So will London-Heathrow das Loch in der Kasse stopfen

Europas grösster Airport bringt die Fluggesellschaften gegen sich auf, und für Passagiere wird es teurer. 
© London-Heathrow

Der Flughafen London-Heathrow, der grösste Airport Europas, ist laut «NZZ» weder bei Fluggesellschaften noch bei den Passagieren besonders beliebt. Das hat sich auch im vergangenen Jahr nicht geändert. Im Gegenteil: Reisende sassen im Sommer beispielsweise in stundenlangen Schlangen bei der Einreisekontrollen fest. Die Medien sprachen von der «Heathrow-Hölle».

Willie Walsh, Chef des globalen Branchenverbandes IATA, warf dem Airport unlängst in einem offenen Brief «Gier» und eine «Rückkehr zu alten Tricks» vor. Sekundiert wurde er von den Chefs der International Airlines Group (IAG), zu der British Airways zählt, und von Virgin Atlantic. Zusammen sind IAG und Virgin für die Mehrheit des Flugverkehrs in Heathrow verantwortlich. Sie wehren sich gemäss «NZZ» gegen höhere Gebühren. 
 
Das Drehkreuz im Westen Londons ist einer der weltweit wichtigsten Hubs. Langstreckenverbindungen machten vor der Pandemie mehr als die Hälfte aller Flüge aus – fast ein Viertel entfielen auf die USA. Rund 40% aller Passagiere stiegen in Heathrow um; fast ein Drittel waren Geschäftsreisende. 

Nur langsame Erholung in Sicht

Doch Langstrecken- und Geschäftsreisende mussten während der Pandemie besonders oft am Boden bleiben. Von Januar bis Ende September 2021 reisten gerade einmal 10 Millionen Passagiere über Heathrow. Im Normalbetrieb des vollen Jahres 2019 waren es 81 Millionen. Die Erholung geht langsam vonstatten: Im November lag der Betrieb immer noch um 60% unter dem Vorkrisenniveau. Dann kamen neue Restriktionen aufgrund der Omikron-Variante. 
 
Entsprechend gross ist das Loch in der Kasse. Heathrow hat seit Beginn der Pandemie nach eigenen Angaben GBP 3,4 Mrd. verloren. Doch hat der Flughafen gleichzeitig GBP 4,1 Mrd. Pfund (CHF 5 Mrd.) griffbereit, weil er neue Kreditlinien aufgetan hat. Schuldenmacherei ist für das Management nichts Neues: Insgesamt hat Heathrow bis heute Nettoverbindlichkeiten in Höhe von GBP 15,4 Mrd. angehäuft. Das ist laut «NZZ» fast so hoch wie die Vermögenswerte des Flughafens. 

Mit höheren Gebühren Umsatz steigern

Mit den neuen Cash-Reserven könnte Heathrow nach eigener Darstellung bis Februar 2023 durchhalten, wenn überhaupt kein Umsatz erzielt würde. So schlimm dürfte es aber nicht kommen. Heathrow erwartet jedoch nicht, dass sich der Verkehr vor 2026 erholt. Für das neue Jahr plant man mit 45 Millionen Passagieren und versucht, mit höheren Gebühren den Umsatz zu steigern. 
 
Der Flughafen darf über die Abgaben, die er pro Passagier von den Airlines erhebt, nicht frei entscheiden. Aufgrund der dominierenden Rolle in der britischen Luftfahrt wird das Unternehmen streng reguliert. Im Dezember billigte die Aufsichtsbehörde CAA eine schrittweise Erhöhung der Passagierabgabe von GBP 20 auf GBP 30 – ein Anstieg um stattliche 50%. Gefordert hatte der Flughafen bis zu GBP 43.

Heathrow soll Einnahmeausfälle schlucken

Schon zuvor waren die Abgaben in Heathrow die höchsten in Europa. Nun fordern die Fluggesellschaften, dass die Aktionäre von Heathrow einen Teil der Einnahmeausfälle schlucken. Der Flughafen ist komplett privatisiert. Zu den sieben Eigentümern zählen der spanische Infrastrukturriese Ferrovial, zwei Pensionsfonds sowie Staatsfonds aus Katar, Singapur und China.

An sie hat Heathrow zwischen 2012 und 2020 Dividenden von GBP 4 Mrd. ausgeschüttet. Möglich wurde das auch durch die hohe Verschuldung, sagen Kritiker. Heathrow wehrt sich mit dem Argument, unter Berücksichtigung der Inflation hätten die Aktionäre seit 15 Jahren negative Renditen erzielt.

Keine dritte Landebahn

Ausserdem wurde auch noch Heathrows wichtigstes Projekt gestoppt: der Bau einer dritten Landebahn. Nach langem Streit lag die Freigabe der Regierung bereits vor, doch im Februar 2020 kippte ein Gericht den Entscheid. Zur Begründung hiess es, London habe die britischen Klimaziele nicht ausreichend berücksichtigt. Vor der Pandemie wäre der Stopp ein echtes Problem gewesen. Unter normalen Umständen sind 99% von Heathrows Start- und Landekapazität ausgelastet, schreibt die Rating-Agentur Moody’s. Seit Corona kann der Flughafen zumindest diese Baustelle gelassener sehen. (TI)