«Trotz wachsendem Tourismus haben wir unsere Tradition und Kultur bewahrt»

Dorji Dhradhul, Tourismusdirektor von Bhutan, über Zukunftspläne, Philosophie, Nachhaltigkeit und die Auswirkungen des Tourismus im Himalaya-Staat.
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Herr Dhradhul, Bhutan verfolgt die Strategie «High value, low impact» bzw. früher «High value, low volume». Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung diesbezüglich?
Wir möchten uns auch in Zukunft auf High-End-Reisende fokussieren und sind heute überzeugter denn je, diesen Weg weiterzuführen. Eine Kundensegmentierung haben wir bis heute aber nicht vorgenommen, unsere Einreisebestimmungen und unsere Tourismuspolitik regulieren automatisch das Touristenaufkommen. Es ist aber durchaus möglich, dass wir in Zukunft ein gezielteres Marketing durchführen. Wir möchten aber niemanden ausschliessen. Jedermann, egal welcher Nationalität und Herkunft, ist bei uns willkommen. Der Schwerpunkt liegt auf High-End, da wir schlicht die Kapazitäten nicht haben, um viel mehr Touristen ins Land zu lassen. Deshalb liegt unser Fokus ganz klar auf der Ertragskomponente, die «tieferen» Besucherzahlen werden dadurch kompensiert.

Letztes Jahr haben über 270 000 Personen Bhutan besucht. Wie viele Besucher verträgt das Land noch?
Mit der Infrastruktur, die wir haben, kann das Land aktuell bis 300 000 Leute pro Jahr aufnehmen. Das Wachstum von 2017 auf 2018 betrug insgesamt 7,6 %. Aus der Schweiz kamen zwischen 1000 und 2000 Leute. Die Besucherzahlen steigen langsam an. Das Limit wäre 400 000 Touristen. Doch für eine solche Menge an Besuchern muss die Infrastruktur noch ausgebaut werden. So viele Leute könnten wir aktuell gar nicht beherbergen. Doch wie gesagt, unser Fokus liegt auf Qualität, nicht auf Quantität.

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Wie sieht es mit Individualtourismus aus?
Reisen nach Bhutan können nur durch einen Tour Operator unternommen werden. Einzelreisende oder Gruppen müssen ihre Reise über diese buchen. Reisende erhalten auf Wunsch ein Auto mit einem Fahrer und Reiseführer, der sie begleitet. Individualreisen sind daher nicht möglich. Wir arbeiten aber gerade an separaten Regelungen für Velo- und Autotouristen. Möchte jemand mit dem eigenen Auto anreisen oder ein Auto in Bhutan mieten, könnte dies in Zukunft möglich sein. Jedoch wird weiterhin ein Reiseführer die Touristen während ihrer Reise begleiten.

Die Tagesgebühr pro Person ist bereits relativ hoch. Wie werden sich die Preise in Zukunft entwickeln?
Aktuell zahlen Touristen in der Hauptsaison eine Tagesgebühr von USD 250 und in den Nebensaisons USD 200. Dies deckt unter anderem die Unterkunft, einen Guide sowie den Transport ab. Von diesem Betrag gehen USD 65, die sogenannte «Sustainable Development Fee» (SDF), an die Regierung für die Entwicklung des Landes. Die Gebühren sind schon seit zehn Jahren dieselben. Diese werden wir möglicherweise erhöhen müssen. Das ist aber noch keine offizielle Entscheidung, sondern meine Prognose, da auch andere Preise ansteigen.

Wieso sollten Schweizer Tour Operatoren Reisen nach Bhutan promoten?
Jeder Tourist, der nach Bhutan kommt, hilft mit, unsere Vision von einem nachhaltigen Planeten und einer glücklicheren Welt zu verwirklichen. Touristen sind nicht nur zum Spass in Bhutan, sondern tragen direkt oder indirekt dazu bei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Unsere Strategie und Philosophie beruhen auf dem Bruttonationalglück (engl. Gross National Happiness). Wir nehmen das sehr ernst. Dafür haben wir eine eigene Kommission, die ähnlich wie ein Planungsministerium in anderen Ländern funktioniert und für die Strategie zuständig ist.

Schweizer verbringen mit elf Nächten im Durchschnitt am meisten Zeit in Bhutan. Wie erklären Sie sich das?
Viele Schweizer verbringen ihre Ferien in der Region Bumthang, die der Schweiz von der Landschaft her sehr ähnlich ist. Da die Region im Inneren im Norden des Landes liegt, muss man ein bis zwei Tage für die Anreise rechnen. Das verlängert den Aufenthalt natürlich.

Wie wichtig ist der Tourismus für Bhutan?
Der Tourismus ist sehr wichtig für unser Land. Aktuell ist er die Nummer zwei nach der Wasserkraft. Der Tourismus wird diese aber überholen. Zudem ist der Tourismussektor der zweitgrösste Arbeitgeber nach dem öffentlichen Dienst. 27 000 Personen sind im Tourismus beschäftigt, während 30 000 Personen im Regierungswesen arbeiten. 20 bis 30 % aller Beschäftigten sind dem Tourismus zuzuordnen.

Wer investiert ins Land, woher kommt das Geld für die Entwicklung und den Aufbau?
Der Grossteil der Investitionen stammt aus dem eigenen Land. Doch in letzter Zeit sind es immer öfters ausländische Direktinvestitionen, vor allem im Hotelsektor. Grosse Hotelmarken im Luxusbereich wie etwa Le Méridien, Taj und Six Senses sind bereits in Bhutan vertreten.

Was für einen Einfluss hat der Tourismus auf die Bevölkerung, das Land und die Kultur?
Bis jetzt haben wir es geschafft, unsere Tradition und Kultur zu bewahren. Das ist eine unserer Stärken, unser «unique selling point». Wir tragen im Land immer noch unsere Nationaltrachten, und das bereits schon seit mehr als 300 Jahren. Der Tourismus hat das nicht zerstört. Gewisse Einflüsse sind zwar sichtbar, doch wir versuchen, das zu vermeiden.

Marijana Zeko

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