Swiss-Chef Vrancks: «Wir werden das Jahr gut überstehen»

Aktualisiert am 04.03.2021
Trotzdem wird eine stärkere Verkleinerung der Airline geprüft.

Die Corona-Pandemie und die weltweiten Reisebeschränkungen haben zu einem beispiellosen Einbruch bei der Swiss geführt – zum ersten Mal seit 15 Jahren schreibt die Airline einen Verlust. Der operative Verlust 2020 betrug CHF 654 Mio., mehr als der Rekordgewinn von 2019 (CHF 578 Mio.). Der Umsatz  brach 2020 gegenüber Vorjahr um 65,2% ein und lag bei CHF 1,85 Mrd.

Trotz des desaströsen Resultats bleibt Swiss-CEO Dieter Vranckx positiv: «Wir werden das Jahr liquiditätsmässig gut überstehen», sagte er bei der Präsentation der Jahresergebnisse 2020. Eine weitere Staatshilfe werde man nicht beantragen müssen. Sobald die Airline wieder zu 50% in der Luft sei, sei auch der Mittelabfluss gestoppt.

Von der Vorstellung, wieder auf 100% des Vor-Corona-Volumenst zu kommen, habe man sich allerdings verabschiedet. Man rechne jetzt mit 50% über das ganze laufende Jahr gesehen und mit 90% im Jahr 2024. Strukturell werde es weniger Nachfrage geben, vor allem und nachaltig im Business Travel. Die Option, weniger Business Class und dafür mehr Premium Economy anzubieten, sei noch nicht spruchreif. Swiss werde aber wie geplant die Premium-Sitze im letzten Quartal einführen und auch an der First Class als Alleinstellungsmerkmal auf allen Langstrecken festhalten.

Fürs laufende Jahr setzt Swiss vorab auf Tourismus und Besuchsreisen, wie CCO Tamur Goudarzi Pour ausführte. 128 Destinationen stehen derzeit im Flugplan, 85 ab Zürich, 43 ab Genf. Auch in der Corona-Krise stehe Genf nicht in Gefahr, aufgegeben zu werden, betonte Vranckx und erinnerte daran, dass Swiss dort 2019 noch schwarze Zahlen geschrieben hatte. Wenn sich eine Verlagerung vom Flug zum Zug ergeben sollte, müsse diese vom Markt her kommen.

Eine Impfpflicht für Passagiere kommt für Swiss nach wie vor nicht in Frage, wie Goudarzi Pour sagte. Die Airline werde weiterhin umsetzen, was staatliche Organe verlangten. Eine weltweit oder zumindest europaweit einheitliche digitale Lösung für einen Test- und Impfpass seien aber in diesem Zusammenhang sehr wünschenswert, ergänzte Vranckx. Ebenso wünscht er sich vom Staat mehr Stabilität in den Vorgaben und damit mehr Planbarkeit für die Airline und ihre Kunden.

Letztes Quartal 2020 war das Schlimmste

Das Aufflackern der Pandemie Ende Jahr war entsprechend dramatisch. Heftig zu Buche in der Bilanz schlug das «sehr schwache Ergebnis im vierten Quartal», in dem der Umsatz um über drei Viertel zusammenbrach. Über ein Drittel des Verlusts resultiert aus diesen drei Monaten. Andererseits hätten bereits im März 2020 eingeleitete drastische Massnahmen den Verlust im Rahmen gehalten. Wegen der sich seit Jahresbeginn immer deutlicher abzeichnenden strukturellen Veränderung der Airlinebranche würden weitere Massnahmen geprüft, um zukunftsfähig zu sein.

Das Passagiervolumen ist 2020 laut der Mitteilung auf einen Viertel von 2019 geschrumpft. 4’790’372 Passagiere wurden befördert, 74,5% weniger als im Vorjahr. Total führte Swiss 48’069 Flüge durch, was einem Rückgang um 68,2% entspricht. Auf dem gesamten Streckennetz hat Swiss insgesamt 66,4% weniger Sitzkilometer (ASK) angeboten, die Anzahl der verkauften Sitzkilometer (RPK) sank um 76,8%. Der Sitzladefaktor betrug durchschnittlich 57,9% und lag damit um 26,1 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Auf Europastrecken lag er deutlich über dem Wert der Langstrecke.

Mit einer nennenswerten Erholung rechnet Swiss erst zum Hochsommer 2021 und hofft, im Laufe des dritten Quartals wieder rund 65 % der Kapazitäten von 2019 anbieten zu können. Dabei sei zu erwarten, dass sich das Privatreisesegment schneller erholt als dasjenige der Geschäftskunden.

Dieter Vrancks, CEO Swiss.
© Lufthansa Group

«Die andauernde Pandemie stellt unser Unternehmen vor grösste Herausforderungen. Wir sind aber zuversichtlich, die Schweiz auch zukünftig passagier- und frachtseitig mit einer Vielzahl an Direktverbindungen an die Welt anbinden zu können. Diesbezüglich sind wir allerdings auf mobilitätsfördernde und möglichst einheitliche Rahmenbedingungen angewiesen, wozu für uns auch eine Gleichbehandlung aller Verkehrsmittel und -wege gehört», sagt Swiss-CEO Dieter Vranckx.

Kostensparmassnahmen zeigen Wirkung

«Auch aufgrund des für die Luftfahrt üblichen hohen Fixkostenanteils hat uns die Krise deutlich stärker getroffen als andere Branchen», erklärt Vranck«. »Um unsere Liquidität zu schonen und uns zukunftsfähig aufzustellen, haben wir unsere Kosten drastisch gesenkt.» Bereits unmittelbar nach Ausbruch der Pandemie habe Swiss zahlreiche Liquiditäts- und Kostensenkungsmassnahmen eingeleitet, Kurzarbeit im gesamten Unternehmen eingeführt sowie nicht betriebsnotwendige Projekte und Investitionen bis auf Weiteres ausgesetzt.

Markus Binkert, CFO Swiss. © Swiss Int. Airlines

«Dank der umgehend eingeleiteten drastischen Kostensparmassnahmen und des starken Beitrags von Swiss World Cargo ist es uns gelungen, den Verlust im Rahmen zu halten. Dieses Ergebnis haben wir erwartet und in unserer Finanz- und Liquiditätsplanung einkalkuliert. Jedoch hat sich seit Jahresbeginn 2021 die Situation wider Erwarten verschärft. Wir verlieren weiterhin rund zwei Millionen Schweizer Franken pro Tag und werden somit unsere Kostensparmassnahmen intensivieren müssen», erklärt Swiss-CFO Markus Binkert.

Mit den Sozialpartnern des Kabinenpersonals und der Bodenmitarbeitenden wurden bereits Massnahmenpakete vereinbart. Die Verhandlungen mit dem Pilotenverband Aeropers über einen krisentauglichen und zukunftsfähigen neuen Gesamtarbeitsvertrag sind noch nicht abgeschlossen.

Des Weiteren werden mit Hilfe von natürlicher Fluktuation, Frühpensionierungen und Teilzeit bis Ende 2021 voraussichtlich rund 1000 Vollzeitstellen abgebaut. Im Zuge dessen wurde auch die Zahl der Mitarbeitenden der oberen Führungsebenen um 20% reduziert. Zudem verkleinert die Airline ihre Geschäftsleitung von vier auf drei Mitglieder. Chief Operating Officer Thomas Frick (61) tritt dabei per Ende März 2021 planmässig von seiner Funktion zurück, wird aber noch projektbasiert für die Airline tätig bleiben. Die COO-Funktion wird wie bereits in früheren Jahren in Personalunion vom CEO übernommen.

Es wird immer schlechter

Seit Jahresbeginn habe sich die Marktsituation für die Swiss wegen erneuter Lockdowns und zusätzlicher Reiserestriktionen aufgrund neuer Virus-Varianten sowie langsamer Fortschritte bei den Impfungen massiv verschärft. Im März bietet die Airline durchschnittlich noch rund 25% des Angebots von 2019 an – in Genf musste der Minimalflugbetrieb bis Ende März verlängert werden.

«Seit Jahresbeginn hat sich die Ausgangslage massiv verschlechtert. Es zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass sich die gesamte Airlinebranche strukturell verändern wird. Folglich wird auch Swiss eine stärkere Redimensionierung prüfen müssen als bislang vorgesehen. Eine allfällige Verkleinerung der Flotte würde sich auch auf das Streckennetz, die Kosten- und Organisationsstruktur auswirken. Eine Entscheidung dazu ist noch nicht gefallen», so CEO Vranckx. (TI)


Lufthansa und Austrian Airlines

Auch die Swiss-Mutter Lufthansa hat 2020 einen Rekordverlust von EUR 6,7 Mia. eingeflogen, nach einem Gewinn von EUR 1,2 Mia. ein Jahr zuvor. Der Umsatz brach um fast zwei Drittel auf EUR 13,59 Mia. ein. Das Personal schrumpfte um 28’000 Stellen auf 110’000 Beschäftigte.

Nach dem schwierigen Start ins neue Jahr ist auch Vorstandschef Carsten Spohr für 2021 pessimistisch. Das Flugangebot dürfte lediglich 40 bis 50% des Niveaus aus dem Vorkrisenjahr 2019 erreichen. Bisher hatte er bis zu 60% für möglich gehalten.

Die Swiss-Schwester Austrian Airlines erlitt einen Verlust von EUR 319 Mio. nach einem schon 2019 bescheidenen Gewinn von EUR 19 Mio. Die Passagierzahl sank um fast vier Fünftel auf noch 3,1 Mio. beförderte Personen.