Gastkommentar: «Die ‚Chronik von Alitalia‘ geht weiter»

Der TRAVEL INSIDE Kolumnist und Branchen-Insider Erich Witschi arbeitet für Globetrotter und betreut die Helpline.

Alitalia – The Saga, Season 21, Episode 1, ‘The Great Resurrection’. So oder ähnlich könnte der Titel einer Netflix-Serie über den italienischen Nationalcarrier lauten. Nachdem das Finale schon mindestens ein Dutzend Mal verkündet wurde, geht die ‚Chronik von Alitalia‘ weiter; zunächst unter dem Namen ITA ‘Born in 2021’.

Wie lange die Wiedergeburt Alitalias diesen Namen benutzen wird, bleibt offen. Das ITA-Management hat nämlich, in einer Art Nacht und Nebel Aktion, sobald die Maschine des allerletzten (offiziellen) Alitalia Flugs in Rom die Triebwerke abgestellt hatte, den Titel ‘Alitalia’ für 90 Millionen Euro gekauft. Dafür könnte es zwei Gründe geben: Man möchte den Namen ITA, sobald sich die Wogen geglättet haben, auf Alitalia ändern, oder man will vermeiden das ein Mitbewerber den Namen dazu verwendet ein Konkurrenzprodukt unter dem Namen Alitalia zu gründen.

Der Zeitpunkt wurde jedenfalls geschickt gewählt. Alitalia war nach der Landung des letzten Fluges offiziell bankrott und ITA wollte es auf jeden Fall vermeiden deren Schuldenberg zu übernehmen. Nach der Bekanntgabe des Groundings von Alitalia waren in vielen Zeitungen und deren Kommentarspalten viel Spott, Häme und Schadenfreude zu vernehmen. Einerseits ist dies sicher, nach den Dramen der letzten 20 Jahre, zu verstehen. Andererseits finde ich es sehr respektlos gegenüber den Tausenden von Mitarbeiter*innen, die sich trotz jahrelanger Unsicherheit, Lohnausfällen und -reduktionen immer noch für ‘ihre’ Airline eingesetzt haben und ihrer Arbeit nachgegangen sind!

Alitalia war immerhin ein sogenannter ‘Legacy-Carrier’; eine Traditionsairline mit einer sehr turbulenten Geschichte. Gegründet nach dem zweiten Weltkrieg mit Hilfe der italienischen Regierung und britischen Besatzungsmacht, hob die neue Airline am 16. September 1946 zum ersten Mal unter dem Namen Alitalia (Aerolinee Italiane Internazionali) zum Flug Torino – Roma – Catania ab, und am 6. Juli 1947 erfolgte der erste internationale Flug ab Roma nach Oslo. Am 26. Mai 1948 startete der erste Transatlantikflug ab Milano nach Dakar, Natal, Rio de Janeiro, Sao Paulo mit Enddestination Buenos Aires.

Ebenfalls kurz nach dem Krieg wurde mit Hilfe von TWA und privaten Investoren eine zweite Airline gegründet, die hauptsächlich für Inlandflüge eingesetzt wurde – die LAI (Linee Aeree Italiani). Ende der 1950er Jahre fusionierten die beiden Airlines und operierten fortan unter dem Namen Alitalia. So begann die Geschichte der Nationalen Fluggesellschaft Italiens. Mit dem Jet-Zeitalter Anfang der 1960er Jahre begann der Höhenflug von Alitalia. Sie trug die Tricolore in die ganze Welt und wuchs auch in den 1970er Jahren immer weiter.

Mit der Boeing 747 und der DC-10 sanken zusehends die Preise, was Millionen von Touristen nach Bella Italia lockte – der Tourismus boomte und auch der ethnische Verkehr war nicht mehr zu bremsen. Kaum ein Flug ohne Mobster aus New Jersey, Nonna aus Napoli, Monsigniore aus Roma oder Modezar aus Milano. Alle liebten ihre Alitalia, wo bereits beim Einsteigen Italianità versprüht wurde. Der Flug New York – Rom war eine Zeitlang als Mafia Express oder Pizza Express bekannt.

Ende der 1980er machten sich dann die ersten Probleme bemerkbar und ab Anfang der 1990er schrieb Alitalia enorme Verluste. Die Hauptgründe für den Sturzflug der AZ (ausgerechnet in einer Zeit der Hochkonjunktur) waren Missmanagement, staatliche Einmischung, in- und ausländische Konkurrenz (u.a. Low-Cost Carrier) und die Verhinderungspolitik der allmächtigen Gewerkschaften. Das alles führte schlussendlich zu einem aufgeblähten Verwaltungsapparat, ineffizienten Unternehmensstrukturen, irrationalen Entscheidungen und geringer Produktivität.

Ab 2001 verschlimmerten 9/11 und steigende Ölpreise die Situation. Es folgten unzählige Rettungsversuche durch Allianzen (SkyTeam), Wechsel des Hubs von Rom nach Mailand und wieder zurück, private Investoren, staatliche Investitionen und Kredite, Airline Beteiligungen (KL/AF, Etihad), Kapitalerhöhungen, Reduzierung der Belegschaft, Neustart (Reboot 2008), Insolvenzanträge und so weiter. Jahrelang konnte das Ende immer wieder abwendet werden.

Gleichzeitig litt der Ruf der Airline im In- und Ausland; durch Flug-Annullationen, Verspätungen, demotivierte Crews und Streiks schwand das Vertrauen. Auch die letzten potentiellen Investoren wie Poste Italiane, Ferrovie dello Stato, Delta Air Lines oder gar Lufthansa warfen das Handtuch. Die Corona-Krise führte dann zum endgültigen Ende des Italienischen Nationalcarriers (zumindest vorläufig). Seit 15. Oktober 2021 hat nun die Neugründung ITA (Italia Transporto Aereo) offiziell als Nachfolgerin der Alitalia – mit einem Teil deren Flotte und Belegschaft – den Flugbetrieb aufgenommen.

ITA ist derzeit noch ein undurchsichtiges Gebilde. Es gibt wenig zuverlässige Infos über die Investoren und die konkreten Pläne des Newcomers. Aber eines ist sicher: ITA ist nur überlebensfähig, wenn es ihr gelingt, sich so bald wie möglich als Fullservice-Carrier zu etablieren und deutlich von der Konkurrenz abzuheben. Und zwar mit einem authentisch italienischen Produkt, von Uniformen, über Catering, Marketing und Branding – das ist bis jetzt übrigens nicht gelungen – bis hin zur Kabinenatmosphäre und Bemalung der Flugzeuge. Ansonsten wird es nur ein Produkt von vielen sein, die momentan auf dem Stiefel erhältlich sind.

Ob die Finanzen für diesen Wandel genügen, ist zurzeit nicht abzuschätzen. Viel Zeit hat ITA nicht. Wenn sie nicht spätesten nächsten Sommer profitabel unterwegs sind, wird ITA kaum überlebensfähig sein. Hoffen wir, dass sie es schaffen.

(Erich Witschi)