussabdruck zu reduzieren?
Die wichtigsten Hebel sind einfach: weniger, dafür bewusstere Reisen, längere Aufenthalte statt vieler Kurztrips, wenn möglich Zug oder Bus statt Flug sowie die Wahl nachhaltiger Anbieter vor Ort.
Ebenso spielt regionale und saisonale Verpflegung eine Rolle. Zentral ist eine bewusste Planung der Reise – weg von der Frage nach dem billigsten Ziel hin zur Frage, welche Reise wirklich zu den eigenen Bedürfnissen passt. Oft gibt es Alternativen mit vergleichbarem oder sogar besserem Erlebnis und deutlich geringerem Fussabdruck.
Viele Destinationen und Hotels werben mit Nachhaltigkeitsbemühungen. Wie erkennt man den Unterschied zwischen seriösen, wirkungsvollen Massnahmen und Greenwashing?
Greenwashing war vor einigen Jahren ein grösseres Problem, wird heute jedoch rechtlich stärker geahndet. Ein einfacher Test hilft: Sind die Aussagen konkret und nachvollziehbar? Gibt es Zahlen und klare Methoden? Werden auch Grenzen offen kommuniziert? Und gibt es unabhängige Prüfungen oder Partner?
Wichtig ist dabei auch die Haltung: Nicht jede Massnahme muss perfekt sein, um einen positiven Beitrag zu leisten. Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen, statt aus Resignation nichts zu tun.
Wir motivieren und inspirieren lieber als Organisation unsere Mitarbeitenden, Kundinnen, Partner und Mitbewerber, ebenfalls aktiv zu werden – ohne den Anspruch, allein die Welt retten zu können.
Interview: Angelika Tanner








