Wo die Seeliebe durch den Magen geht

Oceania Cruises ist zwar auch im hiesigen Markt ein bekanntes, aber nicht ganz alltägliches Produkt. TRAVEL INSIDE war auf Ostsee-Erkundungsfahrt mit der Marina.
Die Marina von Oceania Cruises in Klaipeda. © BE
Howard Sherman, Präsident & CEO © BE

Howard Sherman, Präsident & CEO von Oceania Cruises, liess anlässlich einer Ostsee-Kreuzfahrt mit der Marina keine Zweifel an den Ambitionen seiner Reederei aufkommen. «Oceania setzte sich von Beginn weg das Ziel, schwimmende 5-Sterne-Hotels zu betreiben, aber ohne den formellen 5-Sterne-Touch», erklärte er vor einer mitreisenden Gruppe internationaler Medien und Vertriebspartner.

Umfassendes Modernisierungsprogramm

Kurzer Überblick: Die Marina war 2011 der erste Neubau für die 2002 gegründete US-internationale Reederei, die heute Teil der Norwegian Cruise Line Holdings ist. Bereits ein Jahr später folgte mit der Riviera ein identisches Schwesterschiff. Mit 66’084 BRZ vermessen und auf 1256 Pax ausgerichtet, sind die beiden Einheiten fast doppelt so gross wie die drei ersten Oceania-Schiffe Insignia, Regatta und Nautica, alles vormalige, zwischen 1998 und 2000 erbaute Renaissance-Schiffe für je 684 Pax (30’277 BRZ).

2016 stiess mit der Sirena (ex-Ocean Princess) ein vierter R-Liner zur Oceania-Flotte, die somit derzeit aus sechs Kreuzfahrtschiffen besteht. Aber bereits im nächsten Jahr stösst mit der Vista ein mit Spannung erwarteter Neubau zur Flotte, 2025 folgt ein Schwesterschiff.

Sherman weiter: «Die Oceania-Flotte ist heute in hervorragendem Zustand». Er nahm damit Bezug auf das Programm ‘Oceania Next’, mit dem für über 100 Millionen US-Dollar eine weitreichende Modernisierung aller Schiffe in die Wege geleitet wurde. Bereits grundlegend aufgefrischt präsentieren sich die vier kleineren Einheiten, in diesem Herbst folgt noch die Riviera und im nächsten Jahr die Marina.

Klassisch-elegantes Interieur.

Das detaillierte Eingehen auf die derzeitigen Design-Elemente, die Möblierung oder die farbliche Anmutung der Marina erübrigt sich deshalb und sei hier kurz mit klassisch-elegant und in sich höchst stimmig, inklusive Anleihen an die traditionelle Luxus-Hotellerie an Land und einer Prise Country Club umschrieben.

An dieser luxuriösen Ausrichtung wird auch die anstehende Auffrischung nichts ändern, wobei erste Renderings ein moderneres, frischeres Luxus-Verständnis versprechen.

Grosszügige, vielseitige Bordinfrastruktur

Auch baulich wird sich auf der «neuen» Marina kaum etwas ändern. Eine offene Eingangshalle mit Reception, Destinations- und Concierge-Service begrüsst die Gäste auf Deck 5. Hier liegt auch die Marina Lounge für Lektoren-Vorträge und abendliche Shows – PS am Rande: Mit Olivia Bächli ist auch eine am Broadway ausgebildete Schweizer Tänzerin im Ensemble.

Treppenaufstieg auf Deck 5.

Weiter auf Deck 5 finden sich Boutiquen mit edlen Gadgets und die Spezialitäten-Restaurants Jacques und Red Ginger – dazu gleich mehr. Ein Deck höher liegt hinten der prächtige Grand Dining Room und der Piano-Bar-Treffpunkt Martinis sowie ein kleines Casino.

Am Pool auf Deck 12 gibt es die Waves-Bar und ein Waves-Grill mit Snacks, achtern ist das (bediente) Buffet-Restaurant Terrace mit Aussenplätzen angelegt. Mit La Reserve steht ein spezieller Dining-Raum im intimen Rahmen zur Verfügung. Auf demselben Deck liegt auch das Culinary Center, die erste Kochschule auf See, und das Arts Center, wo ein Resident-Künstler die kreative Ader der Gäste fördert.

Auf Deck 14 vorne (Deck 13 fällt aus) ist die umfangreiche Canyon Spa-, Wellness- und Fitness-Infrastruktur mit exklusivem Sonnendeck untergebracht, hinten befinden sich die Spezialitäten-Restaurants Toscana und Polo Grill. Die Baristas Café-Bar bietet einen Blick über das Pooldeck, die stilvolle Bibliothek überrascht mit dunklem Holz, tiefen Ledersesseln und (künstlich) knisterndem Feuer.

Noch ein Deck höher liegt die weite, elegante Horizons Lounge mit Blick voraus, wo um vier Uhr nachmittags «very british» weiss behandschuhte Kellner Tee und Häppchen reichen und abends zu Live-Musik das Tanzbein geschwungen wird. Darüber ein offenes Deck mit Minigolf und Putting Tennis, hinten führt ein Jogging Track um das Kamin.

Pool- und Sonnendecks.

Ein, zwei ergänzende Anmerkungen: An Liegen mit dicken Polstern, die täglich frisch überzogen werden, fehlt es um den Pool und vielen weiteren Sonnenplätzen nicht. Und im Innern lohnt sich ein Blick auf die vielen Kunstwerke, vor allem originale Ölgemälde, Skulpturen und Artefakte.

Alles in allem überzeugen an Bord die grosszügigen Platzverhältnisse und die ruhige, relaxte Atmosphäre, die trotz der angebotenen Aktivitäten nirgends Hektik aufkommen lässt.

Stilvolle Kabinen und Suiten

Die Palette der geschmackvollen Kabinen und Suiten ist breit, wobei abgesehen von einigen Innenkabinen alle aussen liegen. Die 22 qm grossen Deluxe-Aussenkabinen zeichnen sich mit einem deckenhohen Panoramafenster aus, die Veranda-Kabinen (27 qm) mit Sitzbereich und Teak-Balkon und die Concierge Veranda-Kabinen zusätzlich mit speziellen Service-Leistungen und Zugang zur Concierge Lounge.

Vista Suite

Die Penthouse Suiten, mit 39 qm die «kleinsten» Suiten, punkten mit begehbarem Kleiderschrank, einem Wohn- und Essbereich, Rattan-Möbeln auf dem Balkon, geräumigem Badezimmer und Annehmlichkeiten wie Wäscheservice. Noch grösser, räumlich unterteilt und exklusiver präsentieren sich die Oceania Suiten (92 qm), die Vista Suiten (111 bis 119 qm) und die Owner’s Suiten (185 qm). Eines von vielen Suiten-Privilegien ist der Butler-Service rund um die Uhr.

«Die feinste Küche auf See»

Die klassisch-luxuriösen Schiffe sind für CEO Howard Sherman ein erster Pfeiler der Oceania-Philosophie. Der zweite Pfeiler, und das gilt natürlich auch für die Marina, ist die exquisite, vom französischen Meisterkoch Jacques Pépin inspirierte Kulinarik, welche die Reederei selbstbewusst als «feinste Küche auf See» bezeichnet.

Auf der Marina bieten verschiedene hochkarätige Gourmet-Restaurants ohne Aufpreis und mit freier Platzwahl lukullische Höhenflüge: Feinste europäische Küche wird im Grand Dining Room zelebriert, asiatische Köstlichkeiten im Red Ginger, italienische Klassiker im Toskana, französische Haute Cuisine im Jacques und ausgewählte Grill-Spezialitäten im Polo Grill.

Exquisite Gourmetküche.

Zwei, drei getestete Tipps: Der Einsteiger ‘Bouchons de Saint-Jacques au Homard’ an einer Savennières-Sauce im Jacques ist schlichtweg traumhaft, der Klassiker ‘Surf & Turf’ im Polo Grill mit Florida-Lobster und Filet Mignon tadellos.

Und im Red Ginger darf etwa das unscheinbare ‘Twice-cooked Crispy Chicken’ an exzellentem Chili-Jam und Ingwer-Schalotten-Dressing gerühmt werden. Nicht nur der Gaumen, auch das Auge wird von allen Gerichten verwöhnt.

Ein Erlebnis der besonderen Art bietet das exklusive (zuschlagspflichtige) ‘Odyssey Menu’ im intimen La Reserve mit sieben Gängen, zu denen jeweils ein passender hochwertiger Wein kredenzt wird. Aber auch das zwanglose Terrace oder der Waves Grill überzeugen mit sorgfältiger Auswahl und köstlicher Zubereitung.

Apéro vor dem La Reserve.

Der Service-Level wird dem hohen Anspruch, den sich Oceania Cruises sowohl in der Gastronomie wie in der Hotellerie gibt, durchaus gerecht.

Die vor allem asiatische Staff agiert umsichtig, herzlich und professionell. Das Verhältnis von Personal zu Gästen ist hoch, viele Fachkräfte haben in bekannten Häusern an Land gearbeitet.

Weltweite Entdecker-Routen

Als dritten Pfeiler, auf den sich Oceania Cruises abstützt, nennt CEO Sherman die Destinationen und die entsprechende Programm-Vielfalt weltweit: «Wir entwickeln laufend neue Routen und Kombinationen, wobei eine besondere Stärke bei den längeren Grand Voyages und Weltreisen liegt». Gerade die Weltreisen entpuppen sich stets wieder als Renner und sind oft rasch ausgebucht.

Ein Blick auf die Vorschau 2023 zeigt: Die Oceania-Schiffe bereisen das Mittelmeer und Nordeuropa, Alaska, Kanada und Neuengland, die Karibik, Südamerika, Asien und Afrika und den Pazifik und bieten dabei einen Mix zwischen Destinations-Highlights und weniger bekannten Zielen. Die Fahrten dauern in der Regel zwischen zehn und 20 Tagen, oftmals auch länger bis 200 Tage.

Einiges kürzer war unsere Testreise in der Ostsee, die von Kopenhagen nach Kiel, Bornholm, Visby (Gotland), Klaipeda (Litauen) und Riga (Lettland) führte. Gleichzeitig bot sich ein Einblick in das vielseitige Ausflugskonzept von Oceania mit vier bis acht unterschiedlichen Möglichkeiten pro Anlaufhafen.

Weinbauer Paulsen auf Bornholm.

Zwei Beispiele: In Bornholm führte die Tour «A Taste of Bornhom» über die Insel zum eigenwilligen Weinbauer (!) Jesper Paulsen, der launig seinen Betrieb und seine Weine vorstellte, zu einer abgelegenen, «tierfreundlichen» Metzgerei mit Verkostung von Würsten und natürlich zu den berühmten Fischbrötchen in Snogebaek.

 

Kurische Nehrung bei Klaipeda.

Etwas sportlicher war in Klaipeda die E-Bike-Tour durch herrliche Kieferwälder zu den beeindruckenden Dünen und Stränden des Naturwunders der Kurischen Nehrung.

Die unglaubliche, geschützte Landzunge zieht sich von der russischen Enklave Kaliningrad rund 100 Kilometer nordöstlich bis nach Klaipeda.

Quintessenz einer Reiseerfahrung

Kurz zusammengefasst: Haare in der Suppe zu finden macht es einem Oceania nicht einfach. Vielleicht fiel der Käseüberback der Soupe à l’Oignon im Jacques etwas gar üppig aus, und der Wandel zur nahtlosen digitalen Kommunikation ist generell noch nicht auf dem allerletzten Stand. Doch dies dürfte die eher gesetztere Zielgruppe vorderhand nicht weiter stören.

Afternoon-Tea im Horizon. © BE

Vor allem aber: Mit ihrer klar definierten Ausrichtung und dem hochwertigen, differenzierten Angebot über sämtliche Aspekte einer Kreuzfahrt zählt Oceania Cruises ohne Zweifel zu den führenden internationalen (englischsprachigen) Cruise-Reedereien, verströmt aber mit einem gewissen Understatement, viel Individualität und einer zu Recht hochgelobten Küche einen ganz eigenen, liebenswürdigen Charme.

Beat Eichenberger, Ostsee