So ticken die Chefs von morgen

Selbstverwirklicher, spassgetrieben, Work-Life-Balance über allem: So werden die Millennials oft pauschal beschrieben. Wir haben nachgefragt – sowohl bei Touristik-Arbeitgebern als auch bei Personalvermittlern.

Das Wertesystem

Work-Life-Balance ist das meistgehörte Stichwort. «Sie hat sicher einen höheren Stellenwert als früher», sagt Doris Sciessere, Director Human Resources bei TUI Suisse, «ein Trend sind längere Auszeiten für Reisen. Die Generation geht zudem lockerer mit den Situationen und Veränderungen um.» Auch Caroline Bleiker, General Manager Schweiz von STA Travel, stellt fest: «Viele Junge arbeiten, um sich die Freizeit nach ihren Ansprüchen gestalten zu können. Am liebsten wird das Hobby mit dem Job verbunden.»

Das sagen die Personalvermittler: «Die Arbeitnehmer möchten mehr Raum für ihre privaten Bedürfnisse haben und den Beruf ohne gesundheitliche Konsequenzen ausüben – sprich, weniger Zeit in eine traditionelle Karriere investieren. Berücksichtigt man die hohe Anzahl Burnouts, sind diese Wünsche nicht unangebracht», sagt Bernie Tewlin von Travel Job Market. Diese Situation ist laut Andrea Kälin von Adova aber nicht unproblematisch: «Einerseits wollen die Leute mehr Work-Life-Balance, andererseits wird das wirtschaftliche Umfeld immer schwieriger.»

Die Ansprüche

Was bedeuten diese Werte nun für die Rekrutierung von Personal? «Es werden vermehrt Anforderungen an neue Arbeitgeber gestellt», sagt Hotelplan- Suisse-Sprecherin Prisca Huguenin-dit- Lenoir. «Einen coolen Arbeitsplatz, wenig Vorschriften und ein gutes Salär» verlangen die Millennials, präzisiert Bleiker von STA. Bei TUI hingegen stellt man keine veränderten Ansprüche fest.

Das sagen die Personalvermittler: «Allgemein sind die Mitarbeitenden nicht mehr so kompromissbereit wie früher», so Kälin. Und Tewlin zeigt einen heiklen Punkt auf: «Der heutige Arbeitnehmer ist selbstbewusster geworden. Allerdings entsprechen die Wünsche gerade bei der jüngeren Generation nicht immer der realen Wirklichkeit. Hier wäre teilweise mehr Bescheidenheit und Respekt sinnvoll.»

Das Engagement

Einmal angestellt, ist man mit den Millennials dann meist sehr zufrieden. «Wir nehmen sie als sehr engagiert und interessiert war, auch bei Abendveranstaltungen ausserhalb der regulären Arbeitszeit», lobt Sciessere von TUI. «Wenn der Sinn der Arbeit gesehen wird, ist das Engagement gross, auch in der Freizeit», bestätigt Huguenin von Hotelplan. Bleiker von STA stellt fest, dass «die Opferbereitschaft früher vielleicht grösser war, was aber auch nicht immer nur positiv war.»

Das sagen die Personalvermittler: «Eine gesunde Einstellung zur Arbeit ist immer wichtiger geworden», so Tewlin. Kälin stellt fest, dass die Opferbereitschaft abgenommen hat; die Ambitionen dieser Generation lassen sie dennoch immer wieder staunen.

Die Ausbildung

Sind die genannten Forderungen denn durch eine höhere Bildung gerechtfertigt? «Das Ausbildungsniveau ist eher hoch, vermehrt auch auf Tertiärstufe (Hochschulen, Anm. d. Red.)», bestätigt Hotelplan. Nicht immer ist das in der Branche auch gefragt: «Einen Abschluss auf Tertiärstufe gewichten wir weniger stark», sagt Dany Gehrig, CEO Globetrotter Travel Service, «breit gefächerte Reiseerfahrungen sind für uns hingegen eine wichtige Grundanforderung.» STA stellt fest, dass viele Bewerber Lücken im CV aufweisen, weil sie bereits weit gereist sind. «Dies wird von uns als Arbeitgeber aber gerne gesehen.»

Das sagen die Personalvermittler: Die Anzahl Bachelor-Absolventen ist in der Wahrnehmung von Travel Job Market gestiegen. «In der Arbeitswelt ist das praktische Know-how aber mindestens gleich, wenn nicht noch höher einzustufen», sagt Tewlin. Sowohl er als auch Kälin fragen sich: «Gibt es in unserer Branche überhaupt genügend passende Positionen für sämtliche Studienabgänger?»

Die Hierarchie

Hier sind sich die Arbeitgeber einig: Mit einem patriarchalischen Führungsstil vergrault man die jungen Mitarbeiter. «Wir pflegen allgemein einen offenen Umgang und relativ flache Hierarchien», stellt Sciessere von TUI fest. Früher war das anders: «Da waren die Hierarchien strikter. Heute tausche ich mich regelmässig mit den Lernenden aus, die sich auch eher getrauen, ihre Ideen einzubringen», sagt Globetrotter-Chef Dany Gehrig.

Das sagen die Personalvermittler: «In der Reisebranche war das Hierarchie- Denken nie so ausgeprägt wie andernorts. Und die Hierarchien werden immer flacher», so Kälin. Tewlin stellt den Branchen-Managern ein gutes Zeugnis aus: «Viele haben gemerkt, dass man mit der Einstellung ‹Ich bin der Chef und alle hören auf mein Kommando› nicht mehr weit kommt, und versuchen einen modernen Führungsstil anzuwenden.»

Die Förderung

Wie können die Millennials gefördert werden? Kuoni Schweiz hat soeben ein Talentmanagement eingeführt. Die künftigen Führungskräfte werden durch einen Mentor betreut und nehmen an einem Förderprogramm mit sechs Modulen teil. TUI hat eine Junior Management Academy, in der man während eines einjährigen Kurses Management-Skills lernt. «Viele Absolventen nehmen danach eine Kaderfunktion bei uns ein», sagt Sciessere. Bei STA gibt es eine fünfköpfige Learning&Development-Abteilung, die Führungsseminare und Leadership Academies für junge Angestellte organisiert. Hotelplan fördert die Mitarbeiter u. a. in der Personalentwicklung, und Globetrotter setzt auf massgeschneiderte Entwicklungsangebote.

Die Loyalität

Lohnt sich das alles, in einer Zeit, in der langfristige Engagements bei einem Arbeitgeber immer seltener werden? «Es stimmt, dass die Leute häufiger wechseln. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist stabil, das Risiko eines Wechsels gering», stellt man bei Kuoni fest. Auch bei Hotelplan ist die Loyalität generell etwas gesunken. Sciessere von TUI hält fest, dass es viele Möglichkeiten gebe, intern zu wechseln, weshalb die Jungen bleiben würden – so sieht es auch STA. Gehrig von Globetrotter stellt aber fest, dass den jungen Fachkräften diesbezüglich die Geduld etwas abhandengekommen sei.

Das sagen die Personalvermittler: «Wenn jemand 20 Jahre beim selben Arbeitgeber war, wird das heute bestimmt nicht mehr so positiv gewertet, im Gegenteil. Eine gewisse Kontinuität im CV ist aber nach wie vor wichtig», erklärt Kälin. Tewlin ergänzt: «Zu bemängeln ist die teils tiefe Frustrationsgrenze. Man sollte nicht gleich bei der ersten Unzufriedenheit kündigen.»

Die Branche

Zum Abschluss kommentieren die Personalvermittler, ob die Reisebranche mit ihren Jobs angesichts all dieser Punkte gut aufgestellt ist. Grundsätzlich sei es nämlich nicht schwieriger geworden, Arbeitskräfte zu vermitteln. «Veränderte Strukturen und neue Arbeitsmodelle sehen wir bei vielen Unternehmen. Wer dies noch nicht realisiert hat, wird es in Zukunft schwieriger haben, neues Personal zu rekrutieren», ist Kälin überzeugt. Auch Tewlin von Travel Job Market sieht eine erste Modernisierung in der Branche. Er glaubt zudem, dass spezialisierte Jobs, z. B. im Online-Marketing oder im technologischen Umfeld, zunehmen werden. «Was Firmenstruktur und Arbeitsmodelle anbelangt, stehen wir aber erst am Anfang einer grossen Veränderung.»

Stefan Jäggi / Elisha Schuetz

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