
Die International Air Transport Association (IATA) bekräftigte ihre grosse Besorgnis darüber, dass die vom Europäischen Parlament vorgeschlagenen Reformen der EU-Verordnung 261 zu Verbraucherrechten deren Mängel verfestigen und verschlimmern würden, die zu ständig steigenden Kosten für Verbraucher und Fluggesellschaften geführt haben, ohne die Hauptanliegen der Passagiere anzugehen.
Lieber verspätet als gar nicht ankommen
Die Mängel der Verordnung EU 261 sind seit Jahren bekannt. Im Juni haben die europäischen Regierungen endlich Massnahmen ergriffen, um Änderungen an der Verordnung EU 261 vorzunehmen, die die Konnektivität gewährleisten und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Luftfahrt erhalten sollen. Auch wenn diese Änderungen bei weitem nicht perfekt sind, hat der Europäische Rat versucht, eine ausgewogenere Regelung zu erreichen – was schon immer das Ziel der Überarbeitung der Verordnung EU 261 war.
Die bemerkenswerteste Reform war die Anhebung der Schwellenwerte für Entschädigungen von derzeit drei Stunden auf vier Stunden für Kurzstreckenflüge und neun Stunden für Langstreckenflüge. Dies würde den perversen Anreiz für Fluggesellschaften verringern, verspätete Flüge zu streichen, und entspräche dem Wunsch der Passagiere, lieber verspätet anzukommen als gar nicht.
Nur 1% der Flüge hat mehr als drei Stunden Verspätung
Das Europäische Parlament strebt nicht nur die Abschaffung dieser Schwellenwertverbesserungen an, sondern möchte zahlreiche zusätzliche Massnahmen einführen, wie beispielsweise die Möglichkeit, ein Handgepäckstück kostenlos mitzuführen. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Passagiere diese Bestimmungen wünschen, geschweige denn, dass sie bereit sind, dafür höhere Flugpreise zu zahlen.
Die Passagierumfrage der IATA im Mai ergab, dass 72% einen möglichst niedrigen Flugpreis bevorzugen und zusätzliche Dienstleistungen nach Bedarf bezahlen möchten. Dieselbe Umfrage ergab, dass 97% der Passagiere mit ihrem letzten Flug ‘eher’ oder ‘sehr’ zufrieden waren.
Darüber hinaus hat eine Analyse der Eurocontrol-Statistiken durch die IATA ergeben, dass weniger als 1% der Flüge mehr als drei Stunden Verspätung haben. Das bedeutet, dass 99% der Passagiere für eine Entschädigungsregelung bezahlen, von der nur 1% der Reisenden profitiert, und dass die Entschädigungsregelung daher ein möglichst gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten sollte.
Es gibt nichts umsonst
«Jeder weiss, dass es nichts umsonst gibt. Ebenso gibt es keine ‘kostenlosen’ Gepäckstücke oder ‘kostenlose’ Entschädigungsgrenzen. Die neuen Bestimmungen des EU-Parlaments zu EU261 wirken wie ein ‘umgekehrter Robin Hood’ und verursachen zusätzliche Kosten für die 99% der Passagiere, die davon nicht profitieren. Sie schreiben Dinge vor, die die Menschen nicht gefordert haben und für die sie nicht bezahlen wollen, es sei denn, sie entscheiden sich dafür. Hätten sie die Wahl, würden die Fluggäste lieber für ein weniger grosszügiges Entschädigungssystem bezahlen, wenn sie dafür niedrigere Flugpreise bekämen.
Die Abgeordneten mischen sich in geschäftliche und betriebliche Angelegenheiten ein, von denen sie keine Ahnung haben. Es ist unerlässlich, dass die Vorschläge des Parlaments geändert und die Position des Rates beibehalten wird. Die beste Garantie für einen hervorragenden Kundenservice sind Auswahlmöglichkeiten und Wettbewerb, die ein florierender Luftverkehrsmarkt bietet. Eine korrekte Reform der EU261 kann der Ausgangspunkt für eine sinnvolle Wettbewerbsstrategie für die europäische Luftfahrt sein und zeigen, dass die europäischen Politiker die Lehren aus dem Draghi-Bericht des letzten Jahres und die Notwendigkeit weniger und intelligenterer Vorschriften ernst nehmen», sagte Willie Walsh, Generaldirektor der IATA.
Dringender Handlungsbedarf
Der Handlungsbedarf wird immer dringlicher. Das Wachstum der europäischen Luftverkehrsanbindung hat sich in einigen der wichtigsten Märkte verlangsamt. Untersuchungen der IATA Economics zeigen, dass im Zeitraum 2014-2024 die Anbindung Frankreichs im Durchschnitt nur um 2,2% pro Jahr, die der Niederlande um 2,9% und die Deutschlands um nur 0,4% gewachsen ist. Die Regierungen sollten alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um eine wettbewerbsfähigere Luftverkehrsbranche zu schaffen.
Das bedeutet nicht nur die richtige Reform der EU-Verordnung 261, sondern auch:
- Die Abschaffung von Passagiersteuern. Diese beeinträchtigen die Konnektivität. Einige Regierungen haben dies erkannt: Schweden hat seine Passagiersteuer im Juli abgeschafft. Deutschland hat angekündigt, dies ebenfalls zu tun. Wir fordern andere Regierungen dringend auf, dem Beispiel zu folgen.
- Änderungen an der ReFuelEU-‘Green Deal’-Verordnung und dem EU-Emissionshandelssystem (ETS). Kraftstoffhersteller sollten Anreize erhalten, erschwinglichen nachhaltigen Flugkraftstoff (SAF) herzustellen, und Fluggesellschaften sollten von dessen Verwendung profitieren können. Derzeit zahlen Fluggesellschaften eine Strafe in Höhe von USD 2,9 Mrd. für den Kauf von SAF im Vergleich zu normalem Düsentreibstoff. Dies kommt zu den Zahlungen an das ETS hinzu. Der jüngste STIP-Vorschlag der Europäischen Kommission ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es bleibt abzuwarten, wann den Worten Taten folgen werden.
Die Kombination dieser zusätzlichen Kosten macht die Gewinnmargen und die Rentabilität vieler neuer Strecken oder zusätzlicher Frequenzen höchst fragwürdig und schränkt die Auswahl für die Verbraucher ein.
(Business Traveltip)



