Am 2. Oktober jährt sich das Grounding der Swissair zum 25. Mal.
Aviatik Journalist Kurt Schaad hatte damals zu diesem Thema intensiv recherchiert. Sein Text wurde bislang nicht veröffentlicht.
Eine Kurzversion mit einer aktuellen Ergänzung lesen Sie hier.
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Als zwei Jets am 11. September 2009 in New York in die Twin Towers rasten, hätte das tatsächlich der letzte Rettungsanker für die SAir Group sein können, wenn die vielen einzelnen Akteure mit ihren Einzelinteressen zusammen, und nicht gegeneinander agiert hätten.
Am 2. Oktober jährt sich das Grounding der Swissair zum 25. Mal
Der 11. September machte zwar allen Beteiligten schlagartig klar, dass die Krise der Swissair nicht mehr zu verdrängen war. Das Krisenmanagement war aber alles andere als professionell, weil es unter den Playern keinen gemeinsamen Nenner gab.
Der CEO der Swissair, Mario Corti, hatte den Bundesrat über die Schieflage der Fluggesellschaft orientiert. In der Folge sollte Ulrich Bremi die Schweizer Wirtschaftsspitzen zu einer gemeinsamen Lösung zusammenführen.
An der ersten grossen Sitzung im Grand Hotel Dolder war die UBS mit ihrem Vize-Präsidenten Alberto Togni vertreten. Dieser las bald nach Sitzungseröffnung von einem Zettel, dass sich die UBS in keinster Weise an einem Finanzierungsplan beteiligen werde. Die Rettungsaktion war damit schon beendet, bevor sie überhaupt beginnen konnte.
Die ganze Zeit über hatte Mario Corti einen Berater, den er immer wieder kontaktierte, dessen Existenz er aber nie bekannt gab: Moritz Suter. In seiner Einsamkeit am Balsberg hatte er zwar richtig erkannt, dass Suter in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt wohl der beste Experte in Sachen Luftfahrt war, aber in seiner Naivität die klare Interessenlage von Suter nicht gesehen.
Die Verbitterung Cortis nach seinem Scheitern ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass er sich von Suter (wohl zu Recht) hintergangen fühlte.
Crossair aus der Swissair herauskaufen
Am Wochenende vor dem Grounding wurde, unter der Federführung des Juristen Peter Kurer, das sogenannte Term-Sheet durchgezogen, wonach UBS und CS die Crossair aus der Swissair für 250 Millionen Schweizer Franken herauskaufen.
Die Beteiligungsverhältnisse:
- UBS 51%
- CS 49%
Die Quittung für die Verfilzung der CS-Manager mit der Swissair im Machtbereich von Rainer E. Gut.
Dass es sich hier um eine Übernahme der SR durch die LX handelte, blieb nach aussen vorerst noch unklar.
Am Montag, 1. Oktober war abends eine Medienkonferenz angesagt. Vorher sollten noch alle strittigen Punkte gelöst werden. Vor allem war nicht klar, mit welchem Geld die Swissair weiterfliegen sollte.
Eigentlich stand für den Flugbetrieb kein Geld mehr zur Verfügung. Der Bundesrat hatte aber deutlich gemacht, dass ein Grounding nachdrücklich vermieden werden sollte. Das Geld hatten die Banken in der Hand – unter der Federführung der UBS. Diese wiederum wollte keine Einmischung des Bundes.
Dieser entscheidende Punkt wurde nicht geklärt, oder andersherum: für die UBS gehörte das Grounding sowieso zum Gesamtpaket, mit dem der Bund nichts zu tun haben durfte.
So war das Grounding geplant
Wie das Grounding tatsächlich geplant war, liest man in einem am Montag vorbereiteten Communiqué, das nicht veröffentlicht worden ist:
- Die Crossair plant, einzelne Teile – insgesamt zwei Drittel – des Flugbetriebs der Swissair zu übernehmen……Bis zur ordnungsgemässen Übernahme durch die Crossair entsteht bedauerlicherweise ein Unterbruch des Flugbetriebs der Swissair längstens bis zum Beginn des Winterflugplans am 28. Oktober 2001.
- Die Verkleinerung des Streckennetzes und der Flotte führt bei der Swissair zu einem Kapazitätsabbau, der zu einem Verlust von 2560 Arbeitsplätzen, davon 1750 in der Schweiz, führt. In allen anderen Firmen der Gruppe läuft der Betrieb normal weiter.
- Der Flugbetrieb der Swissair wird entsprechend am Mittwoch, 3. Oktober 2001, vorübergehend vollumfänglich eingestellt.
- Für die SAir Group, die SAir Lines und Flightlease wird bei den zuständigen Gerichtsstellen die provisorische Nachlassstundung beantragt.
Die Nachlassstundung wurde kommuniziert, das Grounding nicht. Marcel Ospel machte sich auf den Weg in die USA, in der Meinung, die Sache sei nun klar und gelaufen.
Aber dann war die Swissair schon am 2. Oktober gegroundet und damit lief die ganze Sache aus dem Ruder. An der Medienkonferenz vom 1. Oktober hatte niemand von ‘Grounding’ gesprochen.
Der Schock am 2. Oktober
Der Schock am 2. Oktober war entsprechend gross. Hätte bei einem angekündigten Grounding Politik und Wirtschaft auch mit Milliardenspritzen reagiert?
Marcel Ospel hat am 1. Oktober noch jede Unterstützung des Bundes abgelehnt. Die neuen Player, die aber jetzt die Bühne betraten und ein paar Milliarden locker machten, hatten einen dicken Strich durch die Rechnung Suter/Ospel gemacht. Die Machtverhältnisse hatten sich wieder geändert.
Die UBS hatte nicht geprüft, wie weit Mario Corti in der Lage sein würde, die Nachlassstundung professionell über die Bühne zu bringen. Nach deren Bekanntgabe war voraussehbar, dass sämtliche Leistungen gegenüber der Swissair nur noch mit Bargeld abgegolten werden können.
Ob an diesem 2. Oktober noch genügend Bargeld vorhanden gewesen wäre, ist nicht die zentrale Frage. In der Wahrnehmung von Mario Corti und seiner Crew war einfach nicht mehr genügend da. Der Hilferuf an die UBS wurde dort gar nicht gehört.
In Unkenntnis der Komplexität des Fluggeschäfts ging Vize Alberto Togni davon aus, dass der Flugbetrieb ja sowieso eingestellt würde, was soll man da jetzt noch Geld locker machen, das vielleicht sogar verloren gehen könnte. Und für den Juristen Kurer stand nur die korrekte Abwicklung der Verträge im Vordergrund.
Der ‚Kapitän’ befand sich in der Luft, auf dem Weg nach New York und wollte nicht gestört werden. Es war ja alles geregelt, der Bund solle sich draussen halten, weshalb denn auch Bundesrat Kaspar Villiger zurückrufen?
Dosé versucht Ospel zu erreichen – Suter stoppt ihn
Ospel telefonisch zu erreichen hatte auch André Dosé versucht, bis er von Moritz Suter, der nicht in Zürich anwesend war, einen Anruf erhielt, er solle das gefälligst bleiben lassen. Und wenn Suter sagt, er hätte mit dem Grounding der Swissair nichts zu tun, dann ist das insofern richtig, wenn man es auf das Grounding des 2. Oktobers bezieht.
So wurden unzählige Passagiere am Flughafen Kloten vom Grounding überrascht, live präsentiert von den Fernsehkameras. Überrascht wurde auch der Bundesrat, der auf die kollektive Wut des Schweizer Volkes über die Zerstörung eines Mythos zu reagieren hatte.
So wurde wenige Minuten vor Spielschluss die bis anhin führende UBS-Mannschaft durch ein Eigentor und einen Penalty doch noch aus dem Spiel geworfen. Der Platzhirsch Marcel Ospel musste dem Platzhirsch Rainer E. Gut (noch einmal) den Vortritt lassen.
Dieser auf Distanz geführte Machtkampf ist letztendlich die Grundlage für den Niedergang der Swissair, der vom Macht Gefüge um Rainer E. Gut zu verantworten ist. Ironischerweise war es letztendlich dieses Macht Gefüge, das die Swiss auferstehen liess und nicht dasjenige um Marcel Ospel. Sonst hätte die Nachfolgegesellschaft Crossair geheissen.
Was wäre passiert, wenn das Grounding kontrolliert am 3. Oktober stattgefunden hätte?
Die Crossair hätte die Swissair übernommen. Die 250 Millionen der Banken waren für die flugnahen Betriebe gedacht, damit die Crossair deren Leistungen weiterhin in Anspruch nehmen konnte.
Ein Ding der Unmöglichkeit
Ein Grounding am 3. Oktober und ein Überführen der Swissair in die Crossair am 28. Oktober, ist generell ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür reicht nicht einmal eine generalstabsmässige Vorbereitung, die sowieso nicht stattgefunden hat.
Hat denn Moritz Suter nicht gewusst, dass aufgelöste Partnerschaften, neue Verträge, fehlende Verkaufsorganisationen oder die Neuverhandlung von Verkehrsrechten nicht in einem Monat neu aufgegleist werden können.
Oder hat man sich bei Crossair tatsächlich selbst überschätzt? Bis jetzt hatte man immer Erfolg gehabt mit dem Motto «wir beugen nicht vor, sondern warten, bis das Problem da ist, und dann lösen wir es ganz flexibel.»
Letztendlich macht aber vor allem Sinn, dass die Crossair gerettet werden sollte – oder anders gesagt: die Crossair-Aktionäre fürchteten um ihr Vermögen. Mit einem geplanten Grounding am 3. Oktober wäre die Swissair für immer am Boden geblieben. Die Crossair hätte dann die Filetstücke problemlos übernehmen können. Wie weit diese Rechnung für die Crossair aufgegangen wäre, ist eine andere Frage.
Falsche Konzernstruktur und zu spät korrigierte Hunter Strategie
Die Swissair und das Macht Gefüge um Rainer E. Gut haben das unrühmliche Schauspiel letztendlich erst möglich gemacht. Mit einer falschen Konzernstruktur und der zu spät korrigierten Hunter Strategie.
Gescheitert sind Swissair und Crossair letztendlich am übersteigerten Geltungsdrang einzelner Protagonisten und der Unfähigkeit von Verwaltungsräten, Politik und Gesellschaft, diese typischen Verhaltensweisen in einer Macho-Industrie frühzeitig zu korrigieren.
Nachdem sich der Gefechtsnebel etwas verzogen hatte, wollte man nun doch eine Implosion der Schweizer Luftfahrt verhindern. Und es war wiederum Rainer E. Gut, der hinter den Kulissen die Fäden zog. Unter Zeitdruck musste eine Lösung gefunden werden, wurden Ideen für Lösungsansätze sichtbar. Und damit auch das Geld, das nun doch noch vorhanden war.
Für den Rettungsplan namens «Phoenix» nutzte man die rechtlich noch gesunde Crossair als Fundament für eine neue Airline. Bund und Kantone schossen zusammen mit den Grossbanken UBS, CS und der Privatwirtschaft über vier Milliarden Franken ein.
Mit 2,1 Milliarden Bundesgeldern wurde der Flugbetrieb der alten Swissair noch künstlich bis Ende März 2002 aufrechterhalten, um einen geordneten Übergang zu sichern.
Am 31. März 2002 hebt die Swiss ab
Im März 2002 stand der Name der neuen Gesellschaft fest: «Swiss International Airlines».
Am 31. März 2002 hob zum ersten Mal ein Flugzeug der «SWISS» ab. Am 13. Mai 2002 wurde die Crossair offiziell per Statutenänderung in Swiss International Airlines umbenannt.
Doch die junge Fluggesellschaft hatte grosse Startschwierigkeiten. Dreistellige Millionenverluste zogen harte Restrukturierungsmassnahmen nach sich. Die Suche nach Allianzen scheiterte. Immer noch prallten Swissair- und Crossair-Kultur aufeinander. Kampfeswille war schon vorhanden. Aber eben auch gegen- und nicht miteinander.
Der einstige Traum einer «Swissair Germany» beim Kauf der LTU 1999, verkehrte sich 2008 ins Gegenteil. Die Lufthansa kaufte die Swiss für insgesamt 340 Millionen Schweizer Franken. Noch heute trauert man dem Verkauf des einstigen Nationalheiligtums nach.
Es sei ein Schnäppchen für die Deutschen gewesen. Die Swiss hätte allein überleben können – alles müssige Gedanken. Ein funktionierendes, eingeschworenes Team, das schon bei der maroden Swissair mit ihren verkrusteten Strukturen und den verkorksten Denkweisen gefehlt hatte, war auch bei der Swiss nicht vorhanden. Der Weg in eine mehr oder weniger eigenständige Zukunft war verbaut. Ein Verkauf an die Lufthansa eine logische Folge.
Ironie der Geschichte
2008, sieben Jahre nach dem Grounding, wurde die UBS vom Bund mit einer Pflichtwandelanleihe von 6 Milliarden Franken vor dem Konkurs gerettet. Dazu übernahm die SNB über einen Stabilisierungsfonds problembehaftete Aktiven der UBS im Umfang von bis zu 60 Milliarden US-Dollar. Sowohl der Bund wie auch die SNB konnten ihre Nothilfepakete schlussendlich gewinnbringend veräussern.
Das war nur möglich, weil man sich in Bern schon zu einem relativ frühen Zeitpunkt mit einer mögliche Schieflage der UBS auseinandergesetzt und entsprechende Hilfsszenarien entwickelt hatte. Die verschiedenen Player zogen alle am gleichen Strick in die gleiche Richtung.
Zudem war die Rettungsaktion, ohne mediale Begleitung, unter grösster Verschwiegenheit vorbereitet worden.
2023 – 21 Jahre nach dem Grounding – erlebte die Credit Suisse ihr «Grounding». Die zweite Schweizer Grossbank wurde übernommen – von der UBS.
Die Rettung der CS war kein unternehmerisch-gesellschaftliches Glanzstück. Es gab keine genügend lange Vorlaufzeit, um vernünftige Szenarien mit gemeinsamen Nennern zu entwickeln.
Wie bei der Swissair war der Zeitdruck enorm und auch hier kämpften Alphatiere um ihren Machterhalt. Zu den Verlierern gehörte diesmal der Ehrenpräsident der Credit Suisse, Rainer E. Gut. Er behielt diese Funktion inne, bis er sie im Zuge der Notübernahme der CS durch die UBS abgeben musste.
Pragmatisch betrachtet: mit der Lufthansa ist die Swiss aus den Turbulenzen geflogen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil mit dem Grounding die Grundlage geschaffen wurde, «Übergepäck« loszuwerden. Ob dann aus der Swiss gelegentlich die Lufthansa Switzerland wird, bei der die Swissness unter die Räder kommt – das wäre dann ein neues Kapitel in einer unendlichen Geschichte.
Kurt Schaad








