Railtour-Schindler: Kein Chaos bei Bahnreisen zu erwarten

Im Interview mit TRAVEL INSIDE berichtet Railtour-Geschäftsführer Werner Schindler von der aktuellen Lage auf den Schienen.
Werner Schindler, Railtour ©TRAVEL INSIDE

Lange Wartezeiten an Flughäfen und teure Spritpreise: viele Reisende schwenken aktuell vermehrt auf die Bahn als Verkehrsmittel um. Davon profitiert auch die Railtour Suisse SA.

Railtour und Frantour gehören seit 2010 zusammen; seit 2000 ist Werner Schindler Geschäftsführer.

Im Interview mit TRAVEL INSIDE spricht er über die Highlights der letzten 22 Jahre und wirft einige Ausblicke in die Zukunft. Zudem kommentiert er aktuelle Projekte der SBB und inwieweit Corona bei den Buchungen noch eine Rolle spielt.


Werner Schindler, Sie sind seit 2000 Geschäftsführer der Railtour Suisse. Welches sind Ihre drei Highlights unter den erreichten Meilensteinen der vergangen 22 Jahre?
Das ist wahrlich eine sehr lange Zeit und für einen grossen Teil der Leserschaft sind einige der damaligen Highlights heute Selbstverständlichkeiten:

  • Dass Deutschlands Küsten, Inseln, Seenplatten, etc. heute auch für Schweizer*innen wichtige Feriendestination sind, hat seinen Ursprung in einem breit angelegten Projekt, das 2001 von DB, SBB, DZT, Railtour und vielen lokalen Partnern gestartet wurde.
  • Frantour und Railtour waren einst Konkurrenten, heute sind sie Teile desselben Unternehmens.
  • Mit dem ‘Railhub’ als Teil des Dynamic Travelshops wurde es möglich, im internationalen Bahnverkehr alle Tarife online zu buchen, also nebst RIT auch alle länderspezifischen Spar- und Flexpreise.

Welches sind weitere Ziele bis 2025, insbesondere für die schweizweit 1500 Reisebüros?
Es wird unsere vornehmste Aufgabe bleiben, für die Reisebüros sowohl die Standardreisen als auch immer wieder neue Reiseideen attraktiv anzubieten und einfach buchbar zu machen. Aus diesem Kernziel heraus ergeben sich – gepaart mit der technologischen Entwicklung und den sich stetig verändernden Kundenbedürfnisse – unsere Jahresziele. Und selbstredend bleiben wir der Spezialist für Bahnreisen in Europa und generell Reisen in der Nähe.

Was wünschen Sie sich hierzu an Unterstützung von Ihren Partnern? 
Wir werden sehr gut unterstützt von unseren Bahnpartnern im In- und Ausland und sind auch sehr gut eingebettet in das Spezialistenteam von DER Touristik Suisse. Neue Unterstützungswünsche können wir überall jederzeit einfliessen lassen. Selbstverständlich können nicht alle sofort erfüllt werden. Aber unsere Eingaben werden immer sehr ernst genommen und sehr oft auch umgesetzt.

Die SBB arbeitet zurzeit an einigen grundlegenden Projekten, wie dem Optimieren des internationalen Ticketings, ein neues Reservationssystem und dem Ausbau des Angebots im In- sowie im Ausland. Wie bewerten Sie diese Anstrengungen?
Dies ist auf jeden Fall eine wichtige Arbeit für die schweizerische Bevölkerung, da die Buchungsmöglichkeiten im Internationalen Personenverkehr bei SBB seit einiger Zeit nicht mehr ganz zeitgemäss sind. Zum Glück für die Reisebüros gibt es den Dynamic Travelshop von Railtour: Hier sind die europäischen Bahnen bereits seit längerer Zeit alle live angebunden konnte und deshalb kann man da schon lange alle internationalen Tarife buchen.

Wie zufrieden sind Sie mit dieser Bahnumgebung, die 2019 integriert worden ist? Sehen Sie durch diese einen Vorsprung gegenüber der SBB?
Zurzeit ist es tatsächlich so, dass via Dynamic Travelshop internationale Bahnbuchungen online getätigt werden können, die bei SBB nur am Bahnschalter erhältlich sind.

2024 will die SBB gemeinsam mit der ÖBB neue Nachtzüge lancieren, davor sind weitere Nachtzug-Verbindungen geplant. Wie ist aktuell die Nachfrage bei Railtour nach Nachtzügen?
Nachtzüge sind ein sehr grosses Bedürfnis unserer Kundschaft – und dafür gibt es gute Gründe: Nachhaltig Anreisen, eine Hotelnacht sparen und statt einen «Menschentransport» absolvieren, kann man eine Reise als vielfältiges Erlebnis geniessen. Am stärksten nachgefragt sind zurzeit die Verbindungen nach Amsterdam und Hamburg.

Inwiefern hat die aktuelle Flughafen-Situation damit zu tun und inwieweit das gesteigerte Bewusstsein für nachhaltiges Reisen zum Klimaschutz?
Die Nachtzüge waren auch schon letztes Jahr ein grosser Renner und dieser Erfolg hat deshalb nichts zu tun mit der aktuellen Situation an einigen Flughäfen. Aber das gesteigerte Bewusstsein für nachhaltiges Reisen ist bestimmt ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Nachtzüge.

Ist bei Bahnreisen ein ähnliches Chaos zu erwarten wie aktuell bei Flugreisen?
Nein, ganz sicher nicht. Bekanntlich kann man auch die internationalen Züge ohne Check-In und ohne Sicherheitskontrollen betreten. Zudem sind die grossen europäischen Bahnen staatlich dominierte Unternehmungen und waren deshalb im Gegensatz zu den privaten Airlines während Corona nicht zu gleich grossen Personalmassnahmen gezwungen.

Inwieweit spielt die Corona-Pandemie bei den Buchungen noch eine Rolle?
Städtereisen werden immer noch sehr kurzfristig gebucht. Buchungen für Dezember, die normalerweise im Sommer bereits reichlich eingehen, erwarten wir erst ab September. Die Kundschaft will zuerst wissen, ob die Weihnachtsmärkte wirklich stattfinden oder wieder durch irgendwelche Mutanten verunmöglicht werden.

Welche Bahnreisen laufen bei Ihnen derzeit besonders gut?
Sehr gefragt sind zurzeit Paris, Venedig und viele kleinere Destinationen wie Bologna, Lyon, Freiburg, etc.; und natürlich wollen viele Reisegäste auch Erlebnis- und Luxuszüge geniessen, sei es weltweit, sei es in Europa, sei es in der Schweiz.

Wie ist der Anteil 1. Klasse / 2. Klasse bei Ihrer Kundschaft?
Der Erstklassanteil ist seit Jahren relativ stabil bei etwa einem Drittel der Reisen. Wir konstatieren aber in den letzten Monaten einen klaren Anstieg der 1.Klasse-Buchungen – man gönnt sich wieder etwas!

Wollen Sie ihr Angebot in der nächsten Zeit auch ausweiten? Wenn ja: in welchen Segmenten?
Unsere Angebotserweiterungen in der nächsten Zeit werden sich mit Sicherheit im Bahnbereich bewegen – und zwar in allen Bereichen, von internationalen Hochgeschwindigkeitszügen über Bergbahnen bis hin zu Luxuszügen. Durch das zunehmende Klima-Bewusstsein in der reisenden Bevölkerung wird die Bahn zunehmend interessant werden. Und das wird eben über die bisherigen Standardrouten Schweiz-Paris, Schweiz-München, etc. hinausreichen. Und da mit der Bahn auch kleinere Destinationen erreicht werden können, wird auch das Thema «Weg vom Overtourismus» auf unser künftiges Angebot einen starken Einfluss ausüben.

Welche Nachhaltigkeits-Projekte laufen aktuell von Railtour mit der DER Touristik Suisse und vielleicht anderen Partnern?
Die Reisen von Railtour Suisse hatten schon immer einen hohen Nachhaltigkeitsfaktor – unsere Kundschaft reist grossteils mit der Bahn in Destinationen, deren Infrastruktur nicht des Tourismus wegen gebaut und unterhalten wird, sondern der Einwohner*innen wegen. Zudem sind unsere Kunden fast zu hundert Prozent in Europa unterwegs und Europa hat bei vielen UNO-Nachhaltigkeitszielen oft Vorsprünge gegenüber anderen Kontinenten. Dazu produzieren wir auch spezielle Angebote unter dem Titel «Nachhaltige Reisen», bei denen nebst der nachhaltigen Bahnanreise und einem zertifizierten Hotel auch nachhaltige Erlebnissen inkludiert sind.

Welche zusätzlichen Dienstleistungen und Informationen wünschen Sie sich von den Bahnen, damit die Kunden im Reisebüro noch effizienter bedient und beraten werden können?
Das Reisebüro kann mit unserem Dynamic Travelshop schon heute die Bahnreisen in europäische Destinationen sehr effizient abwickeln. Luft nach oben besteht bei den Bahnen vorallem im Umgang mit dem Gruppengeschäft – dieses ist im internationalen Personenverkehr noch sehr kompliziert und nicht «userfriendly». Aber zum Glück für die Reisebüros gibt es dafür noch Railtour-Frantour und andere Veranstalter, die diese Arbeit im Rahmen von Pauschalreisen für Gruppen erledigen können.

Interview: Luisa Schmidt