Der Kuoni-Verwaltungsrat ändert Konzernstrategie und will klassisches Geschäft verkaufen (Ausgabe 2015-04)

Wer kauft Kuoni Schweiz, zu welchem Preis?

Der Kuoni-Konzern ändert komplett seine Strategie und verkauft mit dem Geschäftsmodell, welches Kuoni gross gemacht hat, sein bisheriges Herzstück. Aus Sicht der Aktionäre mag dieser Entscheid, vor allem kurzfristig, von Vorteil sein. Kuoni konzentriert sich fortan auf Geschäftsfelder im Bereich Dienstleistungen, mit Schwerpunkt im wachsenden Asien-Markt. Die Firma – gegründet 1906 – hofft, hier seinen Aktionären langfristig unter dem Strich bessere Renditen mit höheren Margen zu präsentieren. Wie nachhaltig dieses Visa-, Bettenbank- sowie Destinations-Geschäft wirklich ist, wird sich zeigen.

Emotional betrachtet ist der überraschende Entscheid des langjährigen Schweizer Branchenleaders schwer zu begreifen und für die Mitarbeitenden sowie für die Branche nicht nachvollziehbar. Als desaströs und als absolute Katastrophe muss man die Art und Weise sowie den Zeitpunkt der Bekanntgabe taxieren. Die Konzernleitung unter dem «neuen» Präsidenten Heinz -Karrer (Economiesuisse) hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Das Vorgehen erinnert beinahe an das Swissair-Grounding, einer Ankündigung mit ungeahntem Ausmass. Damit schadet der Konzern den zu veräussernden Teilen im dümmsten Moment mit einer diffusen Informationspolitik, ausgerechnet zu Beginn der Buchungssaison. Auch den angestrebten Verkauf geht die Führung nicht wirklich professionell an, wie es den Anschein macht. Man will sich offenbar, koste es was es wolle, vom ehemals angestammten Geschäft entledigen und lässt dieses wie eine heisse Kartoffel fallen. Mit jedem Tag der Ungewissheit wird der Wert der -Unternehmung sinken.

Dass Kuoni mit seinem eigenen Touroperating – nicht nur in der Schweiz – Mühe hat, war schon seit geraumer Zeit für Insider bekannt. Sondierungsgespräche mit TUI Suisse wurden vom damaligen Konzernleitungs-Mitglied Stefan Leser abgebrochen.

Kuoni Schweiz ist zweifelsohne nach wie vor eine interessante Akquisitionsmöglichkeit. Und nach dem hilflosen Gebaren der Konzernleitung dürfte es vermutlich täglich ein besseres Schnäppchen werden. Aber für wen würde dieser Kauf Sinn machen?

Als Interessent hat sich bislang die Hotelplan-Führung klar in Position gebracht. Einige ehemalige Kuoni-Manager sehen jetzt diese Akquisition als grosse 

Chance an, nachdem vor einigen Jahren ein Zusammengehen letztlich am Veto der Migros gescheitert war. Die Migros ist bereits Kuoni-Aktionärin, sieht dieses Engagement bislang als finanzielle und nicht strategische Investition. Kuoni und Hotelplan haben im Filialnetz, im Tour Operating und auch bei den Spezialisten-Marken sehr viele Überschneidungen. Im Bereich IT könnten indes Synergien genutzt werden.

Spannend könnte Kuoni Schweiz für die Rewe Group werden. Und/oder für die Migros-Mitbewerberin Coop. Beide Unternehmen sind über ihre gemeinsame Tochter und Joint Venture ITS-Coop in der Schweiz aktiv – mit einem relativ bescheidenen Volumen allerdings. Hier könnte die Kuoni-Akquisition durchaus Sinn machen. Ob nun jeder alleine oder gemeinsam als ITS-Coop.

Aber auch für den Schweizer Peter Fankhauser, Big Chief von Thomas Cook und selber ein Ex-Kuonianer, hat sich die Ausgangslage geändert. Bislang war er mit einem Ableger eher «bescheiden» in der Schweiz aktiv, weil er die bestehende allzu grosse Konkurrenz meiden wollte. Nun könnte er sich in den Markt grossflächig «einkaufen».

Von den möglichen Interessenten kann man nebst der deutschen FTI (zusammen mit Samih Sawiris) auch das Familien-Unternehmen Diethelm Keller nennen: Diese Holding besitzt Diethelm Travel, STA Travel und seit kurzem auch 50 Prozent der Globetrotter Group. Dies könnte die Phantasie der Beteiligten beflügeln. Oder dann kommen Finanzinvestoren zum Zug.

Kuoni Schweiz wird – soweit der Konzern oder deren mit dem Kauf beauftragte globale Investment-Bank nicht bereits intensive Verkaufsgespräche geführt haben – laufend an Wert verlieren je länger der Verkaufsprozess dauert. Gewisse Finanzspezialisten sprechen von CHF 400 bis 500 Mio. Kaufpreis. Der im Bereich Travel ausgewiesene Merger-&-Acquisition-Spezialist Stephan Hitz kann keine seriöse Bewertungsüberlegung anstellen, dazu müssten zuerst relevante Finanzzahlen wie EBITDA auf Länderebene bekannt sein. Für Hitz von Bedeutung ist zudem das Nutzungsrecht für den Brand Kuoni im B2C-Geschäft, der einen hohen Stellenwert geniesst.

CEO Marcel Bürgin, erst seit April 2014 an der Spitze, ringt derweil um die Motivation seiner über 1300 Mitarbeitenden am Hauptsitz und in den 81 Filialen. Er sieht sich keineswegs als Lame Duck und gibt sich total kämpferisch. Er glaubt gar an eine bessere Zukunft unter einem neuen Besitzer. Indes: Das Vertrauen der Kundschaft ist ob dieser medial unglücklich verbreiteten Information ziemlich angeschlagen. Und gerade dieses Vertrauen ist im klassischen und stationären Reisegeschäft fundamental.

Angelo Heuberger
Herausgeber