
Während Corona war das Thema vorübergehend vom Tisch. Doch inzwischen ist es wieder in aller Leute Munde: Beliebte Ferien- und Reiseziele leiden da und dort unter (zu) grossem Besucher-Andrang.
Overtourismus kann den Charme, die Identität und das authentische Erlebnis einer Destination zerstören, die Natur beeinträchtigen und die Lebensqualität der Bereisten mindern: Es drohen überlastete Infrastrukturen, Abfall- und Abwasserprobleme oder steigende Lebenskosten.
In Hafenstädten oder auf Inseln können auch Kreuzfahrtschiffe punktuell zu einer Belastung führen. Solche Destinationen, aber auch Reedereien, ergreifen nun zunehmend Massnahmen, um diesem Problem Herr zu werden.
Diese reichen von einer verschärften Gebührenpolitik (Liegegebühren, Kopfsteuern) bis zu Tageslimits für Schiffe und Passagiere oder gar Anlegeverboten. Was macht am meisten Sinn?
Ein erfahrener Experte
Sascha Gill ist seit April 2024 CEO von United Waterways, dem führenden, in Basel beheimateten Dienstleister im Bereich White-Label-Schiffsmanagement. Das umfasst von der Hotellerie über die Gastronomie bis zum technisch-nautischen Bereich und allen betrieblichen Aspekten alle Lösungen für eine Schiffsreise.
Zuvor verfolgte Hospitality-Profi Gill eine Karriere in der Spitzen-Hotellerie und bei Kreuzfahrt-Reedereien und war zuletzt beim Cruise-Verband CLIA Europe als Vice President Environment und Sustainability tätig.
Dazu gehörte auch das Thema Overtourismus – «ein Gegenstand, der mich heute als CEO eines Unternehmens und CLIA-Mitglieds wie auch als Vizepräsident der IG River Cruise natürlich weiterhin stark beschäftigt», so Gill.
Wie definiert sich Overtourismus?
Gleich zu Beginn hält Gill fest: «Overtourismus ist in der Regel nicht das Phänomen einer ganzen Stadt, sondern eines touristischen Hotspots. Wenn die Infrastruktur einer stark frequentierten Sehenswürdigkeit die Besucherzahl nicht mehr aufnehmen kann, dann haben wir Overtourismus».
Es geht also meist um den touristischen Anziehungspunkt einer Destination – eine Kirche etwa, ein Museum oder eine Ausgrabung. «Einfach viele Menschen in den Strassen ist etwas anderes – man weiss ja nicht genau, wer diese Leute sind».
Zudem würden sich die Besuchermassen meist auf einer recht kleinen Fläche der Stadt konzentrieren, nur wenige Hundert Meter von den Hotspots entfernt herrsche oft eine ganz andere Atmosphäre.
Ein weiterer wichtiger Aspekt für Sascha Gill ist die Wahrnehmung, das Empfinden von Overtourismus: «Liegt ein grosses Schiff im Hafen, so ist dieser Tourismus für jedermann offensichtlich. Das ist beim individuellen, per Flug, Bahn oder Auto generierten Tourismus aber nicht der Fall».
Er weist in diesem Zusammenhang auf die relative Kleinteiligkeit der Schiffsreisen hin: Gut 400 Einheiten tummeln sich weltweit auf Hochsee, nochmals ungefähr deren 400 auf den Flüssen. Die Passagierzahlen auf Hochseeschiffen sind aber wesentlich höher als auf Flussschiffen.
Und im Gegensatz zur Karibik, wo die Passagiere in Anlaufhäfen oft an Bord bleiben, weil der spektakuläre Megaliner die eigentliche «Destination» ist, sind Kreuzfahrten in Europa mit ihren historischen und kulturellen Anlaufzielen deutlich Destinations-bezogener.
Konkrete Massnahmen-Beispiele
Der punktuelle Einfluss der Schiffsreisen am Phänomen des Overtourismus kann somit nicht wegdiskutiert werden. Doch gemäss Sascha Gill gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, wie man diese Entwicklung managen kann.
Zum Beispiel Venedig: Grosse Cruiseliner können seit einigen Jahren nicht mehr in Venedig anlegen, sondern müssen Häfen ausserhalb anlaufen. «Die Folge: Heute hat Venedig mehr Individualtourismus als zuvor», sagt Gill.
«Zuvor verfügte Venedig über Daten, welche Schiffe wann und mit wie vielen Passagieren anlegen, die Touren konnten entsprechend gesteuert werden. Heute strömen die Kreuzfahrtpassagiere von ausserhalb individuell und unkontrolliert in die Stadt».
Besseres Beispiel Dubrovnik mit der Altstadt als Hotspot ist: «Zusammen mit der CLIA und den Reedereien wurden die Zahl der Anläufe von Kreuzfahrtschiffen und die Aufenthaltszeiten reguliert», sagt Gill.
Die Zahl der Cruise-Besucher wurde so kaum reduziert, aber die Besucherströme konnten entzerrt werden. Gill: «Wir können das Reisen nicht verbieten oder bestimmen, wer wohin reisen darf oder nicht. Aber man kann die Besucherströme besser managen»
Widersprüche in Amsterdam
Anderes Beispiel Amsterdam, das Gill mit der IG River Cruise eng begleitet: «Diese Stadt zählt jährlich rund 20 Millionen Besucher. Die Flussschiffe tragen dazu gerade mal zwei Prozent bei, trotzdem will die Stadt die Anläufe reduzieren».
Weil viele Flussreisende ihren Amsterdam-Aufenthalt verlängern, generieren sie rund 365’00 Hotel-Nächte – «eine nicht unwesentliche ökonomische Komponente», unterstreicht Gill. Dasselbe gelte etwa auch für den wichtigen Cruise-Hub Barcelona.
Auch die Anläufe von Hochseeschiffen will Amsterdam reduzieren oder gar auslagern – immer mehr Schiffe steuern deshalb Rotterdam an. «Diese Cruise-Gäste reisen dann einfach per Bus oder individuell nach Amsterdam, was weniger sichtbar ist als ein Schiff im Hafen», so Gill.
Und: «Der Cruise-Gast, der Amsterdam besuchen will, verschwindet nicht einfach – er wählt einfach ein anderes Transportmittel. Würden diese Besucher mit dem Schiff anreisen, wären die Ströme besser steuerbar».
Wer ist in der Verantwortung?
Für Gill steht fest, dass die Destinationen in der Verantwortung stehen, ihren Bürgern gegenüber das Thema Overtourismus zu managen. «Wichtig ist dabei, dass die Behörden nicht in die Wahrnehmungs-Falle tappen, sondern ein Problem gemeinsam mit den Reedereien angehen».
«Ziel muss sein, weniger individuellen, kaum steuerbaren Tourismus anzustreben, dafür einen kontrollierbaren Tourismus, wie ihn etwa Kreuzfahrtschiffe mit definierten und regulierbaren Anläufen ermöglichen», sagt Gill.
Das heisst: Besucher so durch eine Stadt führen, dass sie zu einer gewissen Zeit kommen und gehen, gewisse Hotspots zu definierten Zeiten anschauen und dann die Stadt wieder verlassen – das versteht Gill unter «managed» Tourismus.
Oder man entwickelt Alternativen, wie dies etwa bei der gefragten Donau-Destinationen Melk gemacht wird: Sind die Kapazitäten für das berühmte Stift ausgeschöpft, werden Besuche anderer, ebenso sehenswerter Klöster angeboten.
Auch die European Travel Commisson verfolge das Ziel, Kampagnen für Randgebiete zu machen, Produkte ausserhalb der Hotspots zu entwickeln und so den Tourismus umzuleiten und neu zu entwickeln, ergänzt Gill.
Keine Alternative zum «managed» Tourismus
Von den da und dort erhobenen neuen Passagiertaxen zur Regulierung des Overtourismus, wie etwa auf einigen griechischen Inseln eingeführt, hält Sascha Gill nicht viel: «Das ist reine Ironie, die nicht funktionieren wird».
Denn: «Will ein Cruise-Gast zum Beispiel Santorini besuchen, so lässt er sich nicht mit einer Gebühr davon abhalten. Was will man also mit solchen Taxen erreichen? Einfach mehr Steuereinnahmen?»
Auch für Santorini – um bei diesem Beispiel zu bleiben – gebe es nur eine einzige erfolgsversprechende Massnahme: Der Aufbau eines Systems, das die Cruise-Besuche und Inseltouren reguliert und so die Besucherströme entflechtet.
Letztlich entscheide der Passagier, wohin er reisen möchte, und dies werde auch in Zukunft so sein. «Die Hotspots werden weiterhin im Fokus stehen – da bringt es auch nicht viel, wenn Schiffe in andere Reviere verlegt werden», so Gill.
An einem «managed» Tourismus führe deshalb kein Weg vorbei, ist Sascha Gill überzeugt. «Verbote von Schiffsanläufen taugen nichts, denn dies befeuert nur den Individualtourismus, der im Gegensatz zu den Kreuzfahrten nicht steuerbar ist».
Beat Eichenberger








