SRV-Wittwer: «Seit 25 Jahren keine Erhöhung der Mitgliederbeiträge»

Der SRV-Präsident äussert sich im Vorfeld der GV auf den Excellence-Flussschiffen zu aktuellen Themen.
Martin Wittwer, SRV-Präsident. ©TRAVEL INSIDE

Thema Aus- und Weiterbildung: Wo sehen Sie die Branche Stand heute?

Beim Thema Nachwuchs stehen wir jedoch vor einer grossen Aufgabe. Es ist im Interesse des SRV, dass die Branche weiterhin Lernende ausbildet.

Wir haben derzeit im aktuellen Jahrgang rund 75 Lernende und über alle Lehrjahre hinweg insgesamt 230 Lernende. Die meisten werden von den grossen Generalisten ausgebildet, die eine wichtige Triebfeder für die Branche sind und das auch bleiben werden. Wir als Verband unterstützen die kantonalen Sektionen aktiv. Gleichzeitig braucht es aber auch ein klares Commitment der Reisebüros, um Ausbildungsplätze zu schaffen.

Wichtig ist zudem, dass wir neue Wege finden, um junge Menschen und ihre Eltern von einer Ausbildung im Tourismus zu überzeugen. Wir müssen sie für die Branche begeistern und ihnen die Perspektiven aufzeigen.

Die Rolle des Verbandes ist es, sowohl grosse als auch kleinere Betriebe bei der Ausbildung zu unterstützen und neue Modelle zu entwickeln. Wir dürfen uns dabei nicht nur auf die Lernenden konzentrieren, sondern auch auf Weiterzubildende und Quereinsteiger – wie ich selbst einer war.

Wir haben gute Erfahrungen mit dem Quereinsteigerkurs gemacht, den wir als Verband initiiert haben. Es braucht eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Academy mit relevanten Schulungsthemen. Ein grosser Teil der Teilnehmenden sind Quereinsteiger, aber auch erfahrene Reisebüromitarbeitende. Die Aus- und Weiterbildung bleibt eine der zentralen Aufgaben des Reiseverbandes.

Die ganze OTA-Industrie müsste doch aber eigentlich auch ein Interesse daran haben, zum Kooperieren – das sind ja auch alles Reisebranchenleute?

Ein sehr guter Input. Wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam Wege finden, wie wir die Ausbildung in der gesamten Tourismusindustrie weiterentwickeln können. Dabei sollten wir auch über den Tellerrand hinausschauen.

Sie haben einst gesagt, wir müssen einen Dachverband Reisebranche machen, mit einer Stimme. Wo stehen wir denn aktuell diesbezüglich?

Die ursprüngliche Hauptidee des Dachverbandes war, dass wir als Branche mit einer Stimme in Bern auftreten. Dies konnten wir bisher sicherstellen. Luc Vuilleumier ist bei uns in der Fachgruppe Politik, und ich treffe mich regelmässig mit ihm zum Austausch. Wir sind gegenseitig Passivmitglieder in den Verbänden. Eine Herausforderung besteht weiterhin darin, dass die aktiven Mitglieder des SRV eine Kundengeldabsicherung nachweisen müssen.

Was ist mit TPS?

Man muss generell unterscheiden: Wir als SRV sind ein Verband, der kein wirtschaftliches Interesse verfolgt, aber die Interessen der Branche vertritt. TPS ist kein Verband, sondern eine Einkaufsgenossenschaft mit zusätzlichen Dienstleistungen für die Mitglieder. Die Co-Präsidentin von TPS sowie weitere Vorstandsmitglieder sind auch bei uns im Vorstand und im SRV vertreten.

Aber TPS ist mächtig und hat auch eine grosse Stimme in der ganzen Industrie.

Das ist sehr gut. Auch Dertour ist ein grosses und einflussreiches Unternehmen und TPS wie Dertour sind beide im SRV-Vorstand vertreten. Aus Verbandssicht pflegen wir mit TPS eine sehr partnerschaftliche, gute und enge Zusammenarbeit.

Sie betonen immer wieder, dass der Kontakt zum Bern-Parlament wichtig ist für die Reiseindustrie. Gibt es da Projekte oder direkte Kontakte?

 Luc Vuilleumier ist, wie erwähnt, auch bei uns in der Fachgruppe Politik. Weitere Vorstandsmitglieder pflegen ebenfalls ein Netzwerk zur Politik. Im Dezember sind André Lüthi Leiter Ressort Politik und ich in Bern, um mit führenden Parlamentariern über wichtige Punkte zu sprechen, die uns alle betreffen,

Und was geht es dabei genau?

Ein grosses Thema, das uns heute besonders beschäftigt, sind die Pauschalreiserichtlinien. Die EU plant voraussichtlich am 11. November die Verabschiedung des neuen Gesetzesentwurfs. Wir wollen gemeinsam mit der Politik in Bern erörtern, welche Auswirkungen dies für die Schweiz hat und wie wir den Gesetzesprozess hierzulande sinnvoll adaptieren und gestalten können.

Auf der Agenda steht zudem das CO2-Gesetz. Offiziell ist das Thema noch nicht verschoben, doch als Verband können wir die geplante Umsetzung in dieser Form nicht befürworten. Nicht nur eine Verschiebung ist relevant, sondern auch die konkrete Umsetzung ist für uns nicht tragbar und ist ein absolutes No-Go. Hier besteht dringender Redebedarf.

Was geplant ist als Mehrwert für die SRV-Mitglieder? 

Das Wichtigste für einen Verband ist der Mehrwert für seine Mitglieder. Wir müssen in den Bereichen Ausbildung, Politik, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Kommunikation und Marktthemen echten Mehrwert schaffen. Andernfalls kann der Verband nicht überleben.

Das Motto der diesjährigen GV lautet ‘River of Change’. Das ist ein zentrales Thema, wenn wir auf dieser GV-Reise auf dem Rhein sind: Zu hören, welche Wünsche die Mitglieder haben, was sie sich unter diesem Mehrwert vorstellen – und wie wir das als Verband umsetzen können.

Wie sehen die Finanzen des SRV aus – angespannt?

Nein, die Finanzlage ist derzeit noch nicht angespannt. Ein Verband ist von den Mitgliedsbeiträgen abhängig, die wir in den letzten Jahren stabil halten konnten. Seit 25 Jahren gab es noch nie eine Erhöhung oder Anpassung der Mitgliederbeiträge an die Teuerung.

Für das nächste Jahr wird es jedoch aufgrund der Strukturveränderungen notwendig sein, diese Beiträge zu analysieren. Dabei kann beispielsweise hinterfragt werden, ob kleine und grosse Passivmitglieder den gleichen Betrag zahlen sollten. Auch über einen Teuerungsausgleich muss diskutiert werden.

Das heisst, es gibt an der nächsten GV eine Beitragserhöhung?

Wir werden uns rechtzeitig äussern, was für das nächste Geschäftsjahr 2026/27 geplant ist. Das Geschäftsjahr 2025/26 läuft ja bereits seit dem 1. November. Für mich ist jedoch klar, dass man das Thema jetzt aktiv anpacken muss.

In Deutschland ist TUI beim Deutschen Reiseverband ausgestiegen. Besteht diese Gefahr auch in der Schweiz?

In Deutschland ist TUI ausgestiegen, in Österreich sind sie weiterhin dabei. Für mich ist aktuell nicht zu erwarten, dass TUI auch in der Schweiz aussteigt. In Deutschland herrscht eine komplett andere politische Konstellation mit verschiedenen Verbänden, die miteinander konkurrieren. Dieses Thema haben wir in der Schweiz nicht, deshalb bin ich optimistisch.

Aber TUI kommt am Markt jetzt unter Druck, weil die zwei Mitbewerber jetzt praktisch eine Firma sind – die Macht Konzentration hat sich gegen TUI verschoben?

Vielleicht ist das auch eine Chance für TUI.

Interview: Christoph Fontanive, Angelo Heuberger