
Eine hochkarätige Delegation von Holland America Line (HAL) informierte kürzlich in Zürich die Medien über aktuelle Entwicklungen und die spezielle Positionierung der Reederei: Nico Bleichrodt, langjähriger und im Markt bestbekannter Vice President International Sales & Marketing, Michael Stendebach, seit 2022 bei HAL als Vice President Food, Beverage & Guest Services an Bord und Michael Ortkemper, ebenfalls seit 2022 als Business Development Manager für den DACH-Markt verantwortlich.
TRAVEL INSIDE packte die Gelegenheit beim Schopf und bat die zwei Vice Presidents Bleichrodt und Stendebach zu einem Gespräch über den Geschäftsgang, die Besonderheiten der Marke und der Routen sowie Aspekte des Marktes Schweiz.
Die Cruise-Industrie weist inzwischen Zahlen auf, die deutlich über den Werten vor Corona liegen. Gilt dies auch für HAL?
Bleichrodt: HAL kehrte tatsächlich rascher von der Pandemie zurück als erwartet. Ab 2022 bauten wir Schritt um Schritt die Kapazitäten wieder auf, die Nachfrage entwickelte sich im selben Rhythmus ausserordentlich zufriedenstellend – seit 2023 sind unsere Schiffe fast ausnahmslos ausgelastet. Ein Zahlenvergleich mit 2019 ist jedoch nicht möglich, da wir während der Pandemie vier ältere Schiffe verkauft haben. Auf der anderen Seite stiess 2022 unser letzter Pinnacle-Neubau zur Flotte, die neue Rotterdam. Seither sind wir somit mit 11 Schiffen im Markt.
Gab es Veränderungen in Bezug auf die wichtigsten Quellmärkte?
Bleichrodt: Nordamerika, das heisst die USA und Kanada, stehen mit einem Anteil von rund 80% weiterhin prominent an der Spitze. Der internationale Markt hat über die vergangenen Jahre aber an Bedeutung gewonnen und macht heute rund 20% aus. Hier steht Europa im Vordergrund, insbesondere Holland, die DACH-Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie Grossbritannien. Auch Australien ist ein nicht unwichtiger Markt für uns.
Ist die Aussage korrekt, dass HAL vor allem eine ältere, reiseerfahrene Zielgruppe anspricht?
Stendebach: Das hängt ganz von den Routen ab. Auf kürzeren Ferienreisen, etwa in der Karibik oder in Europa, haben wir viele jüngere Leute und Familien an Bord. Im Mittelmeer können sich schon mal 100 bis 200 Kinder an Bord tummeln. Auf solchen Reisen passen wir unser Produkt wie etwa die Öffnungszeiten der Restaurants oder den Start der Shows dem Publikum entsprechend an. Auf längeren, exotischen Entdecker-Routen und Weltreisen liegt der Altersdurchschnitt der Gäste natürlich höher.
Welches sind denn die wichtigsten Cruise-Reviere für Holland America Line?
Bleichrodt: Alaska, ein traditioneller Schwerpunkt von HAL als Pionierreederei in dieser Region, ist unverändert die wichtigste Einzel-Destination. Hier haben wir saisonal sechs Schiffe im Einsatz: Zwei Einheiten auf Roundtrips ab Seattle, zwei Einheiten auf Rountrips ab Vancouver und zwei Einheiten auf Openjaws zwischen Vancouver und Anchorage oder umgekehrt mit der attraktiven Möglichkeit, die Seereise mit Landtouren in Alaska zu kombinieren. Ebenso wichtig ist aber unsere breite Palette an Longhaul-Routen in Südamerika, Asien oder im Südpazifik. Weitere tragende Reviere sind die Karibik und Europa.
Und wo kreuzen die europäischen, insbesondere die Schweizer Gäste, am liebsten?
Bleichrodt: Bei den europäischen und Schweizer Gästen stehen vor allem Alaska und die Fernreisen im Vordergrund, bei den Holländern zudem die Abfahrten ab Rotterdam und Amsterdam.
Stendebach: Von Interesse ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die unterschiedliche Gästestruktur: In Alaska oder der Karibik kennen wir einen höheren Anteil an Neukunden, während die Longhaul-Routen stark von loyalen Gästen, den Stammkunden, nachgefragt sind. Die sehr gute Auslastung hat zudem auch mit unserem Konzept zu tun, das zum Beispiel für Karibikfahrten flexiblen Gästen die Möglichkeit bietet, am Ausgangs-Terminal in Florida kurzfristig freie Last-Minute-Kabinen von No-Show-Gästen zu buchen.
In Alaska spitzt sich der Cruise-Wettbewerb immer mehr zu, etwa auch durch den Markteintritt von MSC Cruise – wächst der Druck auf HAL?
Bleichrodt: Nun, Holland America Line ist die Pionierreederei in Alaska. Wir waren die ersten vor Ort, haben alle Bewilligungen und überall die besten Anlegestellen. Zusammen mit unserer Schwesterreederei Princess Cruises sind wir in Alaska sehr stark positioniert und bieten ein Produkt, das inklusive den unterschiedlichen Landtouren umfassender und ausgefeilter ist als die Angebote unserer Mitbewerber. So sind wir zum Beispiel die einzige Reederei, die Landtouren in den Yukon nach der einstigen Goldgräber-Metropole Dawson City auflegt.
Und was sagen Sie zum Thema Overtourismus in Alaska?
Stendebach: Im Unterschied zu anderen von Overtourismus betroffenen Regionen darf man festhalten, dass Alaska nicht von den riesigen Megalinern angelaufen wird, sondern von kleineren und mittelgrossen Schiffen. Wir sind zudem traditionell eng in die lokalen Communities eingebunden, um mit ihnen dieses Thema zu strukturieren.
Bleichrodt: Das gilt übrigens auch für andere Destinationen: So pflegen wir zum Beispiel einen engen Kontakt mit den Hafenbehörden in Amsterdam, wo man die Zahl der Anläufe von Kreuzfahrtschiffen reduzieren will. Wir werden weiterhin in Amsterdam sein, vor allem auch, weil alle unsere Schiffe Landstrom beziehen können, was in Amsterdam nun möglich ist.
Was macht HAL nebst den Routen-Highlights insbesondere für Schweizer Seereisende attraktiv?
Bleichrodt: Ich denke, unsere Positionierung als international ausgerichtete Premium-Reederei mit einer grossartigen europäischen Vergangenheit spricht gerade auch Schweizer Gäste an. Holland America Line schrieb einst als Liniendienst zwischen Rotterdam und New York Geschichte, diese Seefahrt-Tradition und das entsprechende Flair leben weiter fort.
Und wie äussert sich diese Tradition heute?
Stendebach: Dies zeigt sich nur schon an der Tatsache, dass die Schiffe von Holland America Line unverändert unter holländischer Flagge fahren und alle Schiffe einen holländischen Namen tragen. Auf das Gäste-Erlebnis bezogen gibt es zum Beispiel auf jeder Kreuzfahrt einen «Dutch Day», der vom Frühstück über den Royal Dutch Tea bis zum abendlichen Gala Diner die holländische Tradition kulinarisch aufleben lässt und den Tag mit einer «Orange» Pool-Party ausklingen lässt.
Die Kulinarik spielt seit jeher eine wichtige Rolle bei HAL. Wie haben Sie diesen Bereich weiterentwickelt?
Stendebach: Nur ein kleines, aber wichtiges Beispiel: Wir backen an Bord eine neue Auswahl an köstlichen Broten, für die wir ausschliesslich deutsches Mehl verwenden. Wir haben auch die Menüs unter die Lupe genommen: Anstatt zwanzig Hauptgänge, die gut sind, setzten wir heute auf deren acht, die herausragend sind.
Und wir haben die ganze Zulieferung angepasst: Wurden früher fast alle Lebensmittel per Container aus den USA weltweit zu den Schiffen angeliefert, setzen wir heute viel stärker auf lokale Lieferanten. So beziehen wir etwa den Fisch vor allem von lokalen Fischereien und nicht mehr von Grosshändlern, damit bleibt auch die Wertschöpfung in den Communities. Diese Ausrichtung ermöglicht es uns, mehr destinationsbezogene Gerichte anzubieten, was wir mit unserem ‘Port-to-Plate’-Programm zum Ausdruck bringen, das bei den Gästen ausserordentlich gut ankommt.
Als USP von HAL gilt für mich auch das vielseitige Livemusik-Angebot…
Stendebach: Musik ist tatsächlich ein Kernelement unserer Unterhaltung, das wir auf verschiedenen Live-Bühnen mit grossartigen Künstlerinnen und Künstlern pflegen: Der B.B. King’s Blues Club, die Rolling Stone Lounge, Billboard Onboard oder Strings & More auf den Vista- und Signature-Klass-Schiffen sind äusserst beliebt. Aber auch die Shows im World Stage Theater sind Weltklasse.
Die Flotte von HAL umfasst elf Schiffe unterschiedlicher Grösse und Alters, darunter die zwei inzwischen über 25-jährigen Volendam und Zaandam. Wie lange sind diese Einheiten noch im Dienst?
Bleichrodt: Solange die Gäste diese zwei intimeren und stimmungsvollen Schiffe lieben, werden sie in der Flotte bleiben. Die Volendam und Zaandam sind vor allem auf besonderen Routen weltweit im Einsatz, die für grössere Schiffe nicht in Frage kommen. Sie werden auch laufend während der Dry-Dock-Aufenthalte im Schuss gehalten und können auf eine grosse, treue Stammkundschaft zählen.
Das heisst, es sind derzeit keine Neubauten in der Pipeline?
Bleichrodt: Nein, im Moment ist nichts geplant. Natürlich macht man sich ständig Gedanken über die weitere Entwicklung des Unternehmens, aber heute Abend kann ich nicht mit entsprechenden News aufwarten. Wobei es für mich persönlich als Sales-Verantwortlicher natürlich schön wäre, wenn wir angesichts der sehr guten Auslastung der Schiffe zusätzliche Kapazitäten kriegen würden.
Wo liegt eigentlich das Preisniveau im Vergleich mit Vor-Corona?
Bleichrodt: Wie in der gesamten Cruise-Industrie liegt auch bei uns dieses Niveau etwas höher, was ja auch für die Flugpreise gilt. Gleichzeitig können wir eine interessante Entwicklung beobachten: Unser All-inklusive-Paket ‘Have-it-all’, das ein Getränkepaket, Wifi, ein bis drei Spezialitätenrestaurants und die Crew-Tipps beinhaltet, kommt gerade in Europa ausserordentlich gut an. Im DACH-Markt buchen rund 65% der Gäste dieses Angebot, was für die tolle Arbeit unseres Business Development Managers Michael Ortkemper spricht.
Um beim Vertrieb zu bleiben: Wie entwickelt sich der Direktverkauf im Vergleich zum Reisebüroverkauf?
Bleichrodt: Dort, wo die Markenbekanntheit gross ist, etwa in den USA oder in Holland, spielt der Direktverkauf eine gewisse Rolle. Aber in den anderen Märkten, wo unser Name nicht sehr geläufig ist, werden wir vor allem über unsere Reisebüro-Partner gebucht. So auch in der Schweiz, wo das Gruppengeschäft einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Wir freuen uns, dass wir in der Schweiz seit Jahren eine gute Positionierung als internationale Premiumreederei mit spannenden Alaska- und Fernreisen geniessen und auf das Vertrauen der Reisebranche zählen können.
Beat Eichenberger








