
Was im Gespräch mit Cruise-Anbietern oft angedeutet wird, bestätigen die neusten Marktzahlen 2025 der CLIA (Cruise Lines International Association, vertritt rund 90% der weltweiten Kreuzfahrt-Kapazitäten): Die Nachfrage dümpelt im Markt Schweiz weiterhin und ging 2025 im Vergleich zum Vorjahr gar um 4,2% auf 106’200 Pax zurück.
Damit liegt die Schweiz als einer der wenigen Märkte nach wie vor deutlich unter ihrem Vor-Corona-Niveau von 2019, das von der CLIA mit 140’000 Pax beziffert wird. Nach dem Pandemie-Einbruch erholte sich der Markt Schweiz 2023 vorerst auf 101’400 Pax (+45,7%) und 2024 auf 110’800 Pax (+9,3%) – nun harzt es erneut.
Einige globale Zahlen zum Vergleich: Weltweit legten die Kreuzfahrten 2025 gemäss CLIA um 7,5% auf 37,2 Mio. Pax zu. Der weltweit grösste Markt Nordamerika verzeichnete ein Wachstum um 7,5% (22,1 Mio. Pax), der zweitgrösste Markt Europa wuchs um 5,3% (8,9 Mio. Pax). Auch alle übrigen Weltregionen verzeichneten ein Plus.
In Europa hatte 2025 Deutschland mit 2,8 Mio. Pax (+10%) die Nase vorne, gefolgt von UK & Irland mit 2,5 Mio. Pax (+5,7%). Italien, die europäische Nr. 3, entwickelte sich leicht rückläufig (- 2,5%), alle weiteren relevanten europäischen Märkte konnten ihre Passagierzahlen jedoch steigern – der Cruise-Markt brummt also.
Warum also hapert es ausgerechnet in der Schweiz? Einen interessanten Anhaltspunkt liefern weitere von der CLIA erhobene Schweiz-Zahlen: Die Altersgruppe der 20- bis 40-jährigen, also vor allem Familien mit Kids, stagniert tendenziell. Die Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren, die ‘Empty-Nester’, legt dagegen etwas zu, während sich die Ü70-Gäste eher rückläufig entwickeln.
Daraus lässt sich vor allem für den Familienmarkt und jüngere Reisende ableiten: Kreuzfahrten auf bemerkenswerten Resort-Schiffen mit vielseitigen Angeboten, der ‘Massenmarkt’, findet hierzulande nicht die Nachfrage, die man auf Grund des Preis-Leistungsverhältnisses und des Erlebniswertes erwarten könnte.
Das dürfte verschiedene Gründe haben, wie man im Gespräch mit Spezialisten etwa hört: Vielleicht überfordern die spektakulären Megaliner für einige Tausend Passagiere, die aber dank ihrer Skaleneffekten erst attraktive Seereisen für die ganze Familie ermöglichen, eine hierzulande eher zurückhaltende Mentalität.
«Ferien unter Tausenden von Gästen!? – ohne mich!», hört man nicht selten. Dass die Resort-Schiffe solche ‘Massen’-Befürchtungen längst mit smarten Abläufen, unterschiedlichsten Themen-Bereichen und Programmen zu kontern wissen, rücken die Reedereien wohl zu wenig in den Vordergrund.
So haftet grossen Kreuzfahrtschiffen gerade bei Menschen, die noch nie eine Schiffsreise gemacht haben, oft ein suspektes ‘Massen-Spassdampfer’-Image an, das die Realität einer Seereise verzerrt wiedergibt. Hier ist natürlich auch die Verkaufsfront mit sachkundiger Kunden-Information gefragt.
Das Image wird zudem durch Umwelt- und Nachhaltigkeits-Bedenken eingetrübt. Obwohl sich bei den Kreuzfahrten in den letzten Jahren regulatorisch, technisch und baulich viel getan hat (und laufend getan wird), werden nach wie vor ungeprüft «Dreckschleuder»- und «Klimakiller»-Vorwürfe zitiert.
Aber ja: Selbstverständlich müssen Kreuzfahrten nicht jedermanns Sache sein, wobei es auch Widersprüche zu benennen gilt: Bei Ferien in tollen Strand-Resorts oder bei Städtereisen wird ein vielfältiges Angebotserlebnis und eine lebhaft-bunte Stimmung vorausgesetzt – warum nicht auch auf einem Resort-Schiff?
Und während ungeachtet der Klimafolgen der Flugverkehr rasant wächst und SAF noch lange Jahre Kerosin nicht ersetzen kann, werden in der Kreuzfahrt heute konkrete Klima-Massnahmen wie LNG, hybride Antriebe etc. umgesetzt und laufend weiter entwickelt.
Zu den ‘Empty Nester’: Paare, deren Kinder ausgeflogen sind und die noch im Berufsleben stehen, haben in der Schweiz oft die Mittel für Seereisen an Bord eher kleinerer Premium- oder gar Luxus-Schiffe mit einer etwas anderen Ausrichtung als die Resort-Schiffe.
Diese Reisenden schätzen ein gediegenes Produkt mit hochwertiger Kulinarik, Spa-Erlebnis und ruhigen Rückzugsorten, ein wichtiger Aspekt stellt zudem die Route dar. Nicht selten sind es Repeater, die sich ein ‘Upgrade’ leisten.
Dasselbe gilt eigentlich auch für die nicht mehr berufstätige Generation der Boomer und Ü70. Dass sich hier die Nachfrage derzeit eher rückläufig entwickelt, könnte gegenwärtig mit einer gewissen allgemeinen Verunsicherung zusammenhängen.
Krisen, Kriege und unvorhersehbare geopolitische Entwicklungen sind nicht eben der ideale Nährstoff für unbeschwerte Weltentdecker-Kreuzfahrten – insbesondere nicht für Menschen, die in der Regel etwas mehr Wert auf Sicherheit legen.
Um auf die CLIA-Zahlen zurückzukomen: Die Passagierzahlen sagen letztlich nicht alles über einen Cruise-Markt aus. Fast alle Reedereien bestätigen nämlich die Hochwertigkeit des hiesigen Marktes: Schweizerinnen und Schweizer leisten sich etwas und buchen eher eine Balkonkabine als eine Innenkabine.
Diese werthaltig-attraktive Bedeutung des Marktes Schweiz wird – mit Ausnahmen – von vielen Reedereien verkannt. Marketinganstrengungen und Werbegelder fliessen in die brummenden Top-Märkte, der kleine, aber lukrative Nischenmarkt Schweiz wird kaum gefördert oder gar links liegengelassen. Von nichts kommt nichts.
Letztlich ist die Schweiz ein Binnenland, Hochsee-Schiffsreisen sind nicht Teil unserer DNA. Das ist keine neue Einsicht, hat aber unverändert zur Folge, dass auch im Reisebüro Kreuzfahrten – oft aus Ermangelung persönlicher Erfahrung – nicht überall proaktiv und unbelastet vorgeschlagen werden.
Vor vielen Jahren gab es mal eine ‘IG Schiffsreisen’, eine informelle Initiative Schweizer Kreuzfahrt-Vermittler, die gemeinsam B2B-Aktivitäten zur Förderung der Seereisen entwickelten. Wäre es vielleicht erneut an der Zeit für ein ähnliches Projekt, anstatt dass jeder sein eigenes (unbefriedigendes) Süppchen kocht?
Beat Eichenberger








