
Selten hat ein Projekt zur Aufnahme einer neuen Langstreckenverbindung eine derart politische Dimension angenommen: Vor einem Jahr wandten sich Suissenégoce sowie die Genfer Handels-, Industrie- und Dienstleistungskammer (CCIG) und ihr dynamischer Direktor Vincent Subilia mit einem scharfen Schreiben an den Bundesrat.
Darin warfen sie Lufthansa vor, die eigenen Drehkreuze zu bevorzugen und damit die wirtschaftlichen Interessen des grossen Einzugsgebiets des Flughafens Genf zu beeinträchtigen.
Die wirtschaftliche Bedeutung Singapurs für die direkt betroffenen Branchen – Handel, Schifffahrt, Uhrenindustrie, Banken und weitere – steht ausser Frage. Ebenso wenig lässt sich ignorieren, dass Geschäftsreisende, aber auch Ferienreisende, den Komfort eines Nonstop-Flugs bevorzugen – insbesondere, wenn dieser von einer Airline angeboten wird, die zu den qualitativ besten der Welt zählt: Singapore Airlines.
Das Vorhaben, Langstreckenflüge zwischen Genf und Südostasien auszubauen, ist nicht neu, sondern kehrt regelmässig auf die Agenda zurück. Zwar verfügt Genf über zwei Verbindungen nach Peking und Shanghai, die von Air China (Star Alliance) beziehungsweise China Eastern (Skyteam) bedient werden.
Nach Südostasien gibt es jedoch keine Direktverbindung. Eine Ausnahme war lediglich der wenig überzeugende Versuch von Thai Airways im Jahr 2002: Die Airline bot damals drei wöchentliche Flüge ab Bangkok mit Zwischenstopp in Athen an.
Genf braucht keine weitere, bereits stark bediente ‘Autobahn’ nach Bangkok. Der Flughafen ist vielmehr daran interessiert, seine hochwertige Langstrecken-Konnektivität kontinuierlich auszubauen und damit einem tatsächlichen Bedarf zu entsprechen. Genau dies wäre bei Singapur der Fall.
Ivan Haralambof, der die Westschweizer Direktion von Swiss bereits 2012 verlassen hatte, betonte damals immer wieder, dass nur eine tägliche Verbindung nach Singapur den Golf-Airlines auf den Routen nach Südostasien und darüber hinaus direkt Konkurrenz machen könne. Das Netz von Singapore Airlines rund um ihr Drehkreuz Changi eröffnet tatsächlich grosse Entwicklungsmöglichkeiten – sowohl innerhalb Asiens als auch nach Australien, Neuseeland und in den Südpazifik.
Zudem würde die Verkehrsstruktur eines Nonstop-Flugs nach Singapur die Rentabilität einer solchen Verbindung unmittelbar sichern: hohe Erträge, ein nahezu perfektes Gleichgewicht zwischen Geschäfts- und Freizeitreisenden sowie gesicherte Frachtvolumen.
Dass die Lufthansa Group zeitweise ein Veto eingelegt haben könnte, ist nicht auszuschliessen. Strategisch verfolgt der Konzern eine Hub-Logik, in die Genf – anders als Zürich – nicht eingebunden ist.
Doch auch Lufthansa muss zur Kenntnis nehmen: Ein neuer Singapore-Airlines-Flug ab Genf würde die Flüge von Singapore Airlines und Swiss ab Zürich nicht kannibalisieren.
Im Gegenteil: Er würde der Star Alliance, die 2025 in Genf auf einen Marktanteil von 26,12% kam, ermöglichen, ihre Position zu stärken, den drei grossen Golf-Airlines auf den Routen nach Singapur und darüber hinaus direkt Konkurrenz zu machen sowie Verkehr zurückzugewinnen, der heute über verschiedene europäische Drehkreuze von Skyteam und Oneworld geführt wird.
Auch bei den Einnahmen, die ein neuer Nonstop-Flug generieren würde, braucht es keine grosse Analyse, um zu erkennen, dass Lufthansa Group und Swiss unmittelbar von dieser willkommenen Entwicklung profitieren würden. Die bestehende Joint-Venture-Partnerschaft mit Singapore Airlines würde operativ und finanziell weiter gestärkt.
Derzeit bleiben beide Seiten vage. Wiederholt wird lediglich darauf verwiesen, dass die betroffenen Airlines ihr Streckennetz laufend anhand der Nachfrage überprüfen.
Wie auch immer: Der Flughafen und die Wirtschaftskreise im Genfersee Gebiet müssen den Druck aufrechterhalten. Innerhalb eines Jahres sind ermutigende Signale erkennbar, auch wenn die geopolitische Lage die Eröffnung neuer Strecken nach Asien erschwert.
Das Dossier entwickelt sich jedenfalls in die richtige Richtung. Wird Singapore Airlines die Verbindung in naher Zukunft ankündigen – mit einem möglichen Start der Flüge im Jahr 2027?
Dominique Sudan








